Noch ist es Zukunftsmusik: Ein implantierbarer Chip, der im Gehirn von Epilepsiepatienten vor einem Anfall Alarm schlägt oder den Anfall sogar verhindert. An so einem System arbeitet Klaus Lehnertz an der Universität Bonn. Um damit einmal Erfolg zu haben, muss er erst einmal genau verstehen, was im Gehirn von Epilepsiepatienten eigentlich vor sich geht. Deshalb hat er tagelang mit einem so genannten EEG-Gerät die Hirnaktivität der Patienten aufgezeichnet. EEG steht für Elektroenzephalogramm. Damit messen Ärzte routinemäßig die Hirnströme. Schon seit Jahren versucht Klaus Lehnertz, in den diffusen EEG-Kurven mit Hilfe von mathematischen Verfahren ein Muster zu erkennen. Genau wie weltweit etliche andere Forscher auch:
Im Moment sieht es so aus - insbesondere in den Vereinigten Staaten scheint es so zu sein -, also ob wirklich jeder alles das, was er momentan so meint gemacht zu haben, sich patentieren lassen will. Egal, wie alt diese Verfahren sind, wie alt die Mathematik ist, die dahinter steckt - man kann sich einfach alles patentieren lassen. Es existiert ein Riesendschungel an Patenten, und im Moment sieht es so aus - insbesondere in Amerika -, dass dieser Dschungel einfach schon fast undurchschaubar wird. Und ich denke, dass in Europa die entsprechenden Forschergruppen Schwierigkeiten haben werden, wenn es denn mal gelingen sollte,..., hier entsprechende Verfahren und Geräte zu entwickeln, auch Schwierigkeiten haben werden, dass international zu vermarkten.
Europäische Forscher haben gar nicht die Möglichkeit, solche Patente vor dem europäischen Patentamt durchzusetzen. Denn unser Patentgesetz schützt vor solchen Absurditäten. In den USA ist das allerdings anders. Lehnertz:
Ganz einfache Beispiele wären Mittelwert des EEGs oder die Fourier-Transformation. Das ist Grundwissen, das man schon in der Schule lernt, und das lässt sich teilweise schon patentieren. Das ist schon faszinierend, was da passiert. Das ist vergleichbar mit dem, was in den letzten Jahren in der Genetik passiert ist. Da scheint ein ähnlicher Trend aufzukommen.
Die Fourier-Transformation wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von Jean Baptiste Joseph Fourier entwickelt. Sie ist seit dieser Zeit in den unterschiedlichsten physikalischen Bereichen ein leistungsfähiges Werkzeug zur Analyse von Wellenfunktionen. Aber erst heute - 200 Jahre nach ihrer Entdeckung - wird sie zum Patent angemeldet. Was Fourier wohl dazu sagen würde? Vermutlich würde er sich fragen, worin denn nun die patentierungswürdige Eigenleistung des amerikanischen Forschers besteht.
Die Verfahren, die wir verwenden - das ist eigentlich Allgemeinwissen. Das sind Verfahren, die teilweise seit Jahrzehnten in der Physik existieren. Was dahintersteckt, ist: Ich nehme Verfahren oder entwickle Verfahren weiter, die eigentlich für ganz andere Fragestellungen entwickelt worden sind, und wende sie jetzt einmal auf das System Gehirn an. Ich weiß nicht, ob das Sinn hat, das patentieren zu lassen, ob es überhaupt wert ist, patentiert zu werden, denn es ist ja in dem Sinne nichts Neues.
Eigentlich hat die Patentierungswut mancher Wissenschaftler auch schon fast etwas Komisches - wären da nicht die allzu ernsten Folgen:
Das Problem ist, dass hier einzelne Verfahren, die vielleicht bei einem Gesamtsystem nur einen kleinen Teil ausmachen, wenn die schon patentiert sind - egal ob das nun schwachsinnig ist, sich so etwas wie einen Mittelwert patentieren zu lassen - aber das sind Verfahren, die später einmal wahrscheinlich in jedem System verwendet werden, und da entsteht ein riesiger Machtkampf.
Als hätten die Hirnforscher nicht genug andere Probleme: Das Gehirn ist schon kompliziert genug. Das hat Klaus Lehnertz auch vielen seiner deutschen Kollegen klar gemacht. Anstatt um Patente zu kämpfen, kooperieren die deutschen Wissenschaftler nun und tauschen ihre Forschungsergebnisse untereinander aus.