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Plagiarius für Handtrockner

Dieses Jahr wird die detailgetreue Kopie eines Handtrockners mit dem Negativpreis Plagiarius ausgezeichnet. Der Preis soll auf das Problem der Produktpiraterie aufmerksam machen. Durch Fälschungen und Raubkopien entsteht nach Schätzungen weltweit ein Schaden von 200 bis 300 Milliarden Euro. In einem Museum in Solingen werden besonders originelle Plagiate ausgestellt.

Von Rainer Schlenz |
    Das Tempo-Taschentuch - eine deutsche Erfindung, weltweit bekannt und: weltweit kopiert. Das Plagiariusmuseum zeigt jede Menge blau-weißer Packungen, bevorzugt "made in China", mit schrägem weißem Schriftzug. Alle machen auf Tempo, wollen Profit aus dem Renommee der Traditionsmarke ziehen, aber haben mit dem Original nichts zu tun. Die Geschäftsführerin der Aktion Plagiarius, Christine Lacroix:

    "Die fangen an bei Tango über Terpo und Temgo bis hin zu Timpao und Tompa, Tompe und Timpo, also hier sind wirklich variationsreiche Varianten von dem Originaltaschentuch."

    Solch fantasievolle Kopien eines Markenprodukts werden indessen nicht nur in und für Fernost produziert. Produktpiraterie ist auch in Europa weitverbreitet. Darauf weist die diesjährige Jury des Wettbewerbs hin, der unter anderem der ZDF-Wirtschaftsjournalist Michael Opoczynski angehört, außerdem eine Vertreterin des Berliner Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie, Unternehmer, Rechtsanwälte und Wissenschaftler aus den Bereichen Architektur und Medien.

    Der erste Preis des Plagiarius 2009 geht an einen Händler aus Deutschland, der eine detailgetreue Kopie eines elektronischen Handtrockners für öffentliche Toiletten von Stiebel Eltron vertrieben hat. Dieser deutsche Händler müsste das Original des Marktführers kennen, so Lacroix:

    "So dass er sich eigentlich nicht darauf berufen kann, er wusste jetzt nicht, dass es ein Plagiat des Stiebel-Eltron-Produktes ist. Und deswegen, weil es eben ein deutsches Produkt ist mit einem deutschen Händler, der das Ganze eben hier anbietet, dass man dann auch dem eben den ersten Preis zuerkennt."

    Ein Preisträger früherer Jahre hat den berühmten Kinderstuhl des norwegischen Herstellers Stokke imitiert. Das Plagiat sieht dem Original zum Verwechseln ähnlich, ist aber nicht so standfest. Auf die Verleihung des Negativpreises hat der Plagiator allerdings fair reagiert, findet Lacroix:

    "Er hat sich also unmittelbar nach der Plagiariusverleihung mit dem Originalhersteller, mit Stokke geeinigt, hat die Restbestände vom Markt genommen, hat ganz bewusst das Design verändert, dass es eben kein Plagiat mehr darstellt. Das ist natürlich ein schönes Beispiel dafür, was der Plagiarius bewirken kann. Das heißt, wir haben wirklich auch eine abschreckende Wirkung auf deutsche oder europäische Hersteller oder Händler, die auf ihren guten Ruf bedacht sind."

    Es geht der Aktion Plagiarius nicht nur um den Schutz den Originalhersteller, sondern auch um den des Verbrauchers. Von vielen Plagiaten geht Gefahr aus. Das minderwertige Imitat eines Luxuswasserhahns verursachte einen Bleigehalt im Wasser, der 70 Prozent über dem deutschen Richtwert lag. Bei einer Fälschung einer Stihl-Kettensäge war der Auslösehebel für die Kettenbremse bereits in der Originalverpackung abgebrochen:

    "Und der hat eben die Funktion, wenn ich mit der Säge abrutsche, dann muss die sofort stoppen. Und wenn der Hebel abgebrochen ist, kann diese Funktion natürlich nicht klappen. Das heißt, hier entsteht wirklich ernste Gefahr für den Anwender."

    Produktpiraterie kann für den Verbraucher gefährlich werden - und sie vernichtet nach einer Schätzung der EU-Kommission weltweit mehrere hunderttausend Arbeitsplätze. Das Problem verschärft sich, weil auch renommierte Firmen ihre Skrupel über Bord werfen, sagt Christine Lacroix:

    "Die Profitmargen sind sehr, sehr hoch, die kommen eigentlich fast denen aus dem Drogenhandel mittlerweile gleich. Die Chancen bestraft zu werden, sind gering. Das heißt, wenn ich hohe Profite und auf der anderen Seite sehr geringe Strafen habe, lockt das natürlich sehr viele kriminelle Banden an, aber eben auch den einen oder anderen, der einen schnellen Euro machen möchte. Und da mischen leider alle mit."