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StartseiteKultur heute''Perser''-Boom in der Oper24.06.2003

''Perser''-Boom in der Oper

Uraufführungen eines Musiktheaters von Klaus Lang in Aachen und von Frederic Rzewski in Bielefeld

Die Schlacht bei Marathon hatte bekanntlich weitreichende Folgen. Sie stoppte fürs erste den großen Vormarsch der im Auftrag des Großkönigs Dareios ausgerückten persischen Hegemonialmacht nach Westen. Später setzte sie Millionen Menschen - im Andenken an den Boten, der um den Preis seines Lebens die Siegesnachricht nach Athen brachte - in Bewegung. Zunächst bedeutete sie für Xerxes, den Sohn und Erben in Susa, die große Herausforderung: Er wollte die Scharte auszuwetzen, die untereinander zerstrittenen griechischen Städte liquidieren und ihr Land seinem Weltreich einverleiben. Die größte Flotte, die die Menschheit bis dahin gesehen habe, wurde mitsamt der Millionen-Armee bei der Insel Salamis vor Athen versenkt. Beiläufig bescherte dieses Massaker der Menschheit das erste erhalten gebliebene Drama.

Von Frieder Reininghaus

Aischylos, einer der Helden von Marathon, referierte die Geschehnisse aus der Perspektive der doppelten Verlierer und warnte die Sieger, seine attischen Landsleute, vor Hybris. Klaus Lang aus Graz, Jahrgang 1971, als Organist und Komponist ausgebildet, kondensierte sich einen Text aus dem ältesten Drama, wofür er sich eigens die Grundlagen des Altgriechischen aneignete. Auch kompositorisch hielt er Nachlese: Das semantisch kaum je einmal wahrzunehmende Wort geht weithin in den ruhigen Klang-Stoppelfeldern auf, die aus gewaltigen Partiturseiten resultieren. Die verhaltene, oft stockende, mitunter verstockt wirkende Musik beschwört Schrecken des Kriegs mit elementarer Intensität. Sie nutzt den Texthintergrund für große ruhige orchestrale Gesten, die sich aus winzigen Partikeln konstituieren. Wie aus tiefem Dunkel glimmt der Ton; mitunter vermeint man einen Ruf aus unbestimmter Ferne zu vernehmen oder ein Stöhnen ziemlich nah.

Die aktuelle Bedeutung des aus fernen Zeiten und hermetische Kunstförmigkeit hindurch grüßenden Aischylos-Partikel unterstreicht die wie in einen Setzkasten gepackte statische Bebilderung des Aachener Intendanten und Regisseurs Paul Esterhazy. Zwischen einer Leichenkammer, in der eine bleiche Hand noch zuckt, und dem Aktenraum, aus dem die Sopran-Partie des Xerxes dringt: eine Sanduhr, die Mutter des Großkönigs, der Bote als armer Schuster im Keller so duster, eine Zirkus-Prinzessin mit vielen Lufteiern und ein ewig grinsend weiterreitender Cowboy.

Eine Woche nach den neuen "Persern" in Aachen, ausgehend vom selben uralten Text und ebenfalls neu: Frederic Rzweskis "Perser"-Theater in Bielefeld. Andrej Worons Realisierung, voll von Zeichen der politischen Bekundung, sorgt von Anfang bis Ende dafür, dass die Botschaft unmittelbarer genommen werden muss. Einzelfeuer, brutal gesetzte Schüsse hinterm Blechtor, weisen den akustischen Weg. Dann hängt der Himmel voller Flieger: Der siebenköpfige Reichsrat zu Susa gafft dem Entschwinden einer Armada von papiernen Jagdbombern nach. Derweil rieselt leise der Kalk oder der Sand, der die Zeit bemisst: Die vielen Krieger kommen nicht zurück vom Hellespont. Wiebke Frost, als "Chorführerein" eine mit modernen Medienwassern gewaschene Schlange, moderiert mit atemberaubender Anschmiegsamkeit die wechselnden Stimmungslagen in der Hauptstadt; Combo und Batterie, in zwei Etagen rechts und links von der Bühne postiert, sekundieren der Rekonstruktion eines Fiaskos. Die Analyse der globalen Interessen, des Finanzmarkts und der Rüstungsanstrengungen kommt zielstrebig zur Sache.

Frederic Rzewski nahm Anleihe bei der Form des Radio-Lehrstücks von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus den späten 20er Jahren, schaltete wilde freie Schlagzeug-Improvisation zwischen die Sprechszenen und Sprechgesangs-Partien. Mancher Solo-Song verweist auf Hanns Eislers Hollywood-Lieder und der Klang der Steine auf das, was Josef A. Riedl in den 70er Jahren veranstaltete. Überhaupt erinnern die scharf profilierten Tableaus intensiv an gewisse Ansätze politischen Theaters nach 1968. Das entwickelt heute wieder eigentümlichen Charme, zumal durch die surrealistischen Brechungen Worons, die bei der Beschwörung des toten Dareios, der Babylonischen Sprachverwirrung und dem Stühlerücken bei Rückkehr des Xerxes aus dem Krieg ihre besten Momente vorweisen. Kaputt. Müll. Tod. Das Stadt-Musiktheater in Aachen und Bielefeld ist jetzt wieder ganz vorn; es hat seine zugleich bildungsträchtigen und politisch gemünzten Hausaufgaben fürs erste wieder erledigt.

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