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StartseiteCorsoBeschäftigungstherapie für Rock- und Metalfans 07.11.2016

Plattencover zum AusmalenBeschäftigungstherapie für Rock- und Metalfans

Wie reagieren Metalfans, wenn man sie in ihrer Stammkneipe bittet, die Buntstifte rauszuholen und die Plattencover ihrer Lieblingsbands auszumalen? Corso hat den Praxistest gemacht und erstaunliche Reaktionen bekommen.

Von Peter Backof

Marek Pajak und Piotr Wiwczarek von "Vader" bei einem Auftritt (AFP / Jean-Sebastien Evrard)
Marek Pajak und Piotr Wiwczarek von "Vader" bei einem Auftritt (AFP / Jean-Sebastien Evrard)
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"Du bist in einem Heavy-Metal-Klub, das weißt du schon, ne?" - "Prost, ach, und es läuft viel zu wenig Metal im Radio!"

Wie es im "Valhalla – Kölns Metal Pub mit rustikaler Atmosphäre" zugeht, kann man sich ausmalen. Das Experiment besteht darin, ein Heavy-Metal-Malbuch an der Theke zu rezensieren. Beziehungsweise rezensieren zu lassen. Bei Amazon ist "Wer malen will, muss Metal sein!", drei Wochen nach seinem Erscheinen das erstgenannte Buch in der Rubrik Heavy-Metal-Bücher. Vor allen anderen Instrumenten-Lehrbüchern und Bandmonografien. Kam es durch viele Klicks auf den prominenten Platz? Oder durch den Werbewillen von Amazon? Kundenbewertungen im Netz gibt es aktuell genau eine: vier von fünf Sternen.

Sie: "Jedenfalls habe ich ein Metal-Malbuch noch nie gesehen. Da muss man erstmal drauf kommen" - Er: "Das ist aber genau die Sache: Würdest du ein Malbuch ausmalen? Auch wenn es dein größtes Hobby ist: Du bist der größte Modellbauer der Welt, dann malst du doch trotzdem keine Boeing 747 in ein Malbuch!"

19 Plattencover in Malvorlagen verwandelt

Das Cover vom Heavy-Metal-Malbuch "Wer malen will, muss Metal sein" (Verlag Reiffer)Das Cover vom Heavy-Metal-Malbuch "Wer malen will, muss Metal sein" (Verlag Reiffer)

OK, Klischee. Metal ist: Spaß haben, Rocken, Trinken. Die Sporen rasseln bei den wenigsten der 100 Partygäste, die meisten sind neugierig. Zeig mal her:

Er: "Darf ich mal, was haben wir denn da?" - Sie: "Plattencover aus Rock und Metal" - Er: "Wir haben: Tankard, eine der Big Teutonic Four. Ein Tankard-Bild darf man auf jeden Fall nur mit Bier ausmalen! Running Wild, Running Wild! Eine der top deutschen Power Metal Bands" - Sie: "Die Ärzte?" - Er: "Die Ärzte?? Das ist kein Metal, das kannst schon mal knicken!"

Rock und Metal steht da doch. Der Zeichner Martin Hoffmann hat 19 Plattencover in Malvorlagen verwandelt. Keine Bestenliste, keine Enzyklopädie. Die Ärzte statt Motörhead. Radikal subjektiv. Zum Fertig-Malen, zum Darüber-Streiten. Bildredakteur Renatus Töpke hatte bei der Auswahl ein Herz vor allem für deutsche Bands der 80er. Alle vertretenen Bands sind im Metal Pub bekannt. Die Gäste sind Musiklexika, viele selber Musiker. Der Reporter hat Buntstifte mitgebracht. Einige fangen tatsächlich an, im Malbuch herum zu kritzeln:

Sie: "Ich finde die Kombination Malbücher für Erwachsene und Metal eine ziemlich geile Sache, weil: Beides spricht das innere Kind an. Sowohl die Metal-Musik mit der Bockigkeit, der ganzen Rebellion. Und die Malbücher sind durch die Motive auch wieder für die Jugendlichen, für die inneren."

Bockigkeit - als Cover: Das zu Blind Rage von der Band Accept wird fast fertig, bunt. Es zeigt einen wild gewordenen Stier. Ansonsten sind Mittelalterliches und Motorisiertes Tenor im Malbuch.

Er: "Mein Sohn malt auch ohne Metal. Aber jeder Mensch braucht Metal. Weil Metal ist eine Einstellung. Ist einfach so!" - Sie: "Joar, aber kaufen würde ich es nicht. Ist ein zweischneidiges Schwert" - Er: "Ein zweischneidiges Schwert!"

Zwischen Szenecodex und Experiment

Kann man heute nicht mehr so machen, sagen die einen. Wer Metal will, muss solche Cover machen, die anderen zwischen Szenecodex und Experiment. Die Mittelalter-Rocker von Haggefugg haben ein großes, stilisiertes Herz auf ihre erste CD gesetzt, aus dem ein Zapfhahn ragt. Könnte so auch 1985 entstanden sein, fast zwei Generationen vor ihm, ordnet Sänger Gregor Krähenkehle ein: Das Malbuch sei etwas für Nostalgiker, zu denen er sich der 20-jährige Vinylfan auch zählt:

"Ich glaube, es gibt weniger Bands, die Cover heute so gestalten. Was ich an sich schade finde. Es kommt brutaleres Zeug auf den Markt. Und dann ist da noch die Genrespaltung, die momentan immer noch differenzierter wird."

"Wer malen will, muss Metal sein!": Zum Kult-"Buch" taugt es für die Gäste im Metal Pub nicht, ist aber mehr als ein aufgesetzter Gag, man würde es eventuell mitbestellen, als Gimmick und Geschenk, wenn es billig ist.

"Warum nicht mal Metal-Cover ausmalen? Ich meine, ich habe kein Smartphone, ich kenne das, ich sitze dann da in der Bar, alle haben ein Smartphone mittlerweile."

Malen anstatt am Handy herum zu daddeln. Auch eine Idee, Bockigkeit zeitgemäß auszudrücken. Das Malbuch besteht übrigens zur Hälfte – jeweils die linke Seite – aus leerem, weißem Papier. Wie gemacht als Inspiration für ganz neue, eigene Cover-Entwürfe. Fazit: Ein Metal-Malbuch ohne Posergehabe! Im besten Sinn kein Kult-Buch: Unprätenziös, spaßig wie Luftgitarre.

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