Freitag, 12. April 2024

Kommentar zur Russlandrede
Als Orientierungsgeber fällt der Papst aus

Bei seiner Rede an die russische Jugend hat Papst Franziskus das „große Russland“ gelobt. Klare Worte gegen den Aggressor Putin habe er nicht gefunden, kommentiert Christiane Florin. Als Orientierungsgeber im Ukraine-Krieg falle der Papst aus.

Von Christiane Florin | 02.09.2023
Papst Franziskus bei einer Rede im Vatikan.
Papst Franziskus bei einer Rede im Vatikan: Vor einigen Tagen sprach er zu russischen Jugendlichen. (picture alliance / dpa / MAXPPP / Riccardo De Luca)
Franziskus hat einen hohen Unterhaltungswert. Er gibt gern Interviews im Flugzeug, wobei die Flughöhe oft im umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Gedankentiefe steht. Kaum ist er gelandet, bleibt von seinen ohnehin wolkigen Reformversprechen nichts mehr übrig.
Ab und an liefert er etwas Handfestes. Allerdings nicht zu innerkirchlichen Themen, sondern zur Politik. Vor einigen Tagen sagte er zu russischen Jugendlichen: „Vergesst niemals das Erbe. Ihr seid Erben des großen Russlands: des großen Russlands der Heiligen, der Könige, des großen Russlands von Peter dem Großen, von Katharina II."
So denkt er also. Als Jorge Mario Bergoglio vor zehn Jahren gewählt wurde, stellte sich der Argentinier als Mann vom anderen Ende der Welt vor. Seine Biografie ist, anders als die seiner Vorgänger, kaum vom Ost-West-Konflikt geprägt, eher von dem, was man früher Nord-Süd-Gefälle nannte.

Kapitalismuskritik und harsche Worte für die EU

Der polnische Papst Johannes Paul II. war ein wichtiger Akteur im ideologischen Kampf gegen den Kommunismus, rückblickend betrachtet wirkt seine Wahl an die Spitze der römisch-katholischen Kirche wie ein erster Riss im eisernen Vorgang. Franziskus dagegen kritisierte von Anfang an das kapitalistische System, die Globalisierung der Gleichgültigkeit gegenüber Geflüchteten, er fand harsche Worte für die EU. Und nun also lobt und preist er das große Russland.
Es war kein Flugzeuginterview. Der Papst sprach mit festem Boden unter den Füßen. Der Vatikan veröffentlichte diese Sätze zwar nicht auf seiner Homepage, aber dementierte nicht den Wortlaut. Nur die Deutung als imperialistisch wies der Vatikan zurück.

„Verwirrung und Schmerz“

Doch wie soll man das anders deuten? Es war eine Verherrlichung imperialer Herrscherinnen und Herrscher, noch dazu spirituell geheiligt. „Verwirrung und Schmerz“ hätten diese Papstworte ausgelöst, erklärte der Vorsitzende der römisch-katholischen ukrainischen Bischofskonferenz. Das ukrainische Außenministerium erklärte via Facebook, man höre russisches Großmachtdenken aus dem Mund des Papstes. Lob für Franziskus kam hingegen vom Kreml-Sprecher.
Der Mann in Weiß mag als ein spiritueller Popstar inszeniert werden wie kürzlich beim Weltjugendtag, er mag sich als lächelnder Darsteller in einer Kirchenreformseifenoper feiern lassen wie auf den Bischofssynoden. Aber wenn der Papst über die Weltläufe spricht, dann sind keine Entertainer-Qualitäten gefragt. Dann hat sein Wort Gewicht, dann gilt er als moralische Instanz – erst recht angesichts der Tatsache, dass die Zahl der römisch-katholischen Gläubigen global betrachtet wächst. Sie hören auf sein Wort. Gerade in Ländern, in denen der Katholizismus eine große Rolle spielt und in denen der Westen noch immer – und teils vergeblich – um Unterstützung für die Ukraine wirbt.
Der Vatikan behauptete, das Kirchenoberhaupt sei missverstanden worden. Auch der römisch-katholische Bischof von Kiew nahm seinen Heiligen Vater in Schutz. Die, so wörtlich, „unüberlegten“ Aussagen des Papstes hätten ihn zwar verletzt, aber man dürfe Franziskus nicht „kreuzigen“. So wird der Papst zum Opfer und jeder Kritiker zum Täter.

Klare Worte gegen den Aggressor bleiben aus

Franziskus redet viel, zum Krieg gegen die Ukraine sagt er wenig. Vor gut einem Jahr erklärte er, die Lage sei zu komplex, um zwischen Guten und Bösen zu unterscheiden. Klare Worte gegen den Aggressor Putin bleiben aus, den Kurs der NATO missbilligt er hingegen deutlich. Den Moskauer Patriarchen Kyrill warnte der Papst davor, zum Staatskleriker und zum Messdiener Putins zu werden. Dass Kyrill den Krieg als Kampf für wahre christliche Werte gegen die westliche Dekadenz verherrlicht, duldet Franziskus still.   
Auf dem Petersplatz betet er für die Opfer des Krieges und für den Frieden. Das Leid der ukrainischen Bevölkerung deutet er als Martyrium, als gehöre es zu einer religiösen Sinnerzählung. Es ehrt einen Pontifex, wenn er keinen Hass schüren will zwischen den Völkern. Aber was soll das für ein Frieden sein, der die Opfer zwar Opfer, aber die Aggressoren nicht Aggressoren nennt? Franziskus verwechselt Gerechtigkeit mit Äquidistanz, er geht auf Abstand zu den Angegriffenen. Solche Äußerungen kommen zu häufig vor, um sie für unüberlegt zu halten. Bei seiner Reise nach Zentralafrika vor einigen Monaten wurde er als Friedensfürst gefeiert. Als Orientierungsgeber im Krieg gegen die Ukraine fällt das Kirchenoberhaupt aus. Der Papst ist auf dieser Flughöhe mit einem falschen Kompass unterwegs.