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Performance "The Greatest Show On Earth""Dieses Zirkusding hat das eigentlich eher klein gemacht"

Kultur als Zirkusnummer: Auf dem Kampnagel-Sommerfestival in Hamburg soll die Zirkustradition ins 21. Jahrhundert übertragen werden. Kritiker Alexander Kohlmann hält die Schau für durchwachsen, denn zwischen den gelungenen Performances fehle die Zeit zur Reflexion.

Alexander Kohlmann im Gespräch mit Christoph Reimann | 12.08.2016

Ein Transparent mit dem Logo des Kampnagel Sommerfestivals 2016 hängt am 09.08.2016 in Hamburg auf dem Gelände der Kampnagelfabrik im Eingangsbereich an der Halle K6.
Internationale Performance-Künstler übertragen beim Kampnagel Festival den Zirkus des 19. Jahrhunderts in die heutige Zeit (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Zirkus. Für die meisten wahrscheinlich eher eine Kindheitserinnerung als ein aktuelles Vergnügen. Man denkt an Löwen in viel zu kleinen Käfigen, Clowns mit Slapstick-Einlagen und Zauberer mit Taschenspieler-Tricks. Oder: Wenn man noch weiter in der Geschichte zurückgeht: an Menschen mit Fehlbildungen, Kleinwüchsige, Aussätzige. Kurzum: Richtig PC scheint es heute nicht mehr, in den Zirkus zu gehen – mal abgesehen von ein paar Ausnahmen.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen wurde in Hamburg nun ein Zirkusprogramm für das 21. Jahrhundert entwickelt, zu sehen als Teil des Kampnagel Sommerfestivals. Versprochen dabei wird nicht weniger als The Greatest Show on Earth. Gestern wurden die Pforten dieses Zirkusses zum ersten Mal geöffnet – und mein Kollege Alexander Kohlmann hat sich für Corso unter das Publikum gemischt.
Christoph Reimann: Kampnagel bezeichnet sich selbst als Zentrum für schönere Künste, zeigt zum Beispiel Tanz-Aufführungen oder Performance-Kultur. Wie passt da denn der Zirkus rein?
Was damals die Freaks gemacht haben, machen heute zeitgenössische Choreografen
Alexander Kohlmann: Ja, das habe ich mich auch gefragt und deswegen auf dem Flur einmal den Kuratoren - oder vielleicht sollte man diesmal sagen Zirkusdirektor - Eike Wittrock einmal gefragt, wie das eigentlich zusammengeht: Zirkus und die hohen Künste:
Eike Wittrock: Wir finden es eigentlich interessant, dass wie im historischen Zirkus, was da die Freaks gemacht haben, heute eigentlich zeitgenössische Choreografen tun indem sie groteske Körperstellungen erarbeiten, indem sie die Grenzen des Körperlichen, die Grenzen von dem, was eigentlich normal ist, ausloten und damit spielen.
Kohlmann: Das ist schon wirklich eine steile These, weil es wird behauptet, dass es tatsächlich eine Gemeinsamkeit gibt zwischen der Zirkuskultur und der Performance-Kultur von heute. Also dass man sagt: Damals gab es Menschen, die man im Zirkus betrachten konnte über ihre Körperlichkeit, die Positionen vertreten haben, die vielleicht nicht Konsensfähigkeit haben und heute machen es eben die Performer.
Reimann: Ja, das hört sich an, als seien die Performance-Künstler also die neuen Zirkus-Artisten - aber wie sah das denn vor Ort aus? Also gab es ein Zirkuszelt und dazu Drehorgelmusik?
Kohlmann: Also der Bühnenbildner Philippe Quesne hat wirklich alles getan, um diese Zirkusatmosphäre aufkommen zu lassen. Wir kamen in eine riesige Halle, wo wirklich eine Manege aufgebaut war. Vier, fünf Reihen im Kreis, wo man drin saß und den schönen Effekt hatte, dass man die Kritikerkollegen auf der anderen Seite auch sehen konnte und gleich wusste, was sie sich dabei gedacht haben. Es flackerte, es waren Lichter da, es war Nebel und beim Einlass hörte man auch schon Musik von so einer Elektroband, Les Trucs waren das aus Frankfurt, die einen willkommen geheißen hat.
Extreme Kontrastbilder, zum Teil in einer Person vereint
Reimann: Elektromusik, ja okay, aber ich meine, das ist keine traditioneller Zirkusmusik. Wurde da von den Machern also vielleicht neben oder statt des Sicherheitsnetzes so eine Metaebene eingezogen? Eine ironische Brechung unseres Zirkusbildes? Was war dann auf der Bühne zu sehen?
Kohlmann: Es gab dann so nach und nach wie so ein Stelldichein der internationalen Performance-Szene. Man kann fast sagen die Enfants terribles der internationalen Performance-Szene Florentina Holzinger und Vincent Riebeek haben ein totes Artistenpaar gespielt, also so richtig verzerrt, mit Beulen und schwarzen Gesichtern, die nach dem Tod noch einmal ins Trapez gestiegen sind zu einem letzten, großen Liebesakt - oder man möchte eher von heftigem Sex sprechen - mit so einem Plastikpenis über den Köpfen zu Zuschauer in akrobatischen Verrenkungen haben die sich gefunden. Es gab richtig so eine Geschichte von inzestuösen Begehren, dass das Ganze Leben dieser Artisten verfolgt haben muss, die da so durchschimmert. Das hat mich auch so wahnsinnig mitgerissen. Und dann gab es noch so eine kleine Performance, die ich gerne erwähnen möchte, weil ich sie einfach so spannend fand. Das war eine Künstlerin aus Manila, Eisa Jocson, die hat sich auseinandergesetzt mit so Prinzessinnenbildern aus Freizeitparks. Wir kennen das alles: Da läuft so Dornröschen durch die Gegend in so einem Mädchenambiente. Also man bewegt sich wie so ein kleines Mädchen dadurch und beeinflusst dadurch auch so die Geschlechterbilder, die sich dann plötzlich, dieses ganze Dornröschengetue vom Körper gerissen hat und verwandelt hat in so eine extrem männlich auftretende Tänzerin - die hat sich inspirieren lassen von so Tänzen in philippinischen Schwulenbars heißt es im Programmheft. Und auf alle Fälle ist das der extreme Kontrast von eigentlich zwei Klischeebildern in einer Person vereint. Und so saß man da: Menschen, Tiere, Sensationen hätte ich jetzt fast gesagt.
Reimann: Früher ging man in den Zirkus, um sich kleinwüchsige Clowns anzusehen - wenn nicht gar, um sie anzustarren. Und jetzt werden sexuelle Orientierung ausgestellt? Das hat auch einen gewissen Beigeschmack und klingt nach inszenierter Freak-Show.
"Wenn man in dieser Manege sitzt, die dann dafür doch irgendwie der falsche Ort"
Kohlmann: Da stößt das Projekt dann tatsächlich auch an seine Grenzen. Denn es gibt natürlich schon einen großen Unterschied zwischen dem Zirkus des 19. Jahrhunderts und der Performance-Szene von heute, der einmal in den Künstlern liegt - das sind ja alles sehr mündige Menschen dort. Die haben sich dort nicht eine Nische mit ihrer womöglich Behinderung in der Gesellschaft gesucht, sondern die wollen etwas erzählen, die wollen den Zuschauer mitnehmen und ihm etwas zeigen und im Idealfall zum Nachdenken anregen.
Und gleichzeitig ist das Publikum aber auch ein anderes. Das merkte man nach der anfänglichen Zirkusatmosphäre merkte man, dass diese Performances eigentlich Zeit brauchen. Man will darüber nachdenken, man will reflektieren, aber es wird sofort dazwischen gegangen und da stößt dieses Projekt 'Analogie zwischen Zirkus des 19. Jahrhunderts und Performance-Szene von heute wirklich an seine Grenzen.
Reimann: Das heißt, die Möglichkeit für die Performance-Kunst, aus diesem, ja, doch schon elitären Theater-Kontext auszubrechen, die war da nicht gegeben?
Kohlmann: Ich finde, das ist so ein bisschen gescheitert. Ich glaube, das müsste man ganz anderes angehen, denn die einzelnen Performances, von denen ich gerade gesprochen habe, die waren jede für sich total sehenswert und auch niederschwellig. Dieses Zirkusding hat das eigentlich eher klein gemacht. Wenn man dann vielleicht so ein Kuriositätenkabinett hätte oder so mehrere Räume, wo man Zeit hat, diesen Künstlern zu begegnen, dann würde das glaube ich die Performance viel näher an das Publikum heranbringen, als wenn man in dieser Manege sitzt, die dann dafür doch irgendwie der falsche Ort ist.
Reimann: Das sagt unser Kritiker Alexander Kohlmann, der sich auf Kampnagel "The Greatest Show On Earth" angesehen hat. Das können Sie auch, im Rahmen des Kampnagel-Sommerfestivals, die letzte Vorstellung läuft am 20. August. Herr Kohlmann, vielen Dank!
Kohlmann: Bitteschön!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.