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Parlamentswahlen
Wirtschaftliche Lage der Ukraine ist katastrophal

Krise und Konflikt, das sind derzeit die Begriffe, die wir mit der Ukraine in Verbindung bringen, in der am Sonntag ein neues Parlament gewählt wird. Wirtschaftlich ist die Ukraine bekannt als Kornkammer Europas, aber auch für seine Schwerindustrie im Osten des Landes. Diese Region liegt aufgrund der Gefechte wirtschaftlich am Boden.

Von Florian Kellermann | 24.10.2014
    Freiwillige bauen im Nordosten der Ukraine, in der KharkivRegion am 11 September 2014 an einem Schutzwall.
    Die Wirtschaft leidet unter dem Krieg, viele Arbeitskräfte fliehen oder müssen bei Wiederaufbau und Verteidigung mithelfen. ( EPA/Sergey Kozlov )
    Die Fliesen kommen schon fertig geschnitten aus dem Ofen. Auf dem Förderband laufen sie unter einem Gummirad hindurch, das die Oberfläche jeder einzelnen Platte auf mögliche Fehler prüft. Nur wenige Mitarbeiter sind in der über 400 Meter langen Halle zu sehen, die die vollautomatische Produktion überwachen.
    Zeus-Keramik ist zwar nicht der Größte, aber einer der modernsten Betriebe in Slowjansk in der Ostukraine. Die Stadt mit ihren 120.000 Einwohnern ist berühmt für ihre Keramik-Tradition, wegen der besonders geeigneten Erde in der Region.
    Firma unter Beschuss
    Doch trotz prall gefüllter Auftragsbücher standen die Maschinen zwischen Mai und September still. Serhij Barbulin, zuständig für den Export, geht vor das Fabriktor, um das zu erklären.
    "Da drüben ist der Berg Karatschun, auf ihm stand die ukrainische Armee. Und hier unten, bei der Fabrik, waren die Aufständischen, wie sie sich nennen. Hier kam es immer wieder zu Schusswechseln."
    Dabei wurde die Fabrik schwer beschädigt. An einer Stelle brach sogar die Betonmauer zusammen und Eisenträger stürzten ein. Inzwischen ist das alles wieder aufgebaut und es fallen nur noch einige faustdicke Löcher in einer Mauer auf, weil eine Granate direkt davor explodiert war.
    Separatisten steckten Räume in Brand
    Im Chefbüro zeigt der Direktor des Unternehmens Fotos. Nicht nur die Kämpfe beschädigten den Betrieb. Die Separatisten, die sich hier verbarrikadiert hatten, steckten Räume in Brand und zerstörten die Steuerungsanlage für die Produktion.
    Insgesamt schätzt Direktor Alexandr Bogoslawskyj den Schaden auf umgerechnet knapp zwei Millionen Euro.
    "Der entgangene Gewinn ist darin noch nicht enthalten. Zwischen Mai und September waren wir nicht auf dem Markt und haben viele Aufträge verloren. Manche Kunden werden wir gar nicht mehr zurückgewinnen können. Wir suchen nach neuen Absatzmöglichkeiten, aber das ist schwer bei der schwachen Konjunktur in der Ukraine, in Russland und auch in der Europäischen Union."
    Zeit vor und nach dem Krieg
    Alexandr Boguslawskyj spricht immer von einer "Zeit vor dem Krieg" und einer "Zeit nach dem Krieg", wenn er seine Lage beschreibt. Vor dem Krieg exportierte die Fabrik die Hälfte ihrer Produktion. Doch Russland, der Haupt-Abnehmer bisher, kauft nicht mehr. Auch im Inland brachen die wichtigsten Standbeine weg: Die Regionen Donezk und Luhansk, weil dort noch immer gekämpft wird - und die von Russland okkupierte Halbinsel Krim.
    Aufbau wird Jahre dauern
    Slowjansk war zwar nur knapp drei Monate in der Hand der Separatisten, doch es werde fünf Jahre dauern, bis sich seine Firma erholt, beklagt Boguslawskyj.
    "Etwa ein Viertel unserer Mitarbeiter ist aus der Stadt geflohen, als die Kämpfe begannen, und nicht mehr zurückgekehrt. Manche sind nach Russland gezogen, wo es ähnliche Unternehmen gibt. Das sind Menschen, in deren Ausbildung wir jahrelang investiert haben. Vor allem der Verlust von Mitarbeiterinnen ist ein harter Schlag. Sie können Farbnuancen der Lackierung besser unterscheiden als Männer und sind deshalb beim Sortieren der Fliesen unersetzlich."
    Wirtschaftsleistung der Region fiel um 80 Prozent
    Am Beispiel Slowjansk lässt sich erahnen, wie schlimm die Lage weiter östlich ist - in dem immer noch von Separatisten kontrollierten Gebieten. Dort liegen seit Monaten 40.000 kleinere und mittlere Betriebe still, wie die Vereinten Nationen vor Kurzem mitteilten. Die Wirtschaftsleistung der Region fiel um 80 Prozent. Auch die meisten Kohlebergwerke und Stahlhütten mussten ihre Tore schließen, einige wurden zerstört.
    Allein ihr Wiederaufbau wird Milliarden Euro kosten, schätzt Alexandr Bogoslawskyj: "Im Gegensatz zu uns sind die großen Unternehmen in Donezk und Luhansk sehr kapitalintensiv. Solche großen Anlagen lassen sich auch nicht je nach Bedarf rasch aufbauen. Ich weiß nicht, ob jemand das Risiko eingehen wird, sie wieder in Betrieb zu nehmen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie lange das dauern würde."
    Selbst wenn sich also die politische Situation in der Ukraine weiter entspannen sollte: Der Weg aus der wirtschaftlichen Krise für das Land bleibt noch sehr lang.