Freitag, 03. Dezember 2021

Politische Abendgebete für Belarus in BerlinWachet und betet

Die evangelische Gethsemane-Kirche in Berlin war ein Sammelpunkt für DDR-Oppositionelle. Später kam es hier zu politischen Gebeten für Peter Steudtner, den in der Türkei festgenommenen Menschenrechtler. Jetzt wird gebetet für Menschen im von politischen Unruhen erschütterten Belarus.

Von Thomas Klatt | 10.12.2020

Anti-Lukaschenko Protest in Belarus: Kritiker des Machthabers laufen durch Minsk, einer von ihnen hält eine weiß-rote Flagge
Unterstützung für Belarus: Jeden Donnerstag widmet sich das politische Abendgebet in der Gethsemane-Kirche der belarussischen Protest-Bewegung (TASS)
"Herzlich willkommen in der Gethsemane-Kirche zu unserem täglichen politischen Gebet für die Menschen in Belarus."
Jeden Tag um 18:00 Uhr findet in der Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg das politische Abendgebet statt. Immer donnerstags geht es speziell um Belarus.
Die Gethsemane-Kirche in Berlin
Die Gethsemane-Kirche in Berlin (picture alliance / dpa / Hubert Link)
"Es kann jeden treffen, selbst bekannte Musiker, TV-Moderatoren, Journalisten. In vielen Fällen hören wir, dass sich die Menschen im Gefängnis mit dem Corona-Virus anstecken. Wir lasen von überfüllten Zellen, Läusen, Flöhen, kaputten Heizungen und Sanitäranlagen", sagt Ina Rumiantseva.
"Eine freie Presse gibt es nicht mehr"
Ina Rumiantseva, geborene Berlinerin und mit einem Belarussen verheiratet, trägt in der Kirche die neuesten Informationen aus der Hauptstadt Minsk und dem Rest des Landes vor. Informationen, die sie über private Kontakte und für sie sichere Quellen erhalten hat. Denn eine freie und unabhängige Presse gebe es dort nicht mehr, sagt sie.
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Aus Ohnmacht ist Entschlossenheit geworden, Belarus ist von heute auf morgen aus dem Dornröschenschlaf erwacht. – Wie ist das möglich? Was sind die Ursachen?
Rumiantseva: "Mit Erstaunen stellen wir fest, wie diese Menschen, die über Jahre und Jahrzehnte auffallend unpolitisch waren, nun die Dinge in die eigene Hand nehmen wollen und beginnen, über all die Themen zu reden, die sie bewegen. Sei es die Reform des Bildungssystems hin zu einem modernen humanistischen Schulwesen mit echter Partizipation und einem respektvollen Umgang miteinander. Sei es das kürzlich eröffnete Atomkraftwerk, das viele auf Grund der Erfahrung der Katastrophe von Tschernobyl ablehnen. Als der Staat die erste Welle der Corona-Epidemie einfach ignorierte und die Menschen sich selbst überließ. Bis dahin hatten viele in der Illusion gelebt, dass ein starker, vielleicht auch diktatorischer Staat doch gar nicht so schlecht sei."
Doch spätestens nach der Präsidentschaftswahl im August wurde immer mehr Belarussen klar, dass es Lukaschenko allein um Machterhalt geht. Die Bürger begehren auf, in Belarus wie auch im Ausland.
"Der Protest umfasst fast alle Gesellschaftsschichten"
Rumiantseva: "Eine wichtige Brücke zu den sich bildenden lokalen Gruppen ist die belarussische Diaspora, die mit Spenden, Wissenstransfer und konkreten Initiativen die Menschen in der Heimat unterstützt. Eine zunehmend wichtige Rolle spielen aber auch die unabhängigen Gewerkschaften, die zu einem Zentrum der Bewegung wurden. Während sie weiter Zulauf bekommen, haben die staatlichen Gewerkschaften bis zu 50 Prozent ihrer Mitglieder in diesem Jahr verloren. Der Protest umfasst inzwischen fast alle Gesellschaftsschichten und selbst die Wirtschaft sieht keine Zukunft mehr für sich unter Lukaschenko."
Das Gebet in der Kirche ist Ina Rumiantseva wichtig: als Geste der Solidarität.
Belarus: Proteste verwandeln die Kirchen
Der Druck der anhaltenden Demonstrationen in Belarus verändert auch die Orthodoxe Kirche im Land. Immer mehr Priester in unteren Hierarchie-Ebenen unterstützen den Protest. Die Katholische Kirche muss ohne ihren Erzbischof auskommen – denn der darf nicht wieder einreisen.
"Gebete sind ein wichtiger Ankerpunkt geworden"
Rumiantseva: "Denn für uns ist es auch ein ganz wichtiger Ankerpunkt geworden, ein Sich-Sammeln, Kraft-Schöpfen, weil die letzten Wochen und Monate für uns alle sehr kraftzehrend und anstrengend waren."
Allein in der Berliner Diaspora-Gruppe seien derzeit 500 Menschen aktiv, sagt Ina Rumiantseva. So wurde etwa eine alternative Botschaft vor der offiziellen Botschaft von Belarus eröffnet. Klim Kavaliou lebt seit drei Jahren in Berlin. Auch er kommt regelmäßig zum politischen Abendgebet in der Gethsemane-Kirche.
Klim Kavaliou: "Wir versuchen auf jeden Fall, finanziell zu helfen. Was können andere Leute machen? Ich denke einfach: Informationen verteilen. Das ist auch so wichtig. Jede Kleinigkeit ist wichtig."
Christen in der friedlichen Revolution: "1989 war ein Wunder"
Die Gethsemanekirche in Ostberlin war ein wichtiger Treffpunkt für DDR-Bürger während der friedlichen Revolution. Im Sommer 1989 war nicht abzusehen, "dass ein bis an die Zähne bewaffnetes diktatorisches Regime zusammenbricht", sagte der Theologe Thomas Seidel im Dlf. "Dafür gibt es kein anderes Wort als das Wort Wunder."
Hansjürg Schößler vom Gebetskreis der Gethsemane-Kirche unterstützt das Anliegen der Belarussen. Er hofft, dass sich ein Wunder wie damals, das friedliche Ende der DDR, nun wiederholt.
Schößler: "Wenn man sich anguckt, was jetzt in Belarus passiert, erinnert sehr an das, was ich vor 1989 erlebt habe. Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Gebete und Kerzen. Und genau das wünsche ich den Brüdern und Schwestern in Belarus auch."
Politische Gebete für Belarus in der Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg – das werden sie so lange machen, wie es eben nötig ist, sagen alle Beteiligten.