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StartseiteCorsoAkustische Tagebuchnotizen19.01.2019

Patrick Siegfried ZimmerAkustische Tagebuchnotizen

Als finn. hat Patrick Siegfried Zimmer zwei Indietronic-Alben herausgebracht - und verabschiedete sich 2011 mit einem Cover-Album aus dem Musikbusiness. Nun ist er unter seinem bürgerlichen Namen zurück und veröffentlicht mit "Memories I-X" intime Pop-Songs als eine Art akustisches Tagebuch.

Von Andi Hörmann

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Patrick Siegfried Zimmer 2019 (Andi Hörmann)
Anzug, Rollkragenpullover, polierte Lederschuhe: "Ich würde sagen, ich bin Stilist", sagt Patrick Siegfried Zimmer (Andi Hörmann)
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Patrick Siegfried Zimmer: "Vielen Dank!"

Mit dem 1960 von Ray Charles interpretierten Jazzstandard und zum Evergreen avancierten "Georgia On My Mind" verabschiedet sich der Musiker finn. nach zehn Jahren aus dem Musikgeschäft. Letzter Song auf dem entrückt entzückenden Album "I Wish I Was Someone Else". Nach drei Studioalben ist 2011 Schluss.

"Das hat sich für mich als Konzept vollendet angefühlt. Also für mich war das so ein bisschen als würde ein Maler seriell malen und irgendwann das letzte Bild gemalt haben, und damit auch die Geschichte dieses Projekts zu Ende erzählt haben."

Die Spitze des Eisbergs bröckelt. Von nun an geht es in tiefste Tiefen der Persönlichkeit. Der 1977 im Schwarzwald geborene Patrick Siegfried Zimmer zieht der Indietronica den Stecker: keine verschleiernd atmosphärischen Sounds mehr, kein Pseudonym mehr, finn. ist passé. Sieben Jahre lang gab es kein musikalisches Lebenszeichen. Von nun an geht es unter bürgerlichem Namen weiter: Patrick Siegfried Zimmer. Ein Hausbesuch

Die Pippi-Langstrumpf-Philosophie

Hamburg-Ottensen, kleiner Backsteinbau am Rande des Rathenauparks. Erdgeschoss. Ein freundlicher Empfang.

"Einen wunderschönen Guten Tag! Mein Name ist Patrick Siegfried Zimmer. Und ich würde sagen, beruflich bin ich Phantast."

Kein Musiker!? Als Autodidakt ist dem diplomierten Graphikdesigner diese Berufsbezeichnung zu anmaßend. Na dann: Phantast!

"Runter gebrochen auf die Pippi-Langstrumpf-Philosophie: Ich mache mir mein Leben so wie es mir gefällt."

In der Wohnung dominieren Grautöne die Wände und das Mobiliar. Er selbst ist komplett in Schwarz gekleidet: Anzug, Rollkragenpullover, polierte Lederschuhe. Schmaler Clark-Gabel-Schnurrbart, die Frisur gescheitelt.

"Ich würde sagen, ich bin Stilist. Also mir gibt das sehr viel Halt. Also gleichzeitig auch Schönheit. Aber es hat auch was von einer Rüstung, geordnet zu sein. Ich habe einen wahnsinnigen Ordnungs-Fimmel und mag ganz klare, minimalistische Strukturen. Ich glaub', das überträgt sich dann auch auf das Äußere."

Erinnerungen an Freud und Leid

In dem Stück "Eternity", zu Deutsch: "Die Ewigkeit", aus seinem neuen Album "Memories" pfeift Patrick Siegfried Zimmer wie in der Szene eines ewigen Filmklassikers: der leichtfüßige, im Regen tanzende Fred Astaire. Es ist die erste Single aus seinem neuen Album "Memories I-X". Ein ambitioniertes Projekt hat er sich da vorgenommen: Songs wie Tagebucheinträge, Memories eben, Erinnerungen an Freud und Leid aus persönlichen Erfahrungen. Alle drei Jahre soll ein neues Album im Rahmen dieses Konzepts erscheinen.

"Dass ich jetzt gesagt habe, ich mache das bis zum 70. Lebensjahr mindestens, wenn ich so alt werden darf, war für mich auch ein Motor, und wiederum ein Rahmen, mir selber eine Richtlinie zu geben, oder ein Seil, an dem ich mich vorwärts hangeln kann."

Zehn Lieder aus den letzten neun Jahren. Hunderte Song-Skizzen hat er wieder verworfen. Auf dem Album finden sich nun transparente, luftig leichte Popsongs - durchzogen von hingebungsvoller Wehmut - sehr zurückgenommen orchestriert, wie hier in dem Stück "Waltz":

"When the rain begins to fall / You are my rainbow in the sky …"

Das mag nach einem hoffnungslosen Romantiker klingen, ist aber beim aufmerksamen Hören durchzogen von romantischem Hoffnungsschimmer, von Sehnsüchten nach ganz analoger Emotion.

Seine Musik ist fantastisch und romantisch

Und dann noch diese überraschenden Wendungen: tänzelnde Taktwechsel, mit viel Fingerspitzengefühl arrangierter Kammermusik-Pop. Patrick Siegfried Zimmer macht Wiegenlieder für Erwachsene.

Andi Hörmann: "Wie ist das hier in der Wohnung, hast Du auch eine Gitarre hier?"
Patrick Siegfried Zimmer: "Ja."
Andi Hörmann: "Würdest Du mir auch was vorspielen?"
Patrick Siegfried Zimmer: "Hm. Ich denke mal darüber nach."

Am Küchentisch ein Glas Rotwein. Im Nebenzimmer der Gitarrenkoffer. Patrick Siegfried Zimmer sitzt auf seinem Bett - davor ein anthrazitfarbener Flokati-Teppich - und greift in seine schwarz lackierte Akustikgitarre und spielt "Love" auf der Gitarre an.

Patrick Siegfried Zimmer, der Phantast. Und ja: Seine Musik ist fantastisch - im Sinne von traumwandlerisch schön. Hinten im Kinderzimmer weint sein wenige Wochen alter Sohn. Vielleicht sind es Freudentränen zu Papas Musik. Herzerwärmend ist das!

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