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Pinguine auf dem Amt

Der Wettlauf zwischen freier Linux-Software und den allgegenwärtigen Produkten von Microsoft gewinnt immer mehr an Fahrt. Der Hersteller aus Redmond geht mittlerweile dazu über, Regierungen den Quellcode seines Betriebssystems offen zu legen. Jüngste Beispiele waren Großbritannien, Russland und China. Die deutsche Regierung wartet darauf nicht, sondern erprobt Linux in Pilotprojekten. Der Pinguin erobert die Amtsstuben.

    Von Detlev Karg

    Seit einem halben Jahr arbeitet das bundeseigene Institut für Tierzucht im niedersächsischen Ort Mariensee mit einer kompletten Linux-Infrastruktur. Nicht nur die Server, auch die Desktops arbeiten nun unter Opensource-Software. Federführend für solche Projekte des Bundes ist das Bonner Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, BSI. Christel Marquardt, zuständige Referentin im BSI:

    Das BSI hat im Rahmen des Antiterrorpaketes vom Bundesinnenministerium den Auftrag erhalten, Projekte durchzuführen im Rahmen von Migrationen und Beseitigung von Migrationshemmnissen und dabei geht es hauptsächlich darum, die Abhängigkeit in der Software- und IT-Landschaft von einem einzigen Hersteller zu minimieren, weil das ein Problem ist für Angriffe.

    Geradezu mustergültig heterogen war die Infrastruktur der Marienseer Tierzüchter. Das Projektteam hat dann eine Thin Client-Infrastruktur mit 50 Desktop-Arbeitsplätzen geschaffen. Das System basiert nun ausschließlich auf Linux und KDE-Desktops: Christel Marquardt:

    Das Institut für Tierzucht hatte vorher schon Unix-Rechner im Einsatz und Linux-Rechner, auf der Serverseite und eine Windows-Umgebung auf der Client-Seite, hatte aber von irgendwelchen DOS-Rechnern über Windows 95, 98, 2000, XP alles auf dem Client was es so in der Windows-Welt gab.

    Die Rechenlast übernimmt ein virtueller Server, der aus drei Rechnern besteht, die die Rechenlast unbemerkbar für die User übernehmen. Die Performance gegenüber dem Windows-Netz konnte so verbessert werden. 50 Arbeitsplätze also, die mit Opensource versorgt werden. Und das hat nicht nur mit mehr Sicherheit vor Viren, mit mehr Stabilität im Betrieb zu tun. Ohne den Namen allzu oft auszusprechen, geht es dabei vor allem um weniger Abhängigkeit von einem ganz bestimmten Hersteller: Microsoft. Der hat freilich den Trend der Zeit erkannt. Und weil immer mehr Kunden vor allem bei Servern auf Links setzen, stellt Microsoft in großem Stil den Quellende zur Ansicht bereit. So jüngst der chinesischen Regierung. Ein Markt mit einer Milliarde Menschen, gegen den sich Pilotprojekte der deutschen Regierung zwangsweise klein ausnehmen ums. Doch was bringt der Blick in den Quellende? Christel Marquardt:

    Der Einblick in den Quellcode ist unter einem gewissen Sicherheitsaspekt ganz nützlich. Man kann dann kleine Teile betrachten und sieht dann: Das und das ist tatsächlich so und dann hat man auch einen Nutzen davon. Nur die Freiheiten die freie Software bietet, hat man davon noch lange nicht. Man darf sie nicht kompilieren man darf sich also nicht ansehen, ob die Quellcodes auch das Programm herausbringen was man will. Außerdem darf man die Quellcodes nicht benutzen, um sie zu verbessern. Das darf ich mit freier Software schon. Ich kann den Quellcode nehmen, kann ihn für mich anpassen und kann ihn auch den anderen Behörden oder der Industrie zur Verfügung stellen.

    So hat das einst freakige Linux den Weg aus der Technik-Szene in die deutschen Amtsstuben gefunden. Auch die Monopolkommission und das Bundeskartellamt wurden schon umgestellt. Jetzt läuft die seit langem beschlossene Umstellung des Bundestages in Berlin an, mit rund 5000 Anwendern. Die 50 in Mariensee haben die Thin Clients unter KDE schon schätzen gelernt:

    Dann wurde gefragt: ‚Ist denn ihr Rechner einmal abgestürzt?' Und dann haben sie meistens kurz gezögert und gesagt: ‚Jetzt wo Sie es sagen - Nein'. Da waren die Leute dann ganz überrascht, weil sie es eigentlich gewöhnt waren, dass ihr Windows-Rechner abstürzt.