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Politikerkarrieren und die Rolle der Medien

Politiker brauchen die Medien, und die Medien die Politiker, das wurde in den Fällen zu Guttenberg oder Wulff wieder einmal deutlich. "Politische Kommunikation" nennt sich auch ein Masterstudiengang an der Universität Düsseldorf. Seit 2005 führen dort die Studierenden am Institut für Sozialwissenschaften jährlich das Düsseldorfer Forum Politische Kommunikation durch, auf dem Nachwuchswissenschaftler ihre Arbeiten vorstellen und diskutieren können.

Von Ingeborg Breuer | 19.04.2012
    "Der "Economist" bezeichnet die Eurokrise ähnlich wie auch die englische Regierung in der Hauptsache als Problem der Eurozone, das die Euroländer unter sich regeln müssen. Der "Spiegel" wiederum macht das ähnlich wie in der deutschen Tagespolitik von der gesamten Europäischen Union abhängig, das heißt, die Eurokrise muss in den EU-Institutionen gelöst werden, sonst ist das nicht möglich."

    Dass britische Zeitungen wie der "Economist" einen anderen Blick auf die Eurokrise haben als zum Beispiel der deutsche "Spiegel", überrascht kaum, analysiert Nicole Gottschalck vom Internationalen Zentrum für europäische Bildung in Nizza in ihrer Masterarbeit. Denn während diese Krise für den "Spiegel" ein gesamteuropäisches Problem darstellt, ist es für die Engländer, die der Währungsunion nicht beigetreten sind, eine Angelegenheit, die lediglich die Eurozone angeht.

    "Medien können nie Informationen einfach wiedergeben, das ist immer eingebettet in eine Geschichte, eine Struktur","

    so Eva Huber vom Institut für Kultur und Medien in Düsseldorf. Thema der Düsseldorfer Tagung, auf der Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen ihre Studienergebnisse vorstellen konnten, war die Rolle der Medien innerhalb der politischen Kommunikation. Medien informieren über das politische Geschehen, tragen zur Meinungsbildung bei und nehmen zugleich eine Kritik- und Kontrollfunktion in der Gesellschaft wahr. Und wie groß der Einfluss der sogenannten vierten Gewalt ist, konnte man ja gerade in den letzten Jahren eindringlich sehen. Berichterstattung in den Medien können Politikerkarrieren fördern - oder auch zu Fall bringen. Ann-Christin Wehmeyer von der Universität Münster untersuchte in ihrer Bachelorarbeit 20 Jahre Berichterstattung des "Spiegel" über Angela Merkel. Immer wieder, so die Kommunikationswissenschaftlerin, drehte sich die Berichterstattung um bestimmte Aspekte: um Merkel als Vorbild einer emanzipierten Frau, als "Fremde aus dem Osten", aber eben auch um die Frage, ob eine optisch blasse und unprätentiöse Frau überhaupt Karriere in der Politik machen könne. "Vom Mauerblümchen zur mächtigsten Frau der Welt", nannte Ann-Christin Wehmeyer ihren Vortrag; denn mittlerweile sind die Stimmen über "Mutti" oder ihre schlecht sitzende Frisur weitgehend verstummt. Natürlich auch deshalb, weil die Merkelsche Prinz-Eisenherz-Frisur lange schon einem modischen Bobschnitt gewichen ist.

    ""Im 'Spiegel' hat man auch sehr stark gemerkt: Es hat sich gewandelt das Bild, sie wird jetzt auf ihre Politik bezogen und nicht auf das, wie sie aussieht, und da sind zwar einzelne Beiträge, die dieses Thema abdecken, aber sonst ist es schon sehr sachlich und politikbezogen."

    Anders natürlich der Fall da, wo Politiker ins Zwielicht geraten. Carolin Jansen, Sozialwissenschaftlerin und Doktorandin an der Universität Landau, untersuchte den Fall des Ex-Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg, der ja wegen seiner in größeren Teilen abgeschriebenen Promotion in die Schlagzeilen geriet und schließlich zurücktrat. Skandalisierten hier die Medien? Oder war es nicht doch Guttenbergs eigene Informationspolitik, an der er schließlich scheiterte?

    "Ich sehe da in meinen Daten nur eine Teilschuld. Ich habe fünf verschiedene Zeitungen untersucht. Meine Meinung ist, dass die linksliberale Presse da einen ganz starken Fokus hatte und das Verhalten von Guttenberg stark angeprangert hat und insofern hat natürlich auch Meinungsmache betrieben hat."

    Doch auch die eher dem konservativ-liberalen Lager zuzuordnende "FAZ" erhob vehement Vorwürfe gegen Guttenberg, während die konservative "Welt" sich eher zurückhielt und die "Bild"-Zeitung die ganze Causa Guttenberg auszublenden versuchte. Carolin Jansen:

    "Da war die 'Bild'-Zeitung dabei, die Guttenberg bis zum Ende verteidigt hat beziehungsweise dann verstummt ist und sich insofern aus der Berichterstattung herausgezogen hat."

    Anders war ja bekanntermaßen das Verhalten der "Bild"-Zeitung angesichts der Affären um Christian Wulff. Dort wirkte sie an vorderster Front an den Enthüllungen über zweifelhafte Vorteilsnahmen des Ex-Präsidenten mit. Auf die politische Ausrichtung einer Zeitung können sich Politiker also - Gott sei Dank - nur bedingt verlassen.

    "Ich würde sagen, das sieht man krass bei der 'Bild'-Zeitung, wenn man die parteipolitische Linie verfolgt, dann hätte sie bei Christian Wulff eigentlich auch verteidigen müssen. Das hat sie aber nicht getan und da gab es das berühmte Bild: Wer mit der 'Bild'-Zeitung hochfährt, fährt auch mit ihr runter."

    Zuletzt noch behauptete Günter Grass die "Gleichschaltung" der deutschen Presse, nachdem er von vielen Medien wegen seines israelkritischen Gedichts getadelt worden war. Doch eine Gleichschaltung ließ sich durch die Analysen der Nachwuchswissenschaftler auf der Düsseldorfer Tagung nicht bestätigen, so Eva Huber.

    "Generell finde ich es gut, dass wir so eine vielfältige Meinung haben. Gerade bei Gauck war es ja auch so, dass es hieß, dass es gleichgeschaltet ist, dass alle eine Meinung haben, und da war es die 'taz', die geschrieben hat ,nein wir wollen ihn nicht und da finde ich wichtig, dass es auch eine andere Meinung gab."

    Für das Herstellen einer kritischen Öffentlichkeit sowie das Aufklären über Vorgänge werden allerdings Internetangebote immer wichtiger. Wie weit waren Facebook und Twitter am arabischen Frühling beteiligt? Hat das Guttenplag-Wiki, in dem Plagiate aus Guttenbergs Dissertation dokumentiert wurden, letztlich den Verteidigungsminister gestürzt? Die von den Piraten gestützte Open Data Bewegung will alle Daten aus öffentlichen Institutionen zur freien Nutzung und Weiterverbreitung zugänglich machen. Und die Enthüllungsplattform WikiLeaks - wenngleich auch seit über einem Jahr gesperrt - trat mit dem Motto "We open governments" an, um geheime Dokumente zu veröffentlichen. Denn, so WikiLeaks, die Öffentlichkeit habe ein Recht auf solche Informationen. Wird am Ende gar der traditionelle Journalismus im Zuge des digitalen Fortschritts überflüssig? Nein, so die Meinung in Düsseldorf, doch es wird zu einem Zusammenspiel beider Formen kommen. Eva Huber von der Universität Düsseldorf:

    "Was ein großer Vorteil einer solchen Plattform wie WikiLeaks sein könnte, ist, dass sie Informationen für Journalisten zur Verfügung stellt, so wie es ja auch passiert ist. Diese Enthüllungen wären nicht so groß gewesen, hätten es nicht der 'Spiegel' und die 'New York Times' aufgegriffen und in dem Zuge könnten durchaus solche Plattformen von Nutzen sein, um solche Informationen zur Verfügung zu stellen und dann auch diese rechtlichen Fragen wegnimmt von den Journalisten hin zu einer anderen Plattform."