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Parcours von Grausamkeiten

Der Vietnamkrieg bildet die Folie, auf der Rainer Werner Fassbinder Lope de Vegas mittelalterliche Geschichte des Dorfes Fuenteovejuna neu erzählt hat. In Konstanz navigiert Andrej Woron in seinem Kraftmeier-Theater durch eine Welt von Folter, Menschenopfer und Geilheit.

Von Christian Gampert |
    1500 Theaterstücke hat der spanische Priester Lope de Vega angeblich verfasst, volkstümlich, aber meist zum Lobe von Gott und König; rund 470 davon sind erhalten. Der als ungeheuer produktiv geltende Rainer Werner Faßbinder kommt auch als Filmregisseur nicht ganz auf diese Zahl, und seine Motive waren gänzlich andere. Aber arbeitswütige, tyrannische Erotomanen waren alle beide, und dass Faßbinder 1970 "Das brennende Dorf" kurz mal zum Menschenfresser-Drama umschrieb, während bei Lope de Vega am Ende Versöhnung und Herrschermilde obsiegen, ist sicher nur veränderten Zeitumständen geschuldet.

    Bei Faßbinder ist der Vietnamkrieg, und besonders das Massaker von My Lai die Folie, auf der er die mittelalterliche Geschichte des Dorfes Fuenteovejuna neu erzählt. Der Kommandeur, der das Dorf ausbeutet und die Frauen schändet, liegt in Konstanz gleich zu Beginn grunzend auf den Planken und schlägt sich an den stattlichen Wanst, während seine Getreuen irgendwas von "Pillermann" und "Fotzen" rappen. Ja, "das Weib will genommen sein", jedenfalls in der sehr fleischlichen Männer-Welt, die Regisseur Andrej Woron da auf die Bühne bringt. Schon anfangs dreht die liebe Wäscherin Laurentia ein gutes Stück Rind durch den Wolf; am Ende rutscht selbst das spanische Königspaar in den Orkus zur Speisung für die mittlerweile kannibalischen Untertanen.

    Regisseur Andrej Woron ist eigentlich Maler, und er denkt in Bildern, in Körpern. Der "embedded journalist", den er nach Fuenteovejuna schickt, trägt einen dünnen Dalí-Bart; der Groß-Komtur, der bei Lope de Vega der eigentliche Haupt-Bösewicht ist, wird bei Woron zu einem Transvestiten mit gelben Netzstrümpfen. Der Narr leidet an Priapismus und trägt einen Riesen-Phallus vor sich her, und auch das Militär leistet einen rhythmischen Beitrag.

    Es ist ein bisschen derb, was Woron zu Faßbinders Unterdrückungs-Farce einfällt; die Inszenierung atmet mit ihrem Gut-Böse-Schema deutlich den Geist der 80iger-Jahre-Subkultur und freien Szene, in der Woron mit seinem "Teatr Kreatur" einst agierte. Andererseits liebt Woron das schräge Bauerntheater und auch das opernhafte Arrangement, den "Full Metall Jackett"-(Anti-)Kriegsfilm und das Variété. Die Dorfhure spreizt balletteus die Beine und turnt an der Stange, die Königin von Spanien trägt rote Unterwäsche und ein Geweih. Der vergewaltigende Kommandeur ist vage an den General Franco angelehnt und mutiert im Tode zum Schweinskopf, und auch der Dorf-Alkalde hat Franco-Züge, freilich eher der spießbürgerlichen Art.

    Konstanz verfügt über ein interessantes Ensemble, das von dem Drastiker Woron allerdings ständig in die Groteske getrieben wird. Richtig stille steht die Inszenierung nur einmal, nach zwei Stunden - als die vergewaltigte Laurentia blutbesudelt auf den Dorfplatz taumelt und ihr Vater, der feige Bürgermeister, mit dem schönen Satz aufwartet: "Ich weiß, dass es dich tief getroffen hat." Er plädiert für Demut gegenüber der Macht – und diese perverse Beschwichtigungs-Strategie ist der einzige psychologische Moment des Abends. Die verletzte Laurentia der Alissa Snagowski kontert mit einem Shylockschen "Ich will mein Recht", in dem nicht nur Shakespeare, sonder auch schon Lessing steckt: "Wer ist der Mensch, der einen Menschen zwingen kann." Ansonsten navigiert Woron sein Kraftmeier-Theater durch einen ganzen Parcours von Grausamkeiten, von Folter und Menschenopfer, Geilheit und Kreuzigung. Natürlich bekommt das Christentum sein Fett ab und die Monarchie, aber die große Frage ist: Wie inszeniert man eigentlich die Gewalttat? Die Darstellung des Leidens erweist sich dabei als viel stärker als alle blendenden Effekte. Das grobschlächtige politische Denken, das der Möchtegern-Dramatiker Fassbinder mit seinem "Antitheater" kultivierte, wirkt heute seltsam angestaubt, und auch die wilde Regie des Andrej Woron zeigt nur, dass die 1970er-Jahre von uns weit, weit entfernt sind.