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StartseiteForschung aktuellPinguinfutter aus der Konserve27.07.2004

Pinguinfutter aus der Konserve

Klimawandel zwingt Antarktisbewohner zum Umdenken

<strong>Umwelt. - Der Klimawandel schlägt auch und vor allem in den Meeren rund um die Antarktis durch, weshalb sich die Biologen sehr dafür interessieren, wie die Bewohner des sechsten Kontinents damit fertig werden. Bei den Königspinguinen haben sie dabei eine unerwartete Entdeckung gemacht – und die ist eines der Themen auf der <papaya:link href="http://www.scar28.org/SCAR/openScience.html" text="28. Internationalen Antarktiskonferenz SCAR" title="28. Internationale Antarktiskonferenz SCAR" target="_blank" /> in Bremen, wo sich in dieser Woche Antarktisforscher aus aller Welt treffen. </strong>

Von Dagmar Röhrlich

Königspinguine haben es weit zur Beute. (wikipedia.org)
Königspinguine haben es weit zur Beute. (wikipedia.org)
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Auch ohne den globalen Klimawandel haben es Königspinguin-Eltern schwer. Allein das Brüten dauert 55 Tage, und solange ihr Nachwuchs noch im Ei steckt, muss er rund um die Uhr in einer Bauchfalte vor der antarktischen Kälte geschützt werden. Und kaum ist das Küken geschlüpft, heißt es, den hungrigen Schnabel zu stopfen. Das Futter dafür wird von weither herangeschafft. Denn während die Königspinguine ihre Jungen am Rand der Antarktis und den vorgelagerten Inseln großziehen, liegen ihre Fanggründe auf hoher See.

Wir haben mit einer Art Impfpistole den Pinguinen kleine Transmitter-Chips unter die Haut gepflanzt und ihre Wanderungen dann mit Hilfe von Satelliten verfolgt. So konnten wir herausfinden, wo auf dem Meer ihre Fischgründe sind. Wir wussten zwar, dass sie auf dem offenen Meer jagen, aber wir haben die Distanzen, die sie dabei zurücklegen, klar unterschätzt. Im Durchschnitt liegen die Jagdgründe 400 Kilometer vor der Küste. Aber in warmen Jahren müssen die Tiere pro Strecke 700 oder gar 800 Kilometer zurücklegen...

... berichtet Yvon Le Maho vom Straßburger Zentrum für Ökologie und Energetische Physiologie. Durch die Treibhauserwärmung der Erde häufen sich diese warmen Jahre – und damit finden die Königspinguine ihre Fische immer öfter sehr weit draußen auf dem Meer. Da sie deshalb aber länger unterwegs sind als über die Jahrtausende der Evolution normal war, bringt das den "Dienstplan" beim Brüten durcheinander. Denn der Vater sitzt in der letzten Schicht auf dem Ei und wartet, dass die Mutter gerade dann mit vollem Magen zurückkehrt, wenn der Nachwuchs schlüpft.

Was macht der Vater mit dem frisch geschlüpften Küken, wenn seine Partnerin zu spät kommt? Wir entdeckten, dass die Männchen dann die Jungen fütterten. Aber weil sie doch schon drei Wochen das Ei bebrütet haben, bedeutet das, dass auch der Fisch in ihren Magen schon drei Wochen alt ist. Wir begannen, uns für diese Konservierung zu interessieren.

Schließlich beträgt die Magentemperatur einen Königspinguins weit mehr als 30 Grad. Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, haben die Biologen den Mageninhalt von brütenden Königspinguinen untersucht. Sie entdeckten, dass die Bakterien in den Mägen in eine Art Winterschlaf gefallen zu sein schienen. Und zwar dank einer Substanz, die bislang unbekannt war:

Wir konnten ein Peptid identifizieren, ein neues Molekül, das wir in Anlehnung an den lateinischen Namen der Pinguine Spheniscin genannt haben. Es tötet Bakterien und Pilze ab, übrigens auch solche, die durchaus dem Menschen gefährlich werden. Da alle Pinguine ihre Jungen auch noch nach Wochen füttern können, ist es wahrscheinlich, dass sie alle ähnliche Moleküle besitzen.

Die Not-Ration aus Vaters Magen reicht für etwa zehn Tage. Ist die Mutter bis dahin nicht zurückgekehrt, verhungern die Küken schnell. Deshalb fürchten die Biologen, dass die Königspinguine durch den Klimawandel bedroht sein könnten, weil die Touren zu den Fischgründen zu weit werden:

Die Vögel können ihr Küken über zehn Tage mit konserviertem Fisch füttern. Wenn die Distanzen aufgrund des Klimawandels größer werden, wie lange können die Pinguine dann noch ihre Junges versorgen? Das könnte die Grenze der Anpassungsfähigkeit sein. Wir haben zwar eine physiologische Antwort darauf gefunden, wie sich die Vögel an Umweltschwankungen anpassen, aber auch direkt die Grenze ihrer Anpassungsfähigkeit.

Denn schon jetzt seien diese Grenzen erreicht. Dieses neue Peptid hat inzwischen jedoch das Interesse anderer Forscher geweckt. Denn vielleicht lässt es sich in der Medizin zur Bekämpfung von schweren Infektionen einsetzen.

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