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StartseiteForschung aktuell"Monopole verknappen das Angebot und erhöhen den Preis"12.09.2018

Patent auf Hepatitis-Medikament"Monopole verknappen das Angebot und erhöhen den Preis"

Für patentgeschützte Medikamente verlangten Anbieter Fantasiepreise, kritisiert Christiane Fischer vom Deutschen Ethikrat - so auch beim Hepatitis-Mittel Sofosbuvir. Mit dem sehr teuren Medikament könnten längst nicht alle Kranken behandelt werden, sagte Fischer im Dlf. Sie plädiert für die Abschaffung des Patents.

Christiane Fischer im Gespräch mit Michael Böddeker

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Ein Schild mit der Aufschrift "Europäisches Patentamt" steht am 29.06.2016 in München (Bayern) vor dem Europäische Patentamt. Foto: Sven Hoppe/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Vor dem europäischen Patentamt kämpft Ärzte ohne Grenzen gegen das Patent auf das Hepatitis-Mittel Sofosbuvir (dpa)
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Michael Böddeker: Die Leberentzündung Hepatitis C kann schlimme Folgen haben, wenn sie nicht behandelt wird. Leberzirrhose oder sogar Leberkrebs können als Spätfolgen auftreten. Das Gute ist: Hepatitis C lässt sich heilen - und zwar fast immer erfolgreich mit neuen Medikamenten. Diese Medikamente sind aber mitunter ziemlich teuer. Einige zigtausend Euro kostet die mehrwöchige Behandlung mit dem Mittel Sofosbuvir. So ist es zumindest in Europa, wo das Mittel patentgeschützt ist. Laut Ärzte ohne Grenzen kostet die Herstellung dagegen nur rund 52 Euro. Und deshalb kämpft Ärzte ohne Grenzen gerade gegen dieses Patent.

Morgen und übermorgen wird darüber vor dem europäischen Patentamt in München verhandelt - wir sprechen schon heute darüber und zwar mit Christiane Fischer. Sie ist Ärztin, Mitglied des deutschen Ethikrats und Geschäftsführerin bei der Ärzteorganisation MEZIS, die sich gegen Einflussnahme der Pharmafirmen auf Ärzte einsetzt. Ich habe sie gefragt: Ärzte ohne Grenzen hat in München Widerspruch eingelegt gegen dieses Patent - was glauben Sie: Hat das Aussicht auf Erfolg?

Christiane Fischer: Ja, das hat Aussicht auf Erfolg. Ein Patent ist ein Monopol, das ein Staat vergeben muss, wenn es beantragt wurde, wenn das Mittel, in dem Fall das Medikament, neu ist, innovativ und von der Industrie herstellbar. Aber die Welthandelsorganisation, die diesen Mindeststandard festlegt, sagt nicht, was innovativ ist. Es ist egal, ob es gut für Patientinnen und Patienten ist. Es geht darum, ob es auch therapeutisch besser ist, sagt das indische Patentrecht.

Besonderheiten im deutschen Patentrecht

Böddeker: Das heißt, das indische Patentrecht sieht das anders als das deutsche oder das europäische Patentrecht?

Fischer: Genau. Das indische Patentrecht sieht es so, dass, wenn es nur eine kleine Änderung an der bestehenden Substanz gab, das Medikament nicht patentfähig ist. Insofern rechnen wir uns durchaus eine Chance aus, dass auch in Europa das Patent oder die Patente aberkannt werden. Das Neue ist, dass man damit Hepatitis C heilen kann, aber das reicht nicht für ein Patent. Das reicht einfach nicht.

Böddeker: Das heißt, auf chemischer Ebene reicht es mitunter schon aus, um das Patent zu bekommen, wenn man eine kleine chemische Gruppe anhängt, dann ist das ein anderes Molekül, aber die Wirkung ist mitunter die gleiche wie vorher.

Fischer: Ja. Wenn man eine kleine Änderung anhängt, also ein Ester oder ein Salz oder -, dann kann man in Deutschland - und Patente sind nationales Recht - dafür ein Patent bekommen. Nicht in Ländern, die sagen, es muss ein Fortschritt gegenüber der vorherigen Substanz sein, ein therapeutischer Fortschritt wie Indien.

"Monopole verknappen das Angebot und erhöhen den Preis"

Böddeker: Das ist dann auch der Grund dafür, warum die Behandlung anderswo deutlich günstiger ist als in Europa.

Fischer: Ja, wenn kein Monopol vorliegt - wir haben alle in der Schule gelernt, Monopole verknappen das Angebot und erhöhen den Preis. Und ein Hauptgrund für Monopole sind Patente, es gibt nämlich nur einen Anbieter, der kann jeden Fantasiepreis verlangen im Falle von diesem Mittel Sofosbuvir, das kostet 43.500 Euro. Dieser Fantasiepreis ist losgelöst von Produktionskosten, 52 Euro, oder Forschungskosten, die es nur marginal gab, die in wenigen Wochen, wenn überhaupt, eingespielt sind. Das hat damit nichts zu tun. Das gibt einfach der Markt her, also nimmt man, was man kriegt.

"Patente sind ein Anreiz für falsche Forschung"

Böddeker: Trotzdem sagt jetzt der Hersteller des Medikaments, wenn das Patent aberkannt würde, dann werde man dagegen vorgehen, Patente seien das Fundament für pharmazeutische Innovationen. Und tatsächlich muss es ja auch einen Anreiz geben für kommerziell orientierte Unternehmen, damit sie überhaupt neue Mittel erforschen und auf den Markt bringen. Würde dieser Anreiz nicht wegfallen, wenn es weniger Patentschutz gäbe?

Fischer: Das älteste deutsche Patent ist von Mitte der 60er-Jahre. Vorher haben dieselben Unternehmen gesagt, Patente hemmen den Fortschritt. Also dieses Argument ist aus der Luft gegriffen, weil, wenn ich ein Patent habe und um das Patent noch zehn andere Patente drum, kann ich ja nicht weiterforschen. Das nennt man "patent thickening", also Patentverdickung. Deswegen gibt es viele Möglichkeiten, patentfrei zu forschen. Und das Zweite ist, wir sehen, dass Patente ein Anreiz für falsche Forschung sind, also es wird Forschung betrieben für Lifestyle-Krankheiten, für Erektionsstörungen, wir kennen alle das Mittel, für andere Erkrankungen, circa 85 Prozent. Die sind nicht therapeutisch notwendig, weltweit.

Böddeker: Aber die Forschung an diesen Mitteln lohnt sich finanziell, wollen Sie sagen?

Fischer: Die lohnt sich finanziell, weil das haben reiche Europäer. Wir haben keine Medikamente für Krankheiten der Armen - oder wenige Medikamente.

"Dann wäre unser Krankenkassensystem tot"

Böddeker: Noch mal zurück zum Hepatitis C-Medikament Sofosbuvir. Hepatitis C, wenn das jemand in Deutschland bekommt, würde denn die Krankenkasse die Kosten übernehmen für dieses hierzulande sehr teure Mittel?

Fischer: Ja, wenn man danach fragt. Wir haben circa 300.000 Menschen mit Hepatitis C, wir wissen es nicht genau, die Dunkelziffer ist hoch. Wenn die alle behandelt würden, wäre unser Krankenkassensystem tot, das funktioniert nicht. Also werden die behandelt mit diesem sehr teuren Medikament, die am kränksten sind, und diejenigen, die danach fragen. Die anderen werden einfach nicht behandelt oder mit einem schlechteren Medikament.

"Mittel, die 50 Jahre Patentschutz genossen haben"

Böddeker: Patente oder Schutzfristen für Medikamente laufen ja ohnehin nach einer gewissen Zeit aus, also löst sich das Problem dann mit der Zeit nicht auch von alleine?

Fischer: Möglicherweise. Also erst mal sind es 20 Jahre und nach 20 Jahren läuft ein Patent aus. Aber es könnte auch sein, dass man an der bestehenden Substanz, dafür haben wir ja diverse Beispiele, also ein Magenmittel, das hieß Omeprazol, da ist das Patent abgelaufen, dann hat man das selbe Mittel noch mal erfunden und es jetzt Esomeprazol genannt. Also man kann immer wieder Patente einführen und sogar die Ursprungssubstanz vom Markt nehmen. Das nennt man dann "evergreening" von Patenten. Wir haben Kenntnisse über Mittel, die 50 Jahre mehr oder weniger Patentschutz genossen haben.

Böddeker: Sagt Christiane Fischer. Sie ist Ärztin, Mitglied des Deutschen Ethikrats und Geschäftsführerin bei der Ärzteorganisation MEZIS. Morgen und übermorgen wird vor dem europäischen Patentamt in München über ein Hepatitis-Medikament diskutiert. Ärzte ohne Grenzen würde das Patent gerne abschaffen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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