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StartseiteForschung aktuellWie Comics die Angst vor medizinischen Eingriffen nehmen18.04.2019

Patienten-AufklärungWie Comics die Angst vor medizinischen Eingriffen nehmen

Sie sind wichtig, aber unbeliebt - die Aufklärungsformulare, die Patienten vor einer Operation durchlesen und unterschreiben müssen. Nicht zuletzt dient die Aufzählung der möglichen Risiken zur juristischen Absicherung der Ärzte. Eine Studie zeigt nun: Zusätzliche Illustrationen helfen den Patienten.

Von Florian Schumann

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Ein Mann trägt einen rot durchgekreuzten schweren Karton die Treppe hoch - dabei sollte er laut Bildtext eigentlich "Nicht heben" und "Nicht pressen": Patienten-Aufklärungs-Comic der Charité 2522873879_Comic_Heben.jpg (Copyright: Brand, Gao, Hamann, Martineck, Stangl/Charité)
Eine prägnante Illustration - hier zum richtigen Verhalten nach einer Operation - bleibt besser in Erinnerung als ein abstrakter Informations-Text. (Copyright: Brand, Gao, Hamann, Martineck, Stangl/Charité)
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Bei einer Linksherzkatheter-Untersuchung schieben Ärzte einen dünnen Schlauch durch eine Arterie in Richtung Herz. Dort untersuchen sie, ob es Engstellen in den Herzkranzgefäßen gibt. Dafür spritzen sie Röntgenkontrastmittel, unter Umständen müssen sie einen Stent einsetzen. All diese Maßnahmen sind in dem Aufklärungsbogen erläutert, den Patienten vor dem Eingriff unterschreiben müssen. Obwohl sie - so das Ergebnis von Studien - in vielen Fällen gar nicht richtig verstehen, was da auf sie zukommt; erläutert Verena Stangl: 

"Die Patienten sagen uns dann 'Ich les das gar nicht' oder 'Ich unterschreibe von vornherein'. Und das ist wirklich nicht gut, weil es ist wichtig, dass ein Patient - mündig sozusagen - genau weiß, was mit ihm passiert und was wir mit ihm machen. Und das ist der Hintergrund, weswegen wir uns dazu entschlossen haben, einen Comic zu entwickeln, der jeden einzelnen Schritt beschreibt und durch das Zusammenspiel von Sprache und Bild das Ganze besser erklären kann."

Vom trockenen Text zum bunten Comic

Verena Stangl ist leitende Oberärztin in der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Campus Mitte der Berliner Charité. Die Idee, Patienten mit einem Comic aufzuklären, hatte sie im Frühjahr 2016. Ausgehend vom offiziellen Aufklärungsbogen entwickelte sie zusammen mit ihrer Kollegin Anna Brand und einer Expertin für Wissenschaftskommunikation eine Sequenz von Bildern, ein sogenanntes Storyboard. Dieses setzte eine Illustratorin grafisch um.

Entstanden ist ein 15-seitiger Comic, der in mehr als 60 farbigen Einzelbildern erklärt, wie Arteriosklerose ein Herzkranzgefäß verschließen kann, wie die Katheter-Untersuchung genau abläuft und was man als Patient danach beachten muss.

Verena Stangl: "Uns war ganz wichtig, dass wir nicht nur das Comic machen, sondern es mit einer Studie validieren und verschiedene Aspekte ansprechen. Das heißt: Sind die Patienten damit zufrieden? Ist Wissenszuwachs da? Und wie ist die Angst - ein großes Problem bei einer Herzkatheter-Untersuchung - durch einen Comic beeinflusst?"

Mehr Wissen und weniger Sorgen bei Patienten

Das testeten die Forscherinnen an Patienten, die für eine Herzkatheter-Untersuchung ins Krankenhaus kamen. Vor dem Eingriff wurden alle Teilnehmer in einem ärztlichen Gespräch anhand des klassischen Aufklärungsbogens informiert. Die Hälfte der Patienten bekam zusätzlich den Comic zur Verfügung gestellt. Vor und nach dem Aufklärungsgespräch mussten die Teilnehmer verschiedene Fragebögen ausfüllen.

Die Ergebnisse waren eindeutig. Die Patienten, die zusätzlich den Comic erhielten, konnten mehr Fragen zum Eingriff korrekt beantworten. Sie waren weniger besorgt und fühlten sich besser informiert als die Teilnehmer mit der Standard-Aufklärung. Erklärt Anna Brand, die ebenfalls Kardiologin an der Charité ist und die Studie geleitet hat:

"Zum einen ist es so, dass man eben nicht nur die Textform hat, sondern die Bebilderung dazu. Und da gibt es schon verschiedene andere Studien, die gezeigt haben, dass dadurch mehr Lernkanäle simultan, also gleichzeitig aktiviert werden. Und dass dadurch die Patienten oder auch die Teilnehmer von anderen Studien mehr verstehen, aber auch sich besser an die Aufklärungsinhalte erinnern können."

Comic könnte Standard zur Patientenaufklärung werden

Zwar ist die Pilotstudie, die die Ärztinnen im Fachblatt Annals of Internal Medicine veröffentlicht haben, mit 121 Patienten noch relativ klein. Aber es ist weltweit die erste Arbeit, die zeigt, dass ein Comic effektiv über die Chancen und Risiken medizinischer Eingriffe aufklären kann. An der Charité bekommen nun alle Patienten vor der Herzkatheter-Untersuchung das bunte Heft zur Lektüre – zusätzlich zum Standard-Bogen.

Und bald könnten weitere Projekte folgen. Zwar will Verena Stangl noch nichts Konkretes verraten, aber der Bedarf an bildhafter Patientenaufklärung dürfte auch in anderen Bereichen groß sein: 

"Wir haben ein ganz, ganz gutes Feedback von den Patienten, die begeistert sind. Auch Patienten, die was anderes haben, denen wir das gegeben haben, um zu fragen: Würde es denn gut sein, auch bei deiner Erkrankung, das zu machen? Sie geben uns wirklich eine ganz positive Rückmeldung. Auch Kollegen und viele andere. Und das motiviert uns natürlich weiterzumachen."

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