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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften Persönlichkeit im Wandel15.09.2011

Persönlichkeit im Wandel

Wie Lebensereignisse den Menschen verändern

Noch heute streiten Wissenschaftler darüber, was den Menschen mehr prägt: die Gene oder die Umwelt. Ist also der Mensch das Ergebnis vererbter Eigenschaften, oder sind es die Erfahrungen der Kindheit, die seinen Charakter formen? Psychologen der Universitäten Mainz, Münster und Leipzig haben nun eine Studie vorgelegt, die belegen soll, dass einschneidende Ereignisse im Leben zu einem Wandel der Persönlichkeit führen können.

Von Peter Leusch

Persönlichkeitsmerkmale können sich ändern. (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
Persönlichkeitsmerkmale können sich ändern. (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)

"Was für eine Persönlichkeit sind Sie?
Antworten Sie bitte anhand der folgenden Skala von 1 bis 7,
von 'trifft überhaupt nicht zu' bis 'trifft voll zu'.
Ich bin jemand, der ... gründlich arbeitet.
Ich bin jemand, der ... manchmal etwas grob zu anderen ist.
Ich bin jemand, der … originell ist, neue Ideen einbringt.
Ich bin jemand, der … entspannt ist, mit Stress gut umgehen kann."

Diese Fragen zur Selbsteinschätzung der eigenen Persönlichkeit sind Teil des sogenannten Sozioökonomischen Panels, einer großen Umfrage, mit der sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung regelmäßig, zuletzt 2009, an 15.000 Personen in Deutschland wendet. Eigentlich geht es in der Längsschnittstudie um die Situation privater Haushalte in Deutschland. Nun haben Psychologen das Datenmaterial mit einer anderen Perspektive analysiert und neu ausgewertet: Ändern sich im Verlauf des Lebens die persönlichen Eigenschaften, und wenn ja, womit hängt dieser Charakterwandel zusammen.

Die Diplompsychologin Jule Specht, jetzt an der Universität Leipzig, ist eine Autorin der Studie.

"Personen, die jünger sind, geben an, dass sie weniger gründlich arbeiten als jemand, der 50 Jahre alt ist. Der würde von sich sagen, dass er gründlicher arbeitet. Nun ist diese Fragebogenbeantwortung das eine und das Verhalten das andere, es gibt da aber Zusammenhänge: Wir gehen davon aus, dass jüngere Menschen weniger gewissenhaft sind, dass sie weniger gründlich, fleißig oder weniger effizient arbeiten, weil ihre Lebensumwelt es von ihnen noch nicht so erfordert, dass sie gewissenhaft sind."

Das Datenmaterial, erklärt Jule Specht, zeige einen Zusammenhang zwischen Berufseintritt und Gewissenhaftigkeit, also zwischen einem äußeren Ereignis und einer inneren psychischen Qualität, sodass 30-Jähirge im Durchschnitt sich selber für gewissenhafter halten, als 20-Jährige das von sich behaupten. Der Eintritt ins Berufsleben schreibt sich gleichsam in den Charakter ein.

"Man geht jeden Tag zur Arbeit, muss sein Geld verdienen, sich um seinen Lebensunterhalt kümmern, und das fördert in dem Menschen eine Gewissenhaftigkeit, das heißt, die Person ist in dieser Phase des Lebens bestrebt, gründlicher zu arbeiten, und darauf zu achten, dass sie verantwortungsbewusst handelt. Zumindest legen das unsere Ergebnisse nahe."

Nun würde man erwarten, dass ein bestimmter Eigenschaftskomplex wie Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein und Gründlichkeit, wenn er erst einmal in der Psyche ausgebildet und fixiert ist, gleichsam zur zweiten Natur wird und den Menschen ein Leben lang begleitet. Doch hier warten die Psychologen mit einer Überraschung auf:

"Da haben wir herausgefunden, dass dadurch, dass die Person in Rente geht, sich die Gewissenhaftigkeit dieser Person verringert. Das klingt kontrainduktiv, weil man denken könnte, dass ältere Menschen doch auf ihrem Gewissenhaftigkeitslevel bleiben könnten. Wir erklären uns das aber so, dass die Anforderungen im Arbeitsleben einfach eine sehr hohe Gewissenhaftigkeit erfordern und dies nicht mehr der Fall ist, wenn die Personen in Rente gehen, eine freiere Zeiteinteilung haben, vielleicht auch einmal ihr Mittagessen um zwei Stunden verschieben können und vielleicht einkaufen gehen, wenn sie Hunger haben, etwas in dieser Richtung."

Der Komplex Gewissenhaftigkeit gehört zusammen mit vier anderen zu einem deskriptiven Modell von Persönlichkeit, mit dem Jule Specht und andere Psychologen hier operieren. Sie gehen davon aus, dass man mit folgenden fünf Eigenschaftsgruppen die Persönlichkeit eines Menschen - zumindest für einen Überblick - ausreichend charakterisieren könne:

"Es gibt die emotionale Stabilität. Personen, die emotional stabil sind, zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich wenig Sorgen machen und sehr gut mit Stress umgehen können. Dann gibt es den Faktor Extraversion, so etwas wie Geselligkeit, wie gern möchte eine Person mit anderen Personen zusammen sein, wie sehr strebt sie an, Freundschaften zu knüpfen oder auf Partys zu gehen. Die Offenheit für Erfahrungen ist der dritte große Faktor. Der beschreibt so etwas wie Interesse für Kunst und Kultur, für Literatur, Offenheit gegenüber anderen Religionen oder Ländern, also Offenheit gegenüber allem, was neu ist. Dann gibt es den Faktor Verträglichkeit: Ist eine Person nachtragend oder kann sie verzeihen? Oder ist sie eher grob zu anderen Personen? Und die fünfte Eigenschaft ist die Gewissenhaftigkeit, ist es jemand, der sehr fleißig ist, gründlich und verantwortungsbewusst handelt."

Die Psychologen haben im Umfragematerial die verschiedenen Eigenschaftsgruppen daraufhin analysiert, ob es signifikante Veränderungen in bestimmten Lebensphasen oder im Zusammenhang mit äußeren Ereignissen gibt.

Herauskam, dass nicht nur das Leben die Persönlichkeit formt und wandelt - insbesondere Berufseintritt, Heirat, Rentenbeginn -, sondern auch umgekehrt, dass eine bestimmte Persönlichkeit sich ein entsprechendes Leben wählt oder zuzieht. Und das belegen die Wissenschaftler mit einem brisanten Befund: Personen, die sich selber als eher verträglich beschrieben, waren im Vergleichszeitraum stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als die weniger verträglichen.

"Verträgliche Personen sind kooperativer. Andere Studien konnten zum Beispiel zeigen, dass verträgliche Personen mehr Leistungen in Gruppen erbringen, beruflichen Erfolg auch dadurch einer Firma bringen können. Das heißt aber nicht, dass sie sich gut durchsetzen kann, wenn es darum geht, ihren eigenen Job zu sichern. Es gibt schon Arbeitsbereiche, wo eine gewisse Ellenbogenmentalität vorherrscht und wo anscheinend die Personen einen Vorteil haben, die auch nichtkooperativ sein können und sich teilweise über ihre Grobheit oder welche Verhaltensweisen auch immer so durchsetzen können, dass sie eher nicht arbeitslos werden."

Die brisante These, sozialverträgliche Menschen würden schneller arbeitslos, ist freilich mit Vorsicht zu genießen. Jule Specht schränkt selber ein, dass ihre Daten keine Auskunft darüber geben, ob verträgliche Personen vielleicht vermehrt in Berufsfeldern wie dem Sozialbereich beschäftigt sind, die strukturell stärker von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Hier zeigt sich auch das grundsätzliche Manko der Studie. Ihre Datenbasis ist zwar sehr breit, aber viel zu grob, um genaue und differenzierte Aussagen über den Wandel der Persönlichkeit zuzulassen. So erhält man interessante Hypothesen, die aber erst noch in Einzelstudien und in qualitativen Interviews zu überprüfen wären.

Auf jeden Fall weist die Studie auf das Moment an Freiheit und Autonomie in der menschlichen Persönlichkeit hin. Keineswegs ist alles ein für alle Mal festgelegt, weder im Guten noch im Schlechten:

"Für die Personen selbst, die jetzt wissen, dass Lebensereignisse ihre Persönlichkeit verändern können, bedeutet es eine gewisse Art von Autonomie, dass sie jetzt wissen, sie sind nicht so, wie sie einmal vorher bestimmt geboren wurden, sondern sie können sich auch noch verändern, je nachdem was sie für Situationen aufsuchen und was für Entscheidungen sie treffen. Für die Politik oder die Psychotherapie oder den Strafvollzug bedeutet das, dass Personen, die ein bestimmtes Verhalten einmal gezeigt haben, sind durchaus in der Lage, sich zu verändern, es ist nicht so, dass jemand, der einen Fehler gemacht hat, immer weiter diesen Fehler machen wird, sondern Personen sind in der Lage, sich zu verändern."

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