Dienstag, 16. August 2022

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Planwirtschaft zum Nachspielen

Klopapier, Wurst und Spülmittel gibt es nicht im Supermarkt und vor dem nächsten steht eine lange Schlange: trauriger Alltag in der Planwirtschaft Polens der 80er-Jahre. Um diese verrückten Verhältnisse den heute lebenden Jugendlichen nahe zu bringen, wurde in Polen vor zwei Jahren ein Brettspiel auf den Markt gebracht.

Von Adalbert Siniawski | 12.11.2012

    "Wir weisen Sie höflich darauf hin, dass Sie sich mit dem Öffnen der Spielschachtel im Polen der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts befinden. Aufgrund von Lieferproblemen werden Waren nur in sehr begrenzten Mengen ausgegeben. Dennoch bitten wir Sie, nicht in Panik auszubrechen und sich in Ruhe in den Warteschlagen einzureihen."

    Soweit die Anleitung. Joachim und die Mitspieler Adam, Anna und Iza – alle um die 30 Jahre alt – steigen ein in die Zeitmaschine, zurück in die Kindheit. Jeder hat einen Einkaufszettel in der Hand. Das Problem:

    Iza: "Der Laden ist leer! Der ist geschlossen, da wo ich was brauche. Da ist nix drin. Tja, was soll ich jetzt machen?"

    Das, was damals die Eltern machen mussten: Allerlei Tricks anwenden, um an die begehrten, knappen Waren zu kommen. Unsere Testspieler ziehen Aktionskarten:

    Iza: "Mutter mit Baby auf dem Arm. Du hast dir einen Säugling geliehen. Nun hast du das Recht, außer der Reihe dranzukommen."
    Anna: "Ich benutze den "guten Bekannten": Ein Bekannter hat Dir Informationen über die nächste Warenlieferung gesteckt."
    Joachim: "Glücklicher Zufall: Eine Bekannte musste ihr Kind vom Kindergarten abholen und hat dir ihren Platz in der Warteschlange angeboten."

    Die Drängelei in der Warteschlange die verblichenen Fotos von Limoflaschen, TV-Heimgeräten und biederen Kleidern aus dem sozialistischen Polen, die Sorge, ob es genug zum Essen gibt – all das weckt Erinnerungen.

    Joachim: "Ich kann mich noch sehr gut an die Schlangen erinnern und die Lebensmittelkarten, weil: Man musste auch die entsprechende Karte haben, um das Produkt kaufen zu können."
    Iza: "Und da war alles drauf: auch Schokolade, Fleisch, auch Schuhe, glaube ich, alles durcheinander gemischt, oder? Das waren nicht nur Lebensmittelkarten, sondern auch Warenkarten."
    Joachim: "Ja, ja."
    Adam: "Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie meine Mutter immer sehr stolz mit dem Schinken nach Hause gekommen ist. Das war auch nicht einfach, den zu bekommen. Das war dann ein Fest!"

    "Besonders beliebt ist das Spiel bei den 30- bis 40-Jährigen, die im Kommunismus der 80er ihre Kindheit erlebt haben. Sie wollen sich daran erinnern, wie es damals war als Kind. Das hat etwas mit Nostalgie zu tun. Aber sie spielen das Spiel auch mit ihren eigenen Kindern, um ihnen auf einfache Weise zu zeigen, was sie selbst erlebt haben. Kinder, die sehen, wie ihre Eltern damals lebten, können die Zeit der Solidarność-Bewegung und die Wende besser verstehen."

    Sagt, Karol Madaj, 32 Jahre, Erfinder der "Warteschlange". Madaj ist Mitarbeiter des Polnischen Instituts des nationalen Gedenkens, eine Art Stasiakten-Behörde in Warschau. Als das Institut Lehrmaterial über die Schattenseiten des Kommunismus erstellen will, schlägt er gemeinsam mit seinem Team ein Lernspiel vor – ein ironisches Lernspiel. Doch darf man über die Mangelwirtschaft lachen?

    "Vielleicht ist das Spiel lustig und wir behandeln die damalige Realität mit einem Augenzwinkern. Aber in der Anleitung beschreiben wir die Hintergründe ganz deutlich. Für diejenigen, die damals gelebt haben, war das keine lustige Realität. Die Volksrepublik war komisch, aber nicht lustig."

    Die Warteschlange hat Erfolg: Spiel des Jahres 2012 in Polen, Rekordauflage von 50.000 Stück, Übersetzungen ins Englische, Spanische, Russische, Japanische und eben auch ins Deutsche. Fazit der Testspieler?

    Joachim: "Es ist kompliziert, aber sehr schön herausgegeben."
    Iza: "Was mir am meisten gefällt, sind die Aktionskarten, weil das ist wirklich Action: Was kann ich in einer Schlage tun, um meine Position zu verbessern?"
    Adam: "Es ist wirklich lebensnah, es ist nah dran an den Lebensverhältnissen."
    Anna: "Ich mag, dass es so ein bisschen Augenzwinkern hat."
    Iza: "Du musst hier dem Toilettenpapier hinterher jagen!"