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Startseite@mediasresKomiker sind die besseren Wahlkämpfer18.04.2019

Polit-NeulingeKomiker sind die besseren Wahlkämpfer

Wer im Fernsehen witzig rüberkommt, kann es auch bei Wahlen weit bringen, meint Arno Orzessek in seiner Glosse. Als aktuelles Beispiel dafür sieht er den Schauspieler und ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Wolodymyr Selensky. Es gebe allerdings einen Mann, der trotz seiner Humorlosigkeit jeden Comedian in den Schatten stelle.

Von Arno Orzessek

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Der Schauspieler und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskij bei seiner Stimmabgabe zur Präsidentschaftswahl in der Ukraine. (Yulia Ovsyannikova / ukrinform / imago-images)
Wolodymyr Selenskyj könnte es in der Ukraine vom gefeierten Schauspieler zum Präsidenten schaffen (Yulia Ovsyannikova / ukrinform / imago-images)
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Kein Medien-Historiker wird widersprechen, wenn wir sagen: Die segensreiche Erfindung des Fernsehens hat Platon seinerzeit verpasst, und das nicht einmal knapp. Deshalb ließe sich lange darüber spekulieren, ob Platon das Gastmahl, das als "Symposion" berühmt wurde, am liebsten als eine Folge von "Das perfekte Dinner" durchgeführt hätte.

Wäre der Sender "Vox" 416 vor Christus, als die Herren zur Tafel schritten, schon am Start gewesen. Sie finden, das ist eine alberne Spekulation? Okay, erhöhen wir den Grad der Relevanz!

Schöne Haare, wenig Humor

Glauben Sie, der Ideen-Junkie Platon hätte grundsätzlich von der Television profitiert und die erträumte Herrschaft der Philosophen durchgesetzt, mit wer weiß was für krassen Folgen für die abendländische Geschichte bis hin zur Varoufakis-Schäuble-Krise?

Nun, die Antwort liegt auf der Hand. Mag Platon die Haare auch so schön gehabt haben wie der ZDF-Philosoph Richard David Precht – das überlieferte Bildnis legt es nahe – war er doch mindestens genauso humorlos.

Mit Witzen Wahlen gewinnen

Und wer die politische Macht mittels TV ergreifen will, muss lustig sein, am besten ein echter Komiker. So viel lehrt uns auf charmante Weise die Gegenwart. Sie wissen es bestimmt: Falls Wolodymyr Selenskyj am Sonntag die Stichwahl gewinnt, wird er Präsident der Ukraine. Und zwar aufgrund absolut zielführender Qualifikationen.

Der Komiker und Schauspieler hat in der TV-Serie "Diener des Volkes" höchst überzeugend den Normalo und Ex-Mittelschullehrer Holoborodko gespielt, der antike Autoren schätzt und es zum unbestechlichen Präsidenten bringt. So, wie Selenskyj am Sonntag vielleicht in echt.

Performance ist alles

Diese lustige Pointe hätte selbst Platon, der Lachen gar nicht witzig fand, ein Schmunzeln abgerungen. Und umso mehr hätte er sich gegen die Erfindung des Fernsehens gesträubt.

Denn der Schlaumeier hätte kapiert: Ein Typ wie Demokrit, der lachende Philosoph, wäre am Bildschirm viel besser rüber gekommen als er selbst und hätte statt eines Philosophen-Staats womöglich, Zeus bewahre, eine Lach-Gesellschaft gegründet.

Aber gut, das ist TV-Geschichte im antiken Konjunktiv. Ein Indikativ ist dagegen, dass im 21. Jahrhundert die Witzkanonen als politische Wunderwaffen reüssieren – und man fragt sich: Wo ist der gemeinsame Nenner?

Beispiele von Italien bis Guatemala

Gucken wir uns um! Beppe Grillo, der spiritus rector der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung, hat geerntet, was Silvio Berlusconi gesät hat, indem er den Leuten entspanntes Trash-TV-Dauer-Glotzen als neue Italianità schmackhaft machte. Grillo musste nur noch erklären, er sei anders als diese verdammt blöden Politiker –  zack, schon war er selbst einer von ihnen.

Jimmy Morales, Hauptfigur der Serie "Moralejas", wurde der Präsident Guatemalas. Kaum im Amt, jubelte er, man könne Probleme ohne Gewehr und Kugeln lösen - galant verschweigend, dass sein Karriere-Problem ohne TV nie gelöst worden wäre.

Vom Satiriker zum Politiker

In Brüssel ackert zur Freude seiner Fans der gewählte Abgeordnete der Partei "Die Partei" Martin Sonneborn. Der Ex-Chefredakteur der "Titanic" unterschlägt auf EU-Fluren allerdings, dass seine Arbeit Satire sein soll. Und deshalb ist sie es oft nicht, wie sein untadeliger Ruf unter Kollegen beweist.

Und Horst Schlämmer? Der Fake-Journalist in der Haut Hape Kerkelings hätte nach seiner umjubelten Berliner Pressekonferenz einst eine tolle Politikerkarriere starten können. Das halbe Land lachte ja über ihn.

Nicht automatisch bessere Politiker

Und damit zum Kern des Pudels. Humor ist die Krone der Schöpfung. Wer Witz hat, macht sein Publikum an. Das ist für Komiker normal, für Politiker unnormal. Deshalb sind Komiker die besseren Wahlkämpfer, aber, sobald sie gewählt wurden, die schlechteren Komiker – und damit normale Politiker; komisch zwar, aber halt unfreiwillig. 

Der Einzige, der beides zugleich und zugleich nichts davon ist, ist Donald Trump. Der US-Präsident hat keinen Witz, braucht keinen Witz, macht keine Witze. Trump ist ein Witz, und zwar ein so gelungener, dass professionelle Komiker längst sprachlos sind.

Was für ein Clou! Der größte Witz der Weltgeschichte – er ist nicht zum Lachen. Geben wir es ruhig zu: Irgendwie komisch ist das schon. 

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