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StartseiteKalenderblattParagraf 218 auf der Bühne06.09.2009

Paragraf 218 auf der Bühne

Vor 80 Jahren: Friedrich Wolfs Drama "Cyankali" wird in Berlin uraufgeführt

Eines der erfolgreichsten "Zeitstücke" der 20er-Jahre war "Cyankali" von Friedrich Wolf. Der Arzt und Dramatiker führte darin vor Augen, in welche Notlage schwangere Frauen der Unterschicht gerieten, denen der Paragraph 218 eine legale Abtreibung untersagte.

Von Eva Pfister

In dem Stück "Cyankali" thematisiert Friedrich Wolf das Schicksal ungewollt schwangerer Arbeiterinnen.  (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
In dem Stück "Cyankali" thematisiert Friedrich Wolf das Schicksal ungewollt schwangerer Arbeiterinnen. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

"Fünf Tropfen am Tag, verstehste, fünf Tropfen, nicht mehr, das ist nämlich eigentlich Gift, verstehste, aber in schwachen Lösungen, da hilft es: Cyankali!"

Die Berliner Arbeiterin Hete ist schwanger. Aber die Zeiten sind nicht gut für die Gründung einer Familie. Schon vor der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 gab es Millionen von Arbeitslosen und heftige Arbeitskämpfe. Auch Hetes Freund Paul hat gestreikt, jetzt ist er ausgesperrt worden und erhält keinen Lohn mehr. Abtreibung jedoch wird bestraft, laut Paragraf 218 mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus. So bleibt auch Hete nur die heimliche Selbsthilfe - mit dem Krämpfe auslösenden Gift Zyankali.

Das Theaterstück "Cyankali", das am 6. September 1929 im Berliner Lessingtheater uraufgeführt wurde, beflügelte die politische Kampagne gegen den Abtreibungsparagrafen. Der Dramatiker Friedrich Wolf kannte das Problem, das er auf die Bühne brachte, genau. Als Arzt bemühte er sich um die Verbesserung der Situation städtischer Arbeiterfamilien, klärte über Geburtenregelung auf und kämpfte gegen das Elend in den Mietskasernen.

"Die Wohnungen sind dick überfüllt. In der engen Küche wird gekocht, gewaschen, getrocknet. Kleinkinder schreien, die Größeren sind über ihren Schulaufgaben. Die Kostgänger und Schlafburschen essen und rauchen, ein betäubender Geruch nach Rauch, Essen, Menschen, trocknendem Gestrümpf und Arbeitszeug. Ein Lärm, dass man sein Wort nicht versteht."

Die frühen Dramen von Friedrich Wolf, der als Truppenarzt den Ersten Weltkrieg erlebte, waren vom Expressionismus und von der idealistischen Suche nach dem Neuen Menschen geprägt. 1928 trat Wolf in die Kommunistische Partei ein und verfasste sein berühmtes Manifest: "Kunst als Waffe":

"Immer wieder, wenn bei einer Zeitenwende die Achsen glühen, wenn Politik sichtbarer Teil des Lebens wurde, haben die Dichter mit in die Speichen gegriffen. Auch der wirkliche Dramatiker kann heute nicht mehr im luftleeren Raum arbeiten oder in der Museumskammer der Vergangenheit, auch für ihn heißt es: 'Die Szene wird zum Tribunal!"

Die politisch engagierten "Zeitstücke" der 20er-Jahre verhandelten Justizskandale, Putschversuche, Missstände in Erziehungsheimen oder Arbeitslosigkeit. Und eben auch den "Abtreibungsparagrafen" 218, der jedes Jahr Tausenden von jungen Frauen das Leben kostete. Das ist auch Hetes Schicksal in Friedrich Wolfs Drama. "Cyankali" war das erfolgreichste Stück auf deutschen Bühnen im Jahr 1929 und hatte eine ungeheure Wirkung, wie Erich Kästner sofort begriff:

"Am Schluss der 'Cyankali'-Aufführung, die ich besuchte, schrie eine Stimme vom Balkon: Nieder mit dem Paragrafen 218! Und ein tumultartiger Chor von Mädchen– und Männerstimmen rief: Nieder mit ihm, nieder, nieder! Und die Zeitungen greifen das Thema wieder auf, und die Ärzte werden antworten und die juristische Reichstagskommission wird Arbeit bekommen und erneut Stellung nehmen müssen. Durch ein Theaterstück veranlasst. Es macht wieder Mut!"

Die Aufführung des Theaterkollektivs "Gruppe junger Schauspieler" erlebte insgesamt 300 Vorstellungen, in Berlin und auf Gastspielreisen im In- und Ausland. Im Mai 1930 kam "Cyankali" in der Verfilmung Hans Tintners in die Kinos mit Grete Mosheim in der Rolle der Hete. Der Ruf nach Abschaffung des Abtreibungsverbots erklang immer lauter, da wurde Friedrich Wolf im Februar 1931 selbst aufgrund des Paragrafen 218 verhaftet. Das löste eine riesige Solidaritätswelle aus. Bei vielen Protestveranstaltungen wurde "Cyankali" gespielt – nun war es wirklich ein Agitationsstück, das Publikum verstand jeden Satz als Appell.

"Bitte den Krankenschein – Hätten Sie die Güte, sich etwas schneller zu äußern. Was fehlt Ihnen? - Herr Doktor, es ist doch kein Verbrechen, es ist doch wirklich kein Verbrechen, wenn Sie mir helfen?"

Friedrich Wolf wurde bald freigelassen, das Verfahren stillschweigend eingestellt. Die Abschaffung des Paragrafen 218 schien nahe, aber dann ergriffen die Nationalsozialisten die Macht. Nach dem Krieg entbrannte die Diskussion um die Abtreibung erneut, damit kehrte auch Friedrich Wolfs "Cyankali" auf die Bühnen zurück und sorgte wieder für politischen Zündstoff, in Westdeutschland bis in die 70er-Jahren hinein.

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