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StartseiteEuropa heutePolen startet Kampagne für Atomkraft08.03.2012

Polen startet Kampagne für Atomkraft

Zweifel der Bevölkerung sollen zerstreut werden

Trotz Bedenken aus dem In- und Ausland setzt die polnische Regierung weiter auf den Einstieg in die Kernkraft. Das erste Atomkraftwerk soll 2020 ans Netz gehen. Polnische Bürger als auch ostdeutsche sind besorgt. Bei einem internationalen Anhörungsverfahren, das Anfang Februar zu Ende gegangen ist, sind über 30.000 Briefe und E-Mails eingegangen - die meisten aus Deutschland.

Von Florian Kellermann

Polen will Atomkraftwerke bauen (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
Polen will Atomkraftwerke bauen (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

Die Abstimmung in Mielno war ein Schock für viele Atombefürworter. 95 Prozent der Menschen sprachen sich dagegen aus, ein Kernkraftwerk in der kleinen Gemeinde an der Ostsee zu bauen. Am schnellsten reagierte der staatlich kontrollierte Stromriese PGE. Er kündigte an, die Bürger nicht nur mit Informationsmaterial zu versorgen, sondern mit ihnen sogar nach Spanien zu fahren. Dort sollen sie sich überzeugen, dass Atomkraftwerke auch gut in Touristengegenden passen. Die Aufregung ist verständlich: Polen hat sich auf drei mögliche Standorte für das Kraftwerk festgelegt, einer davon ist Mielno. Die Ablehnung könnte auf die anderen beiden Gemeinden überspringen, fürchtet man in Warschau. Zumal auch in ganz Polen seit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima eine Mehrheit der Bevölkerung gegen die Atompläne ist. Deshalb sei es höchste Zeit für eine landesweite Kampagne, sagt Zbigniew Kubacki, Leiter der Abteilung für Atomenergie im Wirtschaftsministerium:

"Ziel der Kampagne ist es, zu informieren, aber auch, dass die Bevölkerung unserem Atomprogramm zustimmt. Wir wollen zeigen, dass 16 europäische Länder weiterhin auf die Atomkraft setzen und sie ausbauen - trotz Fukushima. "

Viele Menschen lehnten die Atomenergie nur deshalb ab, weil sie zu wenig wüssten, so Kubacki. Das zeigten Befragungen:

"Viele Menschen geben zu, dass sie wenig über die Atomenergie wissen. Auch nicht darüber, wie wichtig sie für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes ist. Wir stoßen zumeist auf Vorurteile, die noch immer auf die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zurückgehen."

Über vier Millionen Euro soll die Kampagne kosten, mit Plakaten, Fernsehwerbung und Radiospots. Die Kritik an dem Atomprogramm, wie sie etwa Deutschland und Österreich in einem internationalen Anhörungsverfahren äußerten, wird dabei nicht berücksichtigt.

Das sei nicht nötig, sagt Zbigniew Kubacki:

"Es gibt doch in den Medien ohnehin viel mehr negative als positive Informationen zur Kernenergie. Außerdem können doch alle an den Treffen, Konferenzen und Seminaren teilnehmen, die wir organisieren."

Die Befürworter der Atomkraft argumentieren, ihr Land habe keine Alternative. Polen gewinnt derzeit mehr als 90 Prozent des Stroms aus Kohle. Das muss sich ändern, sagt die Europäische Union, damit nicht mehr so viele Treibhausgase entstehen. Regenerative Stromerzeugung, aus Sonne und Wind, sei noch zu teuer, meinen die Politiker in Warschau, also bleibe nur Atomenergie. Deutschland habe leicht reden, schließlich habe der Nachbar die eigene Wirtschaft jahrzehntelang mit billigem Atomstrom aufgebaut. Und das Werben für Solar- und Windenergie sei auch nicht ganz uneigennützig, immerhin ist Deutschland hier einer der Weltmarktführer. Dennoch fordern polnische Umweltschützer eine offene Debatte über den Einstieg in die Kernkraft. Alternativen würden gar nicht erwogen, klagt Iwo Los von Greenpeace in Polen:

"Meiner Ansicht nach ist der Atomeinstieg vor allem ein Prestigeprojekt. Die Regierung will zeigen, dass sie so ein großes Vorhaben verwirklichen kann. Sie spricht davon, dass wir dem elitären Klub der Atomstaaten beitreten, dass wir einen zivilisatorischen Sprung nach vorne machen. Dabei sind ganz elementare Fragen nicht geklärt: etwa, wie wir den Atommüll lagern wollen. Dieses Thema wird einfach unter den Tisch gekehrt."

Auch das Parlament diskutiert so gut wie nicht über diese Fragen. Keine Partei äußert heute Zweifel an den Energieplänen. In vier Jahren soll der Bau des ersten Reaktors beginnen, bis dahin will die Regierung auch die Bevölkerung auf ihrer Seite haben. Die Möglichkeit, dass dieses Vorhaben scheitern könnte, hat in den Planspielen keinen Platz.

Links bei dradio.de:

Freie Bahn für den Atomausstieg - <br> Bundesrat stimmt Energiewende-Gesetz zu

Oettinger: Europa braucht eine stabile Strommenge - EU-Energiekommissar erläutert Konsequenzen des deutschen Atomausstiegs

Portal: Ein Jahr nach Fukushima

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