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Poetik-Vorlesung
Die Lyrik ist sein Motor

In seiner Tübinger Poetik-Vorlesung spielte Hans Magnus Enzensberger gemeinsam mit dem Germanisten Dirk von Petersdorff mit den Gedichten von Rilke, Klopstock und Benn. Da war er wieder: Enzensbergers ewiger Hang zum Spiel, zum Luftigen, zum Unernst.

Von Christian Gampert | 21.11.2013
    Im Vergleich zu dem zornigen jungen Mann der 50er-Jahre, der die Wölfe gegen die Lämmer verteidigte, ist er doch ziemlich zahm geworden. Aber kein Wunder, Hans Magnus Enzensberger ist 84, seit vielen Jahren ist er mehr als intellektueller Spieler denn als wilder Poet und politischer Polemiker in Erscheinung getreten. Er gibt in Tübingen am ersten Abend den heiteren Alten, der kostenlos Apercus verteilt, ein bisschen gegen Barthes und Derrida stänkert und Schiller gegen Nietzsche in Stellung bringt. Das Audimax birst vor Publikum, man muss in den großen Festsaal der Uni umziehen, woselbst der Referent bekannt gibt, er gedenke über "Geschichte und Geschichten" zu sprechen – ganz schön frech für jemanden, der selbst kaum Geschichten verfasst hat. Es geht also um den nur scheinbaren Gegensatz von Historiografie und Roman; immerhin kann Enzensberger auf ausgiebige Archivarbeit verweisen und auf seinen 1972 erschienenen "Kurzen Sommer der Anarchie" über den spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti, wo er höchst widersprüchliche Zeugenaussagen und angebliche Tatsachen zusammenkarrt. Die Geschichte also hat uns alle am Wickel und muss dringend erkundet werden.
    Die meisten von uns sind fortwährend unterwegs, freiwillig oder gezwungenermaßen. Doch so schnell wir uns im Raum bewegen, so träge reisen wir in der Zeit. Unser wahres Ausland ist nicht auf der Landkarte zu finden, sondern in der Geschichte…
    Dann spielte Enzensberger eine bürokratisch-faktenüberladene Darstellung des Historikers Hans-Ulrich Wehler zur Weimarer Republik gegen die stimmungsdampfende Reportage-Technik von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ aus – bei wem erfährt man mehr über die zwanziger Jahre? Ersichtlich doch bei Döblin. Andererseits: haben Historiker wie Jacob Burckhardt und Jules Michelet nicht selber literarische Qualität? Hat der Grieche Herodot nicht die Vorzüge beider Disziplinen vereint?
    So plauderte Enzensberger vor sich hin. Gestern Abend aber geschah ein kleines Wunder: er spielte sich mit dem selber Lyrik schreibenden Germanisten Dirk von Petersdorff die Bälle zu. Die beiden nahmen Gedichte aus dem Kanon und demonstrierten, wie man sie fortschreiben, umarbeiten, für die Gegenwart fruchtbar machen kann.
    Enzensberger ist jemand, der sich entzieht
    Er wolle einige Tricks vorführen, eröffnete Enzensberger: Anspielung, Negation, Zitat, Parodie, Plagiat. Und so variierte der alte Fuchs im schwäbischen Tübingen Ludwig Uhlands "Türkische Kunde".
    Zur Rechten sieht man wie zur Linken/ einen halben Christen niedersinken…
    Dirk von Petersdorff assistierte mit einem Echo auf Klopstocks "Die frühen Gräber". Klopstock sei für ihn vor allem als Klangkünstler und Beschwörer einer Stimmung wichtig; plötzlich sei auch ihm quasi geschmacklich die Atmosphäre des Schulhofs wieder präsent gewesen, auf dem er einst frierend stand, sagte Petersdorff. "Raucherecke" heißt das Gedicht.
    Wie ihr den Rauch / ausstoßen konntet, / ihr Edlen, ach, / alles war gut, als ich mit euch / sah sich röten den Tag, viertel vor acht.
    Dann führte Enzensberger vor, wie man die Aussagen von Rainer Maria Rilkes erster Elegie ins Negative verkehren kann, ohne dass das Gedicht seinen Ton verliert - die "Stärke dieser Stimme" überstehe diesen "brutalen Angriff", sagte Enzensberger, das wolle er mal demonstriert haben. Petersdorff hatte daraufhin eine parodistische Antwort des jüdischen Emigranten Felix Pollack auf Rilkes "Archaischer Torso Apolls" parat: "Du musst dein Leben ändern". Enzensberger antwortete mit einer (eigenen) Shakespeare-Übersetzung und einer neuen Version von Rückerts "Amara", die Bittere, für die niederen Stände…
    Amara! Du nix gut. Du nix gut machen. Mit deim Fuß nix gut gehen. Hände nix gut. Du mich anschauen. Nix gut…
    Die Lyrik ist der Motor, der Enzensberger antreibt und der ihn lebenslang vor jedem Dogmatismus bewahrt hat. Aber er, der früher immer der Anreger und Ideengeber war, braucht bei öffentlichen Auftritten jetzt jemanden, der ihn anregt. Petersdorff kann das sehr gut - und leitet mit einer kleinen Notiz von Gottfried Benn zum alkoholischen Teil der Performance über. Sie lautet:
    Ich bin nichts Offizielles / ich bin ein kleines Helles.
    Daraus macht Petersdorff dann sein "Bierlied mit Benn". Enzensberger lachte. Es war ein schöner Abend. Aber Enzensbergers ewiger Hang zum Spiel, zum Luftigen, zum Plaudern, zum Unernst - das ist auch etwas, das ihn nicht wirklich fassbar macht. Er ist jemand, der sich entzieht.