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StartseiteTag für Tag"Den unbestatteten Toten einen Erinnerungsort geben"23.11.2020

Paul Celan zum 100. Geburtstag"Den unbestatteten Toten einen Erinnerungsort geben"

Paul Celans Dichtung sei geprägt vom Motiv, der Toten zu gedenken, und vom Einspruch gegen das Vergessen, sagte der katholische Theologe Jan-Heiner Tück im Dlf. Celan als atheistisch oder religiös zu vereinnahmen, hält er für "unterkomplex".

Jan-Heiner Tück im Gespräch mit Andreas Main

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Das undatierte s/w-Porträt aus den 1960er Jahren zeigt den Lyriker Paul Celan (1920-1970). Der deutschsprachige Künstler aus Rumänien wurde bekannt durch die 1952 erschienene Gedichtesammlung "Mohn und Gedächtnis".  (picture alliance / Richard Koll)
Der Lyriker Paul Celan wurde heute vor 100 Jahren geboren - der Dogmatiker Jan-Heiner Tück untersucht, wie Celans Dichtung die Theologie provozieren kann (picture alliance / Richard Koll)
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Jan-Heiner Tück hat zum 100. Geburtstag des Dichters Paul Celan ein Buch vorgelegt mit dem Titel: "Gelobt seist du, Niemand: Paul Celans Dichtung – eine theologische Provokation". Jan-Heiner Tück, geboren am Niederrhein, ist Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.


Andreas Main: Herr Tück, Ihr Kollege Karl-Heinz Kuschel, auch er katholischer Theologe wie Sie, spricht von den "Konsequenzen aus dieser abgründigen Lebenserfahrung", die Paul Celan gezogen hat. Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Konsequenz aus der Erfahrung, der Shoah entkommen zu sein?

Jan-Heiner Tück: Also, die zentrale Konsequenz im Blick auf die Dichtung Paul Celans ist die, dass er den verstummten Opfern, den unbestatteten Opfern, in der Sprache einen Erinnerungsort geben möchte, dass also seine Dichtung durchtränkt ist von dem Motiv, der Toten zu gedenken und damit Einspruch zu erheben gegen alle Tendenzen zu verdrängen und zu vergessen.

  (Richard Koll / dpa / picture alliance) (Richard Koll / dpa / picture alliance)100. Geburtstag von Paul Celan: Der Dichter und der ferne Gott
Czernowitz war ein jüdisch-christlicher Schmelztiegel. Hier wurde Paul Celan am 23. November 1920 geboren. Die Eltern des Dichters wurden von den Nazis ermordet. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", schrieb er. Die Schoah prägt Celans Nachdenken über Gott. Er lästert ihn und sucht den "fernen Gott".

Main: Celan hat wörtlich gesagt: "Ich habe nie eine Zeile geschrieben, die nicht mit meiner Existenz zu tun gehabt hätte." Wenn dem so ist, könnte man denen, die sein Werk als nicht zugänglich ansehen, letztlich entgegenhalten, Paul Celans Werk sei hochpolitisch?

Tück: Also, ich würde jetzt nicht sagen, dass sein Werk hochpolitisch ist, sondern ich würde sagen, dass es falsch wäre, Celan quasi eine Ästhetisierung der Welt zuzusprechen.

Es gab anfänglich Reaktionen, die seine Lyrik als ‚Wohlklang‘ oder als ‚kontrapunktische Exerzitien auf dem Notenpapier‘, so wurde die Todesfuge kommentiert, bezeichnet haben. Das ist falsch.

Hier weist Celan darauf hin, dass fast alle seine Gedichte einen biografischen, einen historischen, teilweise auch einen politischen Hintergrund haben. Und die Celan-Forschung ist inzwischen so weit, dass sie sehr genau die Stationen, die brüchigen Stationen seiner Biografie nachgezeichnet hat, um den Hintergrund seiner Lyrik ausloten zu können, ohne die Gedichte zu reduzieren auf Protokolle von konkreten Erlebnissen, die er gehabt hat.

Jan-Heiner Tück ist römisch-katholischer Theologe und Hochschullehrer. (F. Schallhart)Jan-Heiner Tück ist römisch-katholischer Theologe und Hochschullehrer. (F. Schallhart)

Main: Sein dichterisches Lebenswerk ist ja auch ein markanter Gegenpol zur Adorno-These "Nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, ist barbarisch". Wie würde Celan heute dagegenhalten, wenn wir noch mit ihm sprechen könnten?

Tück: Celan würde sagen, das nach Auschwitz totgesagte Gedicht lebt, weil es eben der Toten gedenkt, die in Auschwitz ihr Leben verloren haben. Adorno selbst hat ja sein Diktum, dass nach Auschwitz Gedichte zu schreiben barbarisch sei, widerrufen, zurückgenommen im Blick auf die Dichtung Paul Celans, die er - lesend und betrachtend - ja auch zur Kenntnis genommen hat. Und in der postum edierten Ästhetischen Theorie würdigt er ausdrücklich Celan als den wohl bedeutendsten Repräsentanten der Nachkriegslyrik. Völlig zu Recht, wie ich finde.

"Gelobt seist du, Niemand – ein atheistisches Credo?"

Main: Wie kann man nach Auschwitz beten? Das ist eine Frage, die sich anschließt und die auch der von uns beiden bewunderte Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz immer gestellt hat. Wie beantwortet Paul Celan diese Frage?

Tück: Ja, also Metz hat gesagt, wir können nach Auschwitz beten, weil auch in Auschwitz gebetet wurde.

Der Theologe Johann Baptist Metz steht am Freitag (18.07.2008) an einem Pult in seinem Haus in Münster. 30 Jahre lang lehrte Metz als Professor für Fundamentaltheologie an der Universität in Münster, wo er bis heute wohnt. Metz gilt als Begründer der von ihm selbst so benannten "neuen Politischen Theologie".  (dpa / picture-alliance / Friso Gentsch)Der Theologe Johann Baptist Metz lehrte 30 Jahre lang als Professor für Fundamentaltheologie an der Universität in Münster. (dpa / picture-alliance / Friso Gentsch)

Bei Celan ist es so, dass er durch den abgründigen Verlust von Sprache gewissermaßen hindurchgegangen ist und, ohne im Glauben gewiss, zu sein, seine Rede an ein "du" adressiert, prominent im Gedicht "Psalm" und der Formulierung "Gelobt seist du, Niemand".

Es gibt Deutungen, die besagen: Ja, das ist das atheistische Credo. Nach Auschwitz kann man nicht mehr an Gott glauben. Auschwitz ist ein Anti-Sinai. Die Zusage Gottes, bei den Menschen zu sein, ist hier endgültig zurückgenommen worden.

Ich wäre mir da nicht so sicher. Ich würde eher sagen, die Tatsache, dass Celan das negative Pronomen "Niemand" großschreibt - wie einen Namen - und dass er es adressiert als ein "du", das er anspricht, zeigt, dass hier vielleicht doch ein fernes Echo des heiligen Gottesnamens lyrisch eingespielt wird, der bekanntlich im Judentum unaussprechlich ist, aber doch eben im Gebet angesprochen und angerufen werden kann.

"Blasphemische Passagen und verstörende Irritationen"

Main: Aber wenn Celan Niemand anspricht: Niemand ist ja nicht etwas, sondern nichts. Stellen Sie sich mal einen Gottesdienst vor, in dem eine Pastorin oder ein Pfarrer ständig Niemand preisen würde. Muss man vielleicht nicht doch akzeptieren, dass er antireligiös ist?

Tück: Es gibt in Celans Lyrik blasphemische Passagen. Es gibt verstörende Irritationen, die in keiner Weise harmonisierend stillgestellt werden sollen. Aber Celan hat selbst gesagt, dass seine Gedichte eine Vielstelligkeit des Ausdrucks transportieren. Deswegen würde ich einerseits atheistische Interpretationen als unterkomplex zurückweisen, andererseits aber auch religiöse Vereinnahmungen, wie es sie natürlich auch gegeben hat.

"Die Solidarität des Gekreuzigten neu bedenken"

Main: Herr Tück, dass Theologen so fasziniert sind von Paul Celan - und das nicht nur als lesende Privatmenschen, sondern eben auch als Theologen - das wiederum finde ich faszinierend. Was ist das Faszinosum für Sie beziehungsweise die Provokation?

Tück: Ja, da gibt es natürlich eine ganze Reihe von Provokationen. Ich nenne mal eine. Es gibt das berühmte Gedicht "Tenebrae". Hier nimmt ein jüdischer Dichter, der in Paris in der Sprache der Mörder seiner Mutter schreibt, einen lateinischen Begriff und setzt ihn über ein Gedicht. Tenebrae – Dunkelheit und Finsternis. Das spielt an auf die Karfreitagsdimension. Und dann heißt es eben:

"Nah sind wir, Herr,
nahe und greifbar.
Gegriffen schon, Herr,
ineinander verkrallt."
(Paul Celan: "Tenebrae")

Hier wird das Geschick der jüdischen Opfer quasi in eins geblendet mit der Passion des Gekreuzigten. Und ein Anstoß, der für die Theologie daraus hervorgeht, ist der: Erlösung, Kreuz nicht vor allem im Modus der Denkfigur Erlösung von Sünde und Schuld zu bedenken, sondern auch ernst zu nehmen, dass die Passionsgeschichte Jesu zum Ausdruck und Spiegel jüdischer Passionsgeschichten - im Plural - von Juden selbst beigezogen wird. Das heißt, da ist ein Anstoß, die Solidarität des Gekreuzigten mit den Verstummten, den marginalisierten Opfern neu zu bedenken.

"Nicht in unterkomplexe Gottprotzigkeit zurückfallen"

Main: Wenn Sie sagen, dass Celans Werk eine theologische Provokation sei, was halten Sie dann von einer Theologie, die sich nicht von Celan, respektive von der Shoah provozieren lässt?

Tück: Ja, es hat immer ungeschichtliche, kontextlose Theologien gegeben, die quasi das ewig Gültige sprachlich meinen transportieren zu können. Ich bin im Gegensatz dazu der Meinung, dass Theologie, die auf der Höhe der Zeit ist, sich durchaus auch von geschichtlichen Brucherfahrungen mitprägen lassen muss.

Denken Sie an die Gebrochenheits- und Zäsur-Erfahrung der jüdischen Geschichte, die ja irgendwo auch für das Christentum wichtig ist. Also, das babylonische Exil, die Zerstörung des zweiten Tempels 70 nach Christus durch die Römer. Dann die Vertreibung der Juden aus Spanien. Und jetzt eben die Shoah. Das sind tiefe Verstörungen, die die Rede von und über Gott nicht unbetroffen lassen können.

Celan, bei allen Paradoxien, bei allen negativen Wendungen, bei allen Pausen und Leerstellen, die seine Diktion durchziehen, ist hier eben faszinierend auch für eine Theologie, die unter diesen Bedingungen von Gott zu sprechen versucht und nicht in eine unterkomplexe Gottprotzigkeit zurückfällt.

Main: Jetzt möchte ich Sie bitten, kurz einen Satz zu vervollständigen. Eine gegenüber Auschwitz unempfindliche Theologie ist …

Tück: … eine Theologie, die den Opfern der Geschichte nicht entsprechend Respekt zollt und die auch den Anstoß, den gerade die Shoah bedeutet, nämlich die antijudaistischen Denkmotive der eigenen Tradition selbstkritisch aufzuarbeiten, wahrscheinlich nicht ernst genug nimmt.

Main: Jan-Heiner Tück war das, Dogmatik-Professor an der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Wien. Danke, Jan-Heiner Tück, für dieses Buch. Danke für diese Reise nach Czernowitz am 100. Geburtstag von Paul Celan. Danke für das Gespräch.

Tück: Danke ebenso.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Jan-Heiner Tück: "Gelobt seist du, Niemand: Paul Celans Dichtung – eine theologische Provokation"
Herder Verlag. 352 Seiten kosten 28 Euro.

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