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StartseiteKultur heute"Ich habe Arme so dick wie andere Beine"05.05.2017

Performance über Dickleibigkeit"Ich habe Arme so dick wie andere Beine"

In ihrem Installationsprojekt "Fat Facts“ erkundet das Performance-Duo Angie Hiesl und Roland Kaiser in Köln mit Humor und Poesie das Lebensgefühl der Dicken. Ein faszinierendes und kluges Schauspiel zwischen Sucht und Sinnlichkeit.

Von Nicole Strecker

Seitenansicht eines nackten adipösen Menschen. Das Bild zeigt die Hälfte des Rücken im Anschnitt, von der Schulter bis zum Becken mit einem ausgestreckten Arm. (imago/Xinhua)
Fettleibige Menschen stehen im Zentrum der neuen Performance der Kölner Künstler Angie Hiesl und Roland Kaiser. (imago/Xinhua)
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Als Kölner entgeht man ihnen nicht. Einmal im Jahr tauchen die Performancekünstler Angie Hiesl und Roland Kaiser irgendwo in der Stadt auf, pflanzen Rasenflächen in U-Bahnschächte, graben den Asphalt um, stellen alles mit Wasserflaschen oder Aktenordnern voll. Diesmal: Zuckerpakete. Hunderte stehen auf dem Marktplatz vor der Apostelnkirche mitten in der Innenstadt. Aus Megafonen schallt es Beleidigungen:

"Fette Kuh – Immerhin hast du ein hübsches Gesicht – fette Kuh"

So garstig gellt es die ganze anderthalbstündige Performance lang über den Platz, denn Diskriminierungen und Beleidigungen gehören bekanntlich zum Alltag des XL-Typus. Derweil ziehen drei Repräsentanten fürs Übergewicht gelassen ihre Aktionen durch – unbeeindruckt von kalten Mai-Windböen, plappernden Passanten und Handy-Fotoshootings.

Geheimnisvoll thront die Performerin wie eine Märchenfigur

Auf Kopfhöhe der Zuschauer sitzt eine füllige Frau auf einem Podest, das nur aus Zuckerpaketen besteht, und strickt an einem Schal. Nur ist alles überdimensioniert – die Stricknadeln sind riesig und der Faden ist ein rotweißes Absperrband, das sich um das Bein der Frau windet wie eine Schlange. Geheimnisvoll thront sie da wie eine Märchenfigur, aber ein bisschen auch wie eine Gefolterte, wenn sie später mit dem Schal kämpft als hätte er ein Eigenleben.

Ein paar Meter entfernt von der Strickerin trainiert ein schwergewichtiger Mann unsichtbare Sportler auf einem Basketballfeld. Zwischendurch nimmt er einen Schluck aus seiner Wasserflasche und erzählt Zuschauern seine Geschichte:

"Ich war immer noch in der Klasse der Größte, bei Basketball war ich einer von vielen, war immer noch dünn, konnte essen was ich wollte. Oma immer die fetten Sahnetorten und die Mehlschwitzen und alles. War lecker, hat mir auch nichts ausgemacht."

Früher, zu seiner aktiven Basketball-Sportlerzeit war der Zwei-Meter-Mann ein Leichtgewicht, erfährt man. Heute, nach mehreren Verletzungen und der Entfernung seiner Schilddrüse, wiegt er knapp 200 Kilogramm. Sein Gang ist schaukelnd-schwer, aber seine Würfe auf den Korb immer noch souverän, und in der Performance ist er der lebende Gegenbeweis zur These, 'Dicke mögen keinen Sport'.

Die Konfrontation mit Vorurteilen und Normvorstellungen ist seit jeher Grundprinzip der Installationen der beiden Kölner Performancekünstler Angie Hiesl und Roland Kaiser. Zuletzt verwirrten sie etwa eindrucksvoll die Geschlechterkategorien mit mehreren trans-identen Performern. Dabei zeigen sie das Allgemeine im Besonderen der Biografien ihrer Darsteller, offenbaren private Lebens- und Leidensgeschichten, manchmal von schmerzhafter Intimität – soweit so performance-typisch.

Weißer Puder rieselt auf nackte Haut

Aber dazu kreieren Angie Hiesl und Roland Kaiser unvergessliche Settings und Szenerien, oft mitten im Stadtraum. Das gelingt ihnen auch in ihren "Fat Facts", wenn an einer dritten Station eine Performerin sich im Laufe des Abends ein Luxusbad bereitet – aus Zucker. Die mollige Schönheit wie aus einem Renaissance-Rubens-Gemälde befüllt trällernd eine Badewanne mit dem süßen Industrieprodukt. Dann steigt sie in azurblauer Unterwäsche in ihre Zuckerwanne. Sie lässt den weißen Puder auf ihre nackte Haut rieseln, in glitzernden Kristallen klebt er auf ihrem üppigen Dekolleté, ihren pink geschminkten Lippen – verführerisch wie eine zuckerbestäubte Praline.

"Meine BH-Größe ist 85 E. Ich habe Arme so dick wie andere Beine. Ich bin halt ein großes Mädchen. Oder du sagst dick. Wenn ich ein Foto hochlade, kriege ich sofort einen Shitstorm, bedeck' das doch, zieh dir was an."

Ganz direkt anklagend geht es also auch zu, in den "Fat Facts", ein komisch-empörter Text gegen die absurden Schönheitsideale und den Selbstoptimierungswahn unserer Gesellschaft - und ein Plädoyer für zügellosen Genuss. So feiert die Inszenierung die Üppigkeit, während sie deren Ursachen doch verteufelt: den Zucker, die süße Lust, das schleichende Gift. Eine widersprüchliche Haltung und genau darum so klug und wahr: Der Mensch zwischen seinem Anspruch auf Toleranz und zugleich ästhetischen Vorlieben, zwischen Moral und Emotion – und kein griffiges Faktum hilft. 

 

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