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StartseiteSonntagsspaziergangTraditionsreicher Karneval in Galicien03.03.2019

Parodie auf Protz und PrunkTraditionsreicher Karneval in Galicien

Karneval wird in ganz Spanien gefeiert, nirgendwo aber so traditionell wie in Galicien. Die Bräuche werden hier seit Generationen aufrecht erhalten. Jung und Alt zelebrieren sie gemeinsam. Die dörflichen Feste mitzuerleben, ist eine ganz besondere Erfahrung für alle Sinne.

Von Franz Lerchenmüller

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Dorfbewohner rennen maskiert durch die Straßen von Laza in Spanien während des galicischen Karnevals (Entroido de Laza) (dpa / NurPhoto / Joaquin Gomez Sastre)
Etwa 200 galicische Städte und Gemeinden feiern den sogenannten "Entroido" (dpa / NurPhoto / Joaquin Gomez Sastre)
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Carles Puigdemont mischt wieder mit in der spanischen Politik. Hoch zu Ross wirft er sich in die Brust und hebt an: Er, Puigdemont, komme eben aus Belgien in dieses Dorf namens Cacheiras und dieses hochkorrupte Land zurück und werde seinen Führer, den durchtriebenen Präsidenten, und die ganze korrupte Elite bei den Eiern und so weiter.

Auf seinem goldgeschmückten Pferd trägt Carles Puigdemont eine prächtige Phantasieuniform und einen reich mit Pfauen- und Straußenfedern verzierten, ein Meter hohen Hut. Im Privatleben heißt er Jesus Cebreiro, ist Drucker von Beruf und 43 Jahre alt. Heute aber tritt er als einer der Generäle von Ulla auf und liest seinem Widersacher Manuel Rajoy ordentlich die Leviten. Schon seit den Kämpfen gegen die Truppen Napoleons zu Beginn des 19. Jahrhunderts, heißt es, sind die Generäle in jedem Karneval in Cacheiras unterwegs. Als eine Parodie auf militärischen Protz und Prunk. Wird man denn gut dafür bezahlt, als General aufzutreten?

"Nein nein, im Gegenteil. Die Familien, die einen General stellen dürfen, sind sehr stolz. Einen General von Ulla zu haben, das ist eine Ehre."

Es ist also der General selbst, der in seine Ausstattung investieren muss – und das nicht hat zu knapp:

"Der Schmuck für ein Pferd hier, der Sattel, das Zaumzeug und all das, das kostet ab 2.000 Euro aufwärts. Die Uniform aber, vor allem der Hut mit den Pfauen- und Straußenfedern, die ist zwischen 3.000 und 5.000 Euro wert."

In rote Paradejacken gezwängt und reich behängt mit klimpernden Phantasieorden ziehen die zwölf Offiziere auf ihren Gäulen von Haus zu Haus. Sie liefern sich verbale Scharmützel, lehnen das angebotene Schnäpschen keinesfalls ab und lassen die Hausherren am Ende ordentlich hochleben:

"Viva"

Galicischer Karneval ursprünglicher wie nirgendwo sonst

Karneval ist in ganz Spanien eine Riesensache. Nirgendwo aber wird er ursprünglicher begangen als im Nordwesten, in Galicien. Um die 200 Städte und Gemeinden feiern dort den "Entroido", und er hat eine lange, manchmal auch bittere Geschichte, sagt General Cebreiro:

"Während der Franco Zeit musste man beim Karneval sehr vorsichtig sein. Aber man hat hier auf dem Land trotzdem weitergemacht. Heute schreiben wir unsere Reden ja alle vorher auf. Damals mussten die Leute mehr improvisieren – ganz spontan. Wenn kein Spitzel von der Guardia Civil da war, zog man vom Leder - aber vorsichtig. Denn wenn einer von der Polizei mithörte, war man schnell weg vom Fenster."

In jedem Dorf gibt es andere Kostüme, andere Bräuche und andere Geschichten, sagt Maria Iglesias, die mit dem Karneval aufgewachsen ist:

"Hier in Galicien feiert man in den Dörfern einen sehr ländlichen Karneval, einen sehr bäuerlichen Karneval. Das ist der Karneval der Menschen hier, der Einheimischen, der Nachbarn, die von Haus zu Haus gehen, sich treffen, zusammen singen und tanzen, und er unterscheidet sich doch viel von dem Karneval, den man heute in den Städten feiert."

Traditionen in Villanova de Cobres

In Villanova de Cobres sind die Madams und Galans unterwegs. Und sie sind gar prächtig ausgestattet: Auf dem Kopf balancieren sie Hüte aus Kunstrosen, Püppchen, Spiegeln und Plastikerdbeeren. Die Frauen tragen zudem pfundweise Ketten aus Glassteinen oder Silberdraht um den zarten Hals. So ziehen sie im Dutzend von Haus zu Haus, tanzen eine Art französischer Quadrille, und je nachdem, wie die Spende ausfällt, entzünden die mitmarschierenden Kanoniere dann ein paar Böller oder Raketen:

Eine wichtige Rolle spielt der Magocho, der Wächter, ganz in ein Kostüm aus Stroh gekleidet. Er passt mit seiner hölzernen Heugabel auf, dass niemand seinen Schützlingen den goldenen Zierrat vom Leibe reißt. Aber er ist auch selbst ein Schlingel, gibt Fabio García zu. Der 20-jährige Kellner geht ganz in seiner Rolle auf:

"Wir schleichen uns von hinten an die Häuser an, steigen in die Ställe ein und holen uns die Eier aus den Nestern. Denn am Karnevalsdienstag backt man immer einen besonderen Kuchen, für den man viele Eier braucht. Und wir, naja, wir ‚borgen‘ uns die in der Nachbarschaft."

Aber es bleibt ja nicht nur beim Kuchenbacken. Manchmal muss sogar das Federvieh dran glauben:

"Und wenn wir bei den Eiern sind und dabei einen hübschen Hahn entdecken, mopsen wir den gleich mit. Wir binden ihn an die Spitze eines Eukalyptusstammes, der dann eingefettet wird. Und wer es schafft, ganz hochzukommen, darf ihn dann behalten. Das ist eine alte Tradition, die wir jetzt wiederaufleben lassen, damit auch die Jungen sie nicht vergessen."

Karneval bietet Dorfbewohnern Abwechslung

Fährt man in diesen Wintertagen durch das menschenleere Bergland, in dem Baumskelette mit Flechtenbärten wie Berggeister aus dem Nebel winken, versteht man, woher die Vorliebe der Menschen für Traum- und Alptraumgestalten und ihre Sehnsucht nach grellem Bunt rühren. Wie verwunschen dämmern manche der Dörfer zwischen Ginsterbüschen, schwarzem Schiefer und grauem Himmel vor sich hin. Kein Wunder, dass ihre Bewohner den Karneval seit Jahrhunderten lieben – auch als Chance, endlich andere Gesichter zu sehen:

Auch in Laza geht es elegant und zugleich ein wenig übergriffig zu. Mario Coella ist im Wohnzimmer seines Hauses eben dabei, seinen Sohn in einen echten Peliqueiro zu verwandeln. Er trägt schon die Hose mit den grünen und weißen Bommeln und das weiße Hemd.

"Die Kniebundhose, das Hemd und die beiden roten Schärpen, das nähen wir jetzt zusammen, noch ein bisschen, noch mehr. Dann kommt das Torero-Jäckchen, das wird übrigens alles im Dorf von Hand gemacht. Ja, ich bin selbst viele Jahre als Peliqueiro losgezogen, aber seit ich Probleme mit den Knien habe, macht es jetzt mein Sohn."

Dann folgt der Gürtel mit den sechs Kuhglocken. Und am Ende die Maske mit dem grinsenden Gesicht, über dem sich ein Schild mit dem perfekten Porträt eines Tigers erhebt. Woher der Name für die Figur kommt, weiß niemand mehr. Aber was bedeutet sie eigentlich, wofür steht sie?

"Für Stärke. Für Stärke, Kraft und Macht. Die Peliqueiros sind die Herren dieses Karnevals. Man muss sie respektieren. Man darf sie nicht anfassen, nicht beleidigen, nicht beschmutzen,– sie stehen für reine Kraft und Stärke."

Dann ist die Rolle wohl auch nur ein paar wenigen vorbehalten?

"Nein, jeder kann Peliqueiro werden. Jeder, der die Kraft hat, die Tracht zu tragen und die Tradition respektiert."

Märsche der Karnevalsvereine

Doch jetzt geht es endlich nach draußen. Nach und nach sammeln sich die Maskenträger in Gruppen vor der Kirche. Doggen, Pumas, Wölfe, Hirsche, Löwen und Büffel sind dabei. Sie schwingen ihre Peitschen, die Schellen lärmen eine letzte Warnung, dann laufen sie los, stürmen voran und wer jetzt im Weg steht, den trifft ein Hieb oder eine breite Brust – nein, Karneval in Laza ist nichts für Weicheier: Und wieder geht es ein paar Dörfer weiter, nach Vilarinho de Conso. Dort marschieren die Folións auf, die Karnevalsvereine der umliegenden Bergorte. Sie sind in Fleecejacken und Jeans gekleidet, uniform, aber unauffällig, um die Exaltiertheit der wenigen Boteiros zu betonen. Die tragen Hemden, die dicht mit bunten Bändern bestickt sind, und hohe Kronen, die an päpstliche Tiaras erinnern, flittriges Zeug, aus dem gelbe Rosen blühen. Posalvis Castralos ist Holzfäller, 31, und stammt aus Morementeros, einem kleinen Dorf. Und er ist Boteiro seit Langem:

"Das hat alles vor Urzeiten angefangen. In meiner Familie gibt es das seit Generationen, schon mein Urgroßvater ist hier mitgelaufen. Jedes Dorf hat seine eigene Folion-Gruppe, seine Tradition, seine Musik. Und einmal im Jahr versammeln wir uns hier und präsentieren uns, damit all dies nicht verloren geht."

Den Sound zu ihren Narrensprüngen rund um ihre Stöcke liefern die Folións, bei denen sich Alt und Jung die Seele aus dem Leib trommeln. Da klirren und klimpern Eisenstange und Hämmer auf Sensen, Spaten und anderes Gerät – überaus wehrhaft klingt das, überaus bäuerlich und sehr alt. Karneval in Galicien ist eine großartige Sache. Und er hat eigentlich nur einen Nachteil: Wo immer man ist und was immer man mitmacht – leider muss man sich stets damit abfinden, dass einem zur gleichen Zeit anderswo noch viel mehr Aufregendes entgeht.  

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