Mittwoch, 29.01.2020
 
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Planwirtschaft ist machbar

Peter Zudeick: "Tschüss, ihr da oben", Westend Verlag

Seit es mit der Wirtschaft abwärtsgeht, geht es mit der Nachfrage nach Karl Marx steil aufwärts. Und das, obwohl Marx mit seinem Versuch, eine Alternative zum Kapitalismus aufzuzeigen, bereits gescheitert ist. Nun unternimmt ein anderer einen neuen Anlauf: Der Kolumnist und promovierte Philosoph Peter Zudeick.

Von Rainer Kühn

Die neue Gesellschaft beruht auf den Säulen Gerechtigkeitsapostel plus Großrechner. (Stock.XCHNG / Sachin Ghodke)
Die neue Gesellschaft beruht auf den Säulen Gerechtigkeitsapostel plus Großrechner. (Stock.XCHNG / Sachin Ghodke)

Stell dir vor, es ist Krise - und keiner mag mehr etwas darüber lesen! Die Gefahr der Übersättigung ist real. Schließlich scheint mittlerweile alles zum Thema geschrieben zu sein, wenn vielleicht auch noch nicht von jedem! Die einzige, noch wenig besetzte Nische ist die der Satire, der ironischen Krisenbewältigung. Eine frivole Perspektive auf den unvermeidlichen Untergang tut Not, etwa im Sinne von: Keine Panik auf der Titanic! Wem sollte dies gelingen, wenn nicht einem wie Peter Zudeick? Ist der doch landesweit für seine bissigen Wochen-Rückblicke bekannt, in denen er mit spitzer Feder komplexe Themen adäquat und humorvoll zugleich verarbeitet. Auch der Titel "Tschüss, ihr da oben" deutet doch auf einen lockeren Umgang mit dem Krisen-Sujet hin. Allerdings stutzt man schon bei der Einleitung:

Die schnelle Abfolge von Immobilienkrise, Finanzmarktkrise, Automarktkrise, Weltwirtschaftskrise hat dafür gesorgt, dass dieses Buch plötzlich eins "über alles" wurde: über die Wirtschaft als solche, den Menschen als solchen, die Gesellschaft als solche.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass sich Wirtschaft, Mensch und Gesellschaft "als solche" - das heißt ja: "in ihrem Wesen" - nicht auf knapp 200 Seiten darlegen lassen! Das kann der promovierte Philosoph Zudeick doch gar nicht ernst, sondern nur ironisch gemeint haben, oder?

Die diversen Krisen fest im Blick präsentiert Zudeick zunächst die übliche Bestandsaufnahme mit den bekannten Fakten und Verdächtigen: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich, versagende Manager bekommen gar "Misserfolgsgratifikationen", in der oberen Etage der Gesellschaft herrschen "Gier, Rausch und Ekstase", Hartz IV hat nichts bewirkt, die Angst vor dem sozialen Absturz erreicht auch die bürgerliche Mitte - das alles kennen wir, aber in der präsentierten Form liest man es trotzdem noch einmal gerne. Stellt sich nun die Frage, ob denn "das Alles" gerecht sei. Bloß, was ist eigentlich "gerecht"? Hier brilliert der Philosoph Zudeick und breitet die Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs geradezu traumwandlerisch sicher vor uns aus und deutet zudem an, wohin für ihn die Reise geht: Chancengleichheit, Verteilungsgerechtigkeit und Würdigung des Menschseins. Als Zugabe gibt es dann noch die Hinweise, dass in der Realität die Politik die Gerechtigkeitstheorie falsch verstanden habe. Sowie dass die, die auf gerechte Verhältnisse pochen, mitnichten von Neid zerfressene deutsche Heulsusen seien. Grandios eingeleitet wird anschließend die Wendung ins Ökonomische. Es ist, schreibt er, unter Liberalen ja seit längerem üblich, den Rekurs auf Karl Marx als "tiefstes 19. Jahrhundert" abzutun. Im Gegenzug kommt dann der Rückgriff auf tiefstes 17. Jahrhundert (John Locke).

So könnte es doch weitergehen im dritten Teil des Buchs. Tut es leider aber nicht, da Zudeick sich langsam seinem eigentlichen Anliegen nähert: der Rettung des Menschen als "freies Subjekt", das Gesellschaft und Geschichte in die eigenen Hände nimmt. Dafür attackiert er zunächst die gängigen Vorstellungen, Menschen seien ökonomische Maschinen: Stets nur ihre Kosten-Nutzen berechnend und zudem vollständig von den Genen determiniert. Dieses Herumreiten auf theoretischen Ladenhütern ist nicht wirklich lustig, sondern antiquiert. Aber es passt insofern, da auch Zudeick argumentativ wieder im Jahre 1968 gelandet ist und mit den damaligen Parolen heroisch das heutige System attackiert:

Es ist also alles ganz furchtbar... Das System muss weg, her mit den Barrikaden... Wir müssen uns wieder um uns selbst kümmern, das heißt auch, dass wir `die da oben´ enteignen müssen ... Wir müssen zurück zu den einfachen Dingen... Wege sind denkbar, machbar. Man muss sie nur gehen, damit sie entstehen. Morgen fangen wir damit an.

Spätestens an dieser Stelle des Buchs setzt der Leser darauf, dass sich Zudeicks flammender ironisch auflöst. Vielleicht mit einer Wendung, dass dieses "Morgen" bekanntlich immer bevorsteht, aber nie ankommt. Aber weit gefehlt. Zudeicks revolutionärer Furor ist nicht mehr zu stoppen. Er will wirklich ein neues Gesellschaftssystem etablieren, gemäß dem alten Motto: Planwirtschaft ist machbar, Herr Nachbar! Denn anders als zu Zeiten des gescheiterten real existierenden Sozialismus ließen sich heute, so sein Argument, mit Hilfe von allgemeiner Computerisierung alle Bedürfnisse und Gesellschaftszustände berechnen. Hieß es einst in der UdSSR, Sozialismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung, verficht Zudeick die Parole: Die neue Gesellschaft beruht auf den Säulen Gerechtigkeitsapostel plus Großrechner.

Ein wenig verzweifelt wartet nun selbst der gutmütigste Leser darauf, dass er sich doch noch die Narrenkappe vom Kopf reißt und erklärt, dass alles nur ein Scherz gewesen sei. Aber nein, weit gefehlt, Zudeick meint, was er schreibt und beugt der zu erwartenden Kritik gleich vor:

Also schon wieder so ein Weltverbesserer. Schon wieder so ein Schlaumeier, der es besser weiß als die Wirklichkeit, der "das System" in Frage stellen muss... Ja, ich weiß. Es ist lästig... Aber am Ende fand ich Weltverbesserer immer sympathischer als Weltverschlechterer.

Aber als ob er es geahnt hätte, betitelt er sein letztes Kapitel mit "Etwas fehlt". Genau, bei alledem hat Zudeick ganz vergessen zu erwähnen, wer denn eigentlich die Wende herbeiführen soll. Denn das, was früher "revolutionäres Subjekt" genannt wurde, gibt es bei ihm nicht. Und trotz des Nachdenkens über die Systemfrage kommt ihm die so genannte Machtfrage nicht in den Sinn. Insofern ist zumindest eines klar: Solche Linke wie Zudeick brauchen "Die-da-oben" nicht wirklich zu fürchten!

Rainer Kühn war das über Peter Zudeick: Tschüß, ihr da oben. Vom baldigen Ende des Kapitalismus. Ein Buch aus dem Westendverlag. Für 16 Euro 95 gibt es 232 Seiten.

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