Donnerstag, 15.11.2018
 
Startseite@mediasresDie Zeit des Weiterreichens ist vorbei15.10.2018

Politiker-Zitate im NetzDie Zeit des Weiterreichens ist vorbei

Das knackige Politikerzitat ist eine beliebte Form in sozialen Netzwerken. Dabei sind Journalisten nicht dafür da, deren Äußerungen einfach nur weiterzureichen, findet Stefan Fries. Ohne Einordnung und Differenzierung gehe es nicht.

Von Stefan Fries

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US-Präsident Donald Trump spricht zu Journalisten bei seiner Ankunft in Erie/Pennsylvania (AFP / Mandel Ngan)
Egal, was Donald Trump sagt: Medien reichen seine Zitate auch mal ohne Kontext weiter. (AFP / Mandel Ngan)
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Politiker brauchen heute keine Journalisten mehr, um ihre Botschaften an die Wähler zu bringen – sie haben eigene Wege. Ein Posting, ein kurzes Video, ein Foto mit Zitat – und ab damit auf Facebook, Twitter, Instagram. Die Nachricht geht zielgenau an die Anhänger – und auch an die Gegner, die sie empört weiterreichen und damit verstärken. Besonders die AfD hat verstanden, wie das funktioniert.

Einfach nur weiterreichen, was ein Politiker gesagt hat – ganz gleich, ob Lüge, Beleidigung oder Provokation – das müssen Journalisten heute weniger machen denn je. Ihre Aufgabe muss es sein, diese Aussagen einzuordnen: Stimmt überhaupt, was die Politikerin behauptet? Steht das nicht im Widerspruch zu früheren Aussagen? Sagt ihre Partei zum Thema nicht das Gegenteil? Ist nicht vielleicht illegal, was der Politiker fordert?

Kein Platz für Grautöne

Diese Einordnung braucht Platz. Nachrichten wollen heute aber im Zeitalter des Internets vor allem kurz sein, damit sie sich schnell verbreiten. So hämmern Redaktionen gerne ein knackiges Zitat eines Politikers neben ein Foto – auf eine sogenannte Kachel – und schicken es ins Netz. Das funktioniert aber nur, wenn das Zitat nicht nur kurz und knackig ist, sondern auch emotionalisiert oder provoziert. Für Grautöne und Differenzierungen ist kein Platz, auch nicht für Unsicherheit und Unwissenheit.

Das macht Kacheln zum Nährboden für Populismus: einfache Lösungen auch für komplizierte Probleme, klare Feindbilder und Nationalismus. Da postet etwa die Tagesschau bei Twitter Donald Trumps Satz: "Niemand behandelt uns schlechter als die Europäische Union". Als sei das so. Oder nochmal Trump: Das ZDF schickt als Eilmeldung, dass der Präsident seinen Ex-Anwalt der Falschaussage bezichtige. Als sei Trump ein glaubwürdiger Zeuge. Oder der Deutschlandfunk gibt Alice Weidel noch mal Raum für ihr "Merkel muss weg".

Nicht nur die verstärken, die ohnehin schon laut sind

Dieser Trend zur Verkürzung gilt nicht nur für Fotos in sozialen Netzwerken, sondern auch für Eil- und Pushmeldungen, für Laufbänder im Fernsehen, für Werbebildschirme in der Innenstadt. Dort werden Nachrichten immer kurzatmiger, es gibt immer weniger Kontext. Wurden früher zu Überschriften immer noch Einordnungen und Differenzierungen mitgeliefert, verzichten Medien darauf immer öfter, um der emotionalen Logik der Netzwerke zu folgen. Sie teilen vor allem, was brennt – und gießen damit noch mehr Öl ins Feuer.

Journalisten sollten nicht immer nur die verstärken, die ohnehin schon laut sind. Wenn Journalisten einfach nur weiterreichen, was Politiker sagen, machen sie sich zu ihren Lautsprechern. Sie lassen sie die entscheidenden Themen setzen und auch ihren Deutungsrahmen der Themen. Sie lassen sie – zumindest erst mal – mit mit allem durchkommen: auch mit Lügen, Beleidigungen, Provokationen. Das verschärft Debatten, macht Probleme schwieriger lösbar, verschiebt die Grenze des Sagbaren, verletzt in einigen Fällen sogar Grund- und Menschenrechte. Das ist verantwortungslos und auf lange Sicht sogar demokratiegefährdend.

Die Zeit des reinen Weiterreichens ist vorbei. Ohne Einordnung geht es nicht.

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