Piusbruderschaft
Katholische Traditionalisten und die erstarkende politische Rechte

Die Piusbruderschaft hat erneut ohne Erlaubnis des Papstes Bischöfe geweiht. Der Konflikt mit dem Vatikan verschärft sich. Zugleich gewinnen katholische Traditionalisten weltweit neue Anhänger – auch in der Politik.

    Die neugeweihten Bischöfe bekommen ihre Mitren während der vom Vatikan nicht erlaubten Bischofsweihe durch die traditionalistische katholische Piusbruderschaft im schweizerischen Econe am 1. Juli 2026.
    Die unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft führen zu Spannungen in der katholischen Kirche. Politisch rechte Parteien versuchen, das zu nutzen. (AFP / FABRICE COFFRINI)
    Die Piusbruderschaft zieht erneut den Unmut des Vatikans auf sich. Sie hat ohne Zustimmung von Papst Leo XIV. vier Bischöfe geweiht. Wie schon 1988 reagierte Rom mit der Exkommunikation der Beteiligten.
    Der Konflikt zwischen den Piusbrüdern und Rom ist alt. Neu ist die politische Dimension: Die traditionalistische Bewegung gewinnt weltweit Anhänger.

    Inhalt

    „Schismatischer Akt“: Die unerlaubten Bischofsweihen

    Am 1. Juli 2026 hat die erzkonservative Piusbruderschaft im schweizerischen Écône vier neue Bischöfe geweiht. Laut katholischem Kirchenrecht muss der Papst jeden Bischof vor der Weihe ernennen. Das war jedoch nicht geschehen.
    Der Vatikan reagierte umgehend: Die an der Weihe Beteiligten wurden exkommuniziert. Das heißt, sie verlieren all ihre kirchlichen Ämter und Würden. Der Vatikan sprach von einem „schismatischen Akt“, einem Schritt, der die Spaltung der katholischen Kirche bezwecke. Schon Wochen zuvor hatte der Heilige Stuhl vor den Folgen einer unerlaubten Weihe gewarnt.
    Für die Piusbrüder bedeuten die Bischofsweihen die Möglichkeit, weiter zu wachsen und dafür eigene Strukturen zu schaffen. Die ultrakonservative Bewegung gewinnt nach eigenen Angaben weltweit Anhänger und benötigt deshalb mehr Priester – für deren Weihe wiederum werden Bischöfe gebraucht.
    Mit der Bischofsweihe in der Schweiz ist ein seit Jahrzehnten schwelender Konflikt erneut eskaliert. Der Vatikan beließ es nicht bei den aktuellen Exkommunikationen: Er drohte, dass „diejenigen, die sich formell der Bruderschaft anschließen“, als Schismatiker gelten und ebenfalls exkommuniziert werden könnten.

    Wahrer der Tradition: Was die Piusbrüder ausmacht

    Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1970 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. Sie versteht sich als Bewahrerin der katholischen Tradition und lehnt zentrale Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab. Dazu gehören etwa die Öffnung gegenüber anderen Religionen sowie die Einführung von Gottesdiensten in den Landessprachen statt auf Latein.
    Bereits 1988 weihte Lefebvre gegen den Willen von Papst Johannes Paul II. vier Bischöfe und wurde dafür exkommuniziert. Papst Benedikt XVI. hob die Kirchenstrafe 2009 als Zeichen der Versöhnung wieder auf. Die Entscheidung löste jedoch Kritik aus, weil sich unter den geweihten Bischöfen auch der britische Holocaust-Leugner Richard Williamson befand.
    Seitdem bemüht sich der Vatikan, die Piusbruderschaft wieder in die katholische Gemeinschaft zu integrieren – jedoch erfolglos. Die jüngsten Bischofsweihen gelten deshalb als ein Akt des demonstrativen Ungehorsams gegenüber Rom.

    Weltweiter Zulauf: Wen ziehen die Piusbrüder an?

    Die Piusbruderschaft zählt weltweit rund 800 Priester und schätzungsweise 700.000 Anhänger. Gemessen an den 1,4 Milliarden Katholiken weltweit ist das zwar eine Minderheit. Dennoch will die Kirche diese Gruppierung, die so dezidiert gegen die Einheit agiert, nicht einfach gewähren lassen.
    Die Piusbrüder seien längst mehr als eine traditionalistische Splittergruppe, sagt der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück. Die Vereinigung mache sich zunutze, dass konservative und antidemokratische Bewegungen weltweit an Zulauf gewinnen, so Tück. Besonders deutlich sei das in Nordamerika und Frankreich zu beobachten.
    Das Spektrum ihrer Anhänger reicht von Jugendlichen, die nach Sinn und Spiritualität suchen, bis hin zu einem nationalkonservativen und identitären Katholizismus.
    Der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy beschreibt eine Politisierung eines wachsenden Teils der katholischen Traditionalisten. Religiöser Traditionalismus und rechte Politik rückten dabei zunehmend zusammen.
    Wie eng diese Verbindungen inzwischen sein können, zeigt Frankreich: Die Politikerin Marine Le Pen, die Galionsfigur des extrem rechten Rassemblement National, ließ ihre Kinder von den Piusbrüdern taufen.

    Redaktionell empfohlener externer Inhalt

    Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

    In Frankreich versuchen politische Bewegungen wie etwa der Rassemblement National Kapital aus den Spannungen innerhalb des Katholizismus zu ziehen. Bei der Präsidentschaftswahl 2027 könnten katholische Traditionalisten deshalb ein Faktor im rechten und bürgerlich-konservativen Lager sein.

    Deeskalation: Wie könnte der Vatikan weiter reagieren?

    Die Exkommunikationen dürften den Konflikt zwischen dem Vatikan und der Piusbruderschaft zunächst verschärfen. Der Vatikan steht vor einem Dilemma: Einerseits will er seine Autorität wahren und weitere unerlaubte Bischofsweihen verhindern. Andererseits möchte er die Piusbrüder und ihre Anhänger grundsätzlich in die Kirche einbinden.

    Onlinetext: Annette Bräunlein