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Politisches Scheitern auf Kosten der Schwachen

Die Zahl der Cholera-Toten ist in Simbabwe binnen einer Woche um 25 Prozent gestiegen, die Inflation wächst ins Unermessliche und die Bevölkerung kann kaum mehr überleben. Während Morgan Tsvangirai und Robert Mugabe über die Regierungsbildung in Simbabwe verhandeln, versinkt das Land im Chaos.

Von Claus Stäcker | 24.01.2009

    Wir können nicht mehr, das Leid ist nicht mehr auszuhalten, klagt der katholische Pfarrer Wilson Mugabe auf einer Solidaritätskonferenz von Simbabwern in Johannesburg, die einmal mehr um internationale Hilfe bitten. Der unglückliche Namensvetter von Diktator Robert Mugabe hat nach eigenen Angaben sein Leben riskiert, um nach Südafrika zu kommen: "Wir haben genug gelitten", sagt er. Dann überkommt ihn ein Weinkrampf.

    Der Wahnsinn in Simbabwe findet keine Worte mehr, und kaum noch Zahlen: Die Zahl der Cholera-Toten ist binnen einer Woche um 25 Prozent gestiegen - auf nun 2700. Infiziert sind vermutlich 50.000. Die zunächst kleingeredeten Auswirkungen auf die Nachbarländer werden immer dramatischer: Mosambik meldet über 80 Tote und 10.000 Infizierte, Südafrika mehr als 30 Cholera-Tote und 3000 Kranke. Auch Milzbrand, Malaria, Tuberkulose und Lungenentzündungen sind wegen des Zusammenbruchs des Gesundheitssystems auf dem Vormarsch.

    An jeder Straßenecke schießen Flohmärkte aus dem Boden. Vier von fünf Simbabwern haben keine Arbeit und verkaufen, was sie loswerden können. Der US-Dollar wird mit zehn Billionen Simbabwe-Dollar gehandelt. - Die letzte offiziell berechnete Inflationsrate lag bei 231 Millionen Prozent, das war im Juli 2008. Die zu Jahresbeginn eingeführten 100 Billionen Dollar-Scheine sind ihr Papier nicht mehr wert. Alles wird nun in Green Backs berechnet, berichtet der 33-jährige Buchhalter Peter Mapunda dem ARD-Hörfunk. Sein Taxi zur Arbeit, den Combi, kann er nicht mehr bezahlen.

    "Die Kassierer haben kein Wechselgeld mehr, du gibst ihnen das Geld und dann verschwinden sie. Man weiß ja nicht mal, wie der Kurs gerade ist. Und die meisten von uns haben kein ausländisches Geld. Umgerechnet verdienen wir weniger als fünf US-Dollar im Monat. Und zwei Dollar brauche ich davon mindestens, um zur Arbeit zu kommen. Wir fragen uns, wo sollen wir das Geld dafür hernehmen."

    Auf dem Straßenmarkt regiert erbarmungslos die Weltwährung: 30 Eier kosten fünf bis acht Dollar, ein Sack Kartoffeln 15 Dollar, ein Sixpack Bier bis zu zehn Dollar.

    "Manche legen ihr Schicksal jetzt in Gottes Hand, manche vertrauen nur noch ihrer eigenen Hände Arbeit. Wir haben keine Hoffnung mehr für Simbabwe. Wir wissen nicht, was aus uns wird. Wir haben jede Hoffnung verloren."

    Letwin Mugavazi, 38, ist Bildhauerin, aber längst zum täglichen Überlebenskampf übergegangen. Wie soll sie sonst ihre beiden Kinder durchbringen?

    "Vor zwei, drei Jahren sind noch Kunstkäufer hergekommen, um unsere Skulpturen zu kaufen. Aber jetzt kommt niemand mehr. Ich behaupte, dass alle Künstler inzwischen arbeitslos sind. Ich bin zur Vollzeitmutter geworden, ich muss meine Kinder ernähren. Und im Garten stehen noch die Plastiken, die ich vor zwei oder drei Jahren geschaffen habe. Niemand kommt mehr, um sie mir abzunehmen."

    Der Schulbeginn nach den Sommerferien wurde gerade wieder um eine Woche verschoben. Die Schulen bleiben geschlossen. Es würden ohnehin kaum noch Lehrer kommen. Letwin Mugavazi macht für den Kollaps nicht nur das Mugabe-Regime verantwortlich, sondern auch die oppositionelle Bewegung für Demokratischen Wandel MDC von Morgan Tsvangirai, die letzten März die Wahl gewonnen, aber bis heute einer gemeinsamen Übergangsregierung mit Robert Mugabe nicht zugestimmt hat.

    "Unsere Kinder gehen nicht mehr in die Schule. Die Hälfte, nein, drei Viertel des letzten Jahres war die Schule geschlossen, weil keine Lehrer da waren und kein Schulessen. Egal wo, die Menschen kommen nicht mehr zu Rande. Ich kann diesen beiden Parteien nicht länger vertrauen."

    Auch die Universitäten und Fachschulen sind geschlossen, manche schon seit zwei Jahren. Den 21-jährigen Journalistikstudenten Edward Khupe erwischte es kurz vor seinen Prüfungen.

    "Diese ganze Misere ist allein auf die verfehlte Politik zurückzuführen. Mugabes Zanu-PF und Tsvangirais MDC halten das ganze Land in Geiselhaft. Die beiden sollten sich zusammensetzen und endlich eine Lösung anbieten. Wir können nicht auf internationale Hilfe warten, diese Typen sitzen doch nur und reden. Die Lösung muss von innen kommen, von uns Simbabwern."

    Den Medizinstudenten George Chisvo, 26, traf es noch unangenehmer: Er stand kurz vor dem Staatsexamen. Die medizinische Fakultät ist seit Oktober geschlossen. Und sollte die Universität von Simbabwe nach den Semesterferien jemals wieder aufmachen, will sie Studiengebühren in Dollar verlangen. Auch George hält der Politik Versagen vor und beschuldigt beide Rivalen für die Krise, Mugabe und Tsvangirai, aber:

    "Ich persönlich mache vor allem Mugabe dafür verantwortlich. Wir müssen uns klar werden, dass seine Leute sich einen Dreck um das Wohl des Volkes scheren. Sie klammern sich an die Macht, um das Land auszurauben. Und das geht seit mindestens zehn Jahren so. Ich kann mich schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass man mit diesen Leuten zusammenarbeiten muss, um aus der Krise zu kommen. Mir wäre es lieber, ich müsste nicht mehr mit ihnen kooperieren, unter ihrer Regierung arbeiten. Ich werde nicht eher wieder froh, bis ich sie in einem Gefängnis verrotten sehe."

    Die jüngsten Gespräche zwischen Mugabe und Tsvangirai sind gescheitert, beide bleiben in ihren Forderungen unnachgiebig. Wieder folgen hilflose Sondergipfel von Afrikanischer Union und der Regionalgemeinschaft SADC.

    Sogar Nelson Mandelas Ehefrau, Graca Machel, Mitglied des Weisenrates "The Elders", dem auch Mandela, Erzbischof Desmond Tutu, Jimmy Carter oder Kofin Annan angehören, scheint inzwischen jede Hoffnung auf die afrikanischen Politiker verloren zu haben. Blut klebt an ihren Händen, sagt Graca Machel:

    "Wir haben ihnen zu lange vertraut, und es ist Zeit unseren Führern einzubläuen: In euren Händen liegen all die Toten und die, die noch sterben werden. Wir legen ihr Leben in eure Verantwortung. Nehmt sie endlich wahr!"