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StartseiteKalenderblattPlädoyer gegen das Mutterideal20.09.2006

Plädoyer gegen das Mutterideal

Vor 175 Jahren wurde die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm geboren

Bildung, Berufstätigkeit und Wahlrecht für Frauen forderte die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm Mitte des 19. Jahrhunderts. Damit war die eigenwillige Denkerin, die vor 175 Jahren geboren wurde, ihrer Zeit weit voraus. Denn erst 1918 bekamen die deutschen Frauen das Recht über die Abgeordneten im Parlament mitzuentscheiden.

Von Ruth Jung

Mutterschaft war in den Augen von  Hedwig Dohm eine zeitlich begrenzte Aufgabe. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)
Mutterschaft war in den Augen von Hedwig Dohm eine zeitlich begrenzte Aufgabe. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)

"Der Mütterlichkeit muss die Speckschicht der Idealität, die man ihr angeredet hat, genommen werden. Die Mutterschaft auf ihr vernünftiges Maß zurückzuführen, ist eine Aufgabe der Zukunft."

Die am 20. September 1831 in Berlin geborene Schriftstellerin Hedwig Dohm war eine erstaunlich moderne Denkerin. Psychologisch scharfsinnig argumentiert die Autodidaktin gegen das Mutter- und Hausfrauenideal und kritisiert dabei auch jene Mütter, die den "Heiligenschein ihrer Mutterliebe mit dem Herzblut ihrer Kinder färben". Mutterschaft, war Hedwig Dohm überzeugt, ist eine zeitlich begrenzte Aufgabe und kein Lebenszweck.

"Das Recht der Kinder fällt zusammen mit dem Recht der Mutter, dem Recht, sich in ihrer eigenen, nicht in einer fremden Individualität auszuleben. Indem ich das Recht der Kinder wahrnehme, nehme ich auch das Recht der Mütter wahr","

heißt es in der Streitschrift "Die neuen Mütter". Jede Frau müsse einen Beruf erlernen, fordert Hedwig Dohm, damit sie ökonomisch unabhängig ihren eigenen Weg gehen könne, befreit von männlicher Bevormundung. Sie propagiert öffentliche Einrichtungen mit geschultem Personal, das zur Kindererziehung besser geeignet sei als unzufriedene Mütter. Die eigene Mutter hatte das empfindsame, lernbegierige Mädchen als überfordert und gewalttätig erlebt:

""Prügel und Erziehung waren beinahe identisch. Warum musste ich heimlich, als wäre es ein Verbrechen, lesen? Warum durfte ich nichts lernen?","

erinnert sich die Schriftstellerin an die bittere Berliner Kindheit. Hedwig war das 4. von 18 Kindern der Familie Schlesinger. Der Vater, ein Tabakfabrikant jüdischer Herkunft, hatte sich 1817 evangelisch taufen lassen. Während die Brüder zum Lernen gezwungen wurden, musste das wissbegierige Mädchen früh die Schule verlassen, um im Haushalt zu helfen. Später erkämpfte sich Hedwig den Besuch eines Lehrerinnenseminars:

""In der Tochter will die Mutter eine zweite Auflage ihres Selbst erleben: ihren Lebensauffassungen, ihren Werturteilen soll sich das erwachsene Mädchen anpassen, und ist es nicht willig, so braucht sie die Gewalt der mütterlichen Autorität, eine erzieherische Aufdringlichkeit, gegen die sich die Tochter auflehnt, freilich nur dann, wenn sie selbstdenkend, selbstwollend, wenn sie eine Eigene ist."

Eine Eigene sein: "Werde, die du bist!" heißt eine Streitschrift. Das ist das Lebensmotto der Schriftstellerin, die ihren eigenen Töchtern ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen wollte: die vier zwischen 1854 und 1860 geborenen Töchter erhielten jede eine Ausbildung. 1853 hatte sie den Publizisten und Chefredakteur des satirischen Wochenblatts "Kladderadatsch", Ernst Dohm, geheiratet. Das Haus der Dohms wurde zum intellektuellen Treffpunkt im Bismarckschen Berlin. Tochter Maria erinnert sich:

"Sie ist nie hervorgetreten. Sie war immer eine stille Natur, deren stärkste Erlebnisse innerliche waren, und von all den Veröffentlichungen die gegen sie, über sie und von ihr erschienen, hat sie nie etwas aufgehoben."

1865 erschien Hedwig Dohms erstes Werk: eine Arbeit über die spanische Nationalliteratur. Im selben Jahr wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegründet und wenig später in Berlin der Lette-Verein. Hedwig Dohm verfolgte die zaghaft entstehende deutsche Frauenbewegung aus kritischer Distanz. Mit ihren radikalen Positionen, so forderte sie die Gründung von Frauenstimmrechtsvereinen nach englischem Vorbild, verschreckte sie viele deutsche Frauenrechtlerinnen, die auf eine allmähliche Verbesserung der Lage ihres Geschlechts hofften. Hedwig Dohm blieb eine Außenseiterin, nüchtern stellt sie fest:

"Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor. Es gibt keine Freiheit der Männer, wenn es nicht eine Freiheit der Frauen gibt. Wenn eine Frau ihren Willen nicht zur Geltung bringen darf, warum soll es der Mann dürfen? Hat jede Frau gesetzmäßig einen Tyrannen, so lässt mich die Tyrannei kalt, die Männer von ihresgleichen erfahren."

Dass die deutschen Frauen im November 1918 das Wahlrecht erhielten, freute die bis zuletzt schriftstellerisch tätige Denkerin. Überschattet wurde ihre Freude vom Schmerz über die Ermordung der verehrten Rosa Luxemburg. Hedwig Dohm starb am 1. Juni 1919 in Berlin, im Haus ihrer ältesten Tochter Hedwig, der Mutter von Katia Mann.

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