Rund 800 Wirkstoffe sind in den Ländern der Europäischen Union als Pestizide zugelassen. Welche Gefahren für Umwelt und Gesundheit mit ihrem Einsatz verbunden sein könnten, wird seit Anfang der 90er Jahre in Risiko-Abschätzungsverfahren geprüft. Ziel der EU ist es, zu einer europaweit einheitlich Zulassung von Pestiziden zu kommen. Allerdings wurde bisher nur eine verschwindend kleine Anzahl dieser 800 Stoffe abschließend bewertet. Denn die Risikoabschätzungsverfahren dauern sehr lange und kosten viel Geld. In Bonn kündigte der für Verbraucherschutz zuständige Kommissionsvertreter - Canice Nolan - zwar an, dass das Verfahren ab sofort erheblich beschleunigt werde. Die Delegierten von Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen aus 17 europäischen Ländern plädierten dennoch dafür, künftig mehr das Vorsorgeprinzip zu berücksichtigen.
Wolfgang Bödeker vom Vorstand des deutschen Pestizid Aktions-Netzwerks: Wir haben Pestizide, die erwiesenermaßen krebserregend sind oder die erwiesenermaßen sehr giftig sind bei Berührung. Und wir sind der Auffassung, dass man diese Stoffe dann nicht mehr einem langwierigen Risikoabschätzungsverfahren unterziehen sollte, sondern nach dem Vorsorgeprinzip solche Stoffe von vornherein nicht mehr in die Zulassung oder in den Handel gebracht werden sollen.
Das Vorsorgeprinzip muss nach Auffassung von PAN Europa nicht nur für Pestizide gelten, sondern generell für Chemikalien, die als Lösungs- oder Konservierungsmittel, in Farben und Textilien zum Verbraucher kommen. Über die gesundheitsschädigende Wirkung vieler dieser Stoffe können bislang nur Vermutungen angestellt werden. Ganz ober auf der Liste der "unsicheren Kandidaten" stehen Stoffe mit hormonähnlicher Wirkung.
Sie können die Reproduktionsfähigkeit von Mensch und Tier schädigen, sagt David Buffin, Vorstandsmitglied von PAN Europa: Eines der Probleme ist, dass wir nicht genug über diese Chemikalien wissen. Es gibt viele Listen, die von der internationalen Gemeinschaft zusammengestellt wurden. Sie sind alle verschieden, aber fast alle nehmen Bezug auf die "hormonähnlichen Stoffe", wie sie genannt werden. Uns fehlt da wirklich sehr viel Wissen in diesem Bereich. Und Organisationen wie PAN Großbritannien, PAN Europa oder PAN Deutschland vertreten die Position, dass wir die Finger davon lassen sollten und statt dessen das Vorsorgeprinzip verfolgen sollten: Also nicht anwenden, worüber wir nicht genug wissen.
Schon 1993 hatte sich die EU das Ziel gesetzt, den Einsatz von Pestiziden bis zum Jahr 2000 deutlich zu verringern. Tatsächlich erhöhten sich aber in vielen Mitgliedsländern Mengen und Häufigkeit der Anwendungen. Die Umwelt- und Verbraucherschützer von PAN Europa fordern Umwelt-Kommissarin, Margot Wallström, jetzt auf, schnell zu handeln. *So sollten alle EU-Mitgliedsländer ein Programm auflegen, um Mengen und Wirkstoffe der Pflanzenschutzmittel innerhalb von 5 Jahren deutlich zu reduzieren. *Ferner müssen Regeln für eine "gute Pflanzenschutzpraxis" aufgestellt werden - ausgehend vom integrierten Pflanzenbau. Der Ökolandbau müsse parallel dazu gefördert und deutlich ausgeweitet werden. Vor allem aber muss Schluss sein mit der strikten Geheimhaltung aller Daten vor der Öffentlichkeit.
Die Koordinatorin von PAN Europa, Heike Schmitt, unterstrich die Forderungen, dass europaweit Register eingeführt werden, in denen der Gebrauch von Pestiziden und auch die Produktion und der Verkauf von Pestiziden aufgezeichnet wird. Das alles natürlich mit Zugang der Öffentlichkeit zu diesen Daten....dass bestimmte Pestizide in Europa nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Nämlich Pestizide, die krebserregend sind, ...die Reproduktion stören können. Weiter Pestizide, die schlecht abgebaut werden können und die sich im Körper anreichern.
Dass alle diese Schritte nicht automatisch zu Lasten der Bauern gehen, zeigt das dänische Beispiel. Aus Dänemark, das wie alle skandinavischen Länder, längst solche Reduktionsprogramme für Pestizide umsetzt, kam gute Nachricht. Kaj Juhl-Madsen von der dänischen Umweltbehörde
Die Auswertung des ersten Aktionsplans ergab, dass eine Verringerung des Pestizideinsatzes innerhalb von 5 bis 10 Jahren um 40 Prozent möglich ist - ohne dass den Bauern dadurch Kosten entstehen. Einfach nur, indem vorhandenes Wissen genutzt wird.