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Polnischer Nationalpark

164 Kilometer weit schlängelt sich die Biebrza völlig unreguliert durch eine offene, flache Landschaft, ändert ihr Bett, wie es ihr gefällt, hinterlässt tote Altarme. Im Frühling, wenn die Schmelzwasser den Fluss über die Ufer treten lassen, entsteht eine riesige Seenlandschaft, die Tausenden Vögeln ideale Brutplätze bietet - gut geschützt vor Verfolgung und menschlicher Neugier. Die Nasswiesen und Schilfdickichte, Weidengebüsche, Moor- und Bruchwälder bergen eine einzigartige Artenvielfalt, so Irek Chojnaki, Leiter des polnischen WWF:

von Johannes Kaiser |
    Wenn es um Biebrza geht, dann haben wir hier viele Arten, die sehr selten sind. Ingesamt haben wir 900 Pflanzenarten in Biebrza, darunter auch 18 Orchideenarten. Dann haben wir 270 Vogelarten. Also das sind die Zahlen, die schon etwas über das Gebiet aussagen. Wenn es um bestimmte Arten, Vogelarten geht, dann haben wir hier Weißflügelseeschwalbe, Schelladler, Doppelschnepfe, Blaukehlchen. Eigentlich ist Biebrza so eine Art Paradies, ein Vogelparadies. Wir haben hier in Biebrza auch 2000 Paare des vom Aussterben bedrohten Seegenrohrsängers, die im Biebrza-Nationalpark nisten, und da muss man sagen, dass eigentlich das Bestehen der Weltpopulation vom Biebrza Nationalpark abhängig ist.

    Auch zahlreiche Biber und Otter schätzen die nasse Landschaft. 500 Elche grasen in den endlosen Wiesen und sechs Wolfsrudel gehen auf Jagd. Über 60 000 Hektar Fläche sind im Biebrza Tal seit 1993 als Nationalpark ausgewiesen. Nach anfänglich massiven Konflikten zwischen einer selbstherrlichen Nationalparkverwaltung, verunsicherten Bauern und empörten Naturschutzverbänden hat es der WWF in den letzten Jahren geschafft, alle Beteiligten zur Zusammenarbeit zu bewegen, denn man ist aufeinander angewiesen. In Polens größtem Nationalpark gehören immerhin 44% der Fläche Privateigentümern, vor allem Bauern. Nur wenn die weiterhin ihre Wiesen mähen, das Schilf ernten, finden die Vögel hier geeignete Brutbedingungen, behält das Biebrza-Tal seinen Artenreichtum. Sonst würde es verbuschen, die Vogelvielfalt verschwinden. Die gemeinsamen Interessen haben jetzt zu einem gemeinsamen Projekt von Gemeinden und Nationalparkverwaltung geführt, so Nationalpark-Direktor Adam Sienko:

    Was den aktiven Naturschutz betrifft, geht es zuerst einmal um die Pflege, das heißt, dass die Flächen offen gehalten werden. Zugleich stellte sich dabei auch die Frage: Was soll mit der Biomasse, die dort auf diesen Flächen geerntet wird, geschehen? Der Bewirtschaftungsplan sieht vor, dass jährlich zehneinhalbtausend Hektar gemäht werden sollen. Das ergibt jedes Jahr rund 50.000 Tonnen Biomasse. Wenn wir mit unserem gemeinsam mit den Gemeinden beschlossenen Projekt erfolgreich sind, gibt es demnächst ein Unternehmen, das daraus Biogas produziert, und zwar für die Heizung der öffentlichen Gebäude. Damit wird auch demonstriert, dass man durch den Nationalpark nichts verliert, sondern nur gewinnt.

    Zudem haben die Schulen spezielle Öfen angeschafft, in denen sich im Winter Schilf als Heizmaterial verbrennen lässt. Der Naturschutz schafft also Arbeit, so Bürgermeister Zdislaw Dobrowski aus Trzcianne, anfangs ein Skeptiker, heute ein begeisterter Befürworter des Nationalparks:

    Was mein Dorf angeht, haben die Bauern sehr viele Vorteile durch den Nationalpark. So wird zum Beispiel Schilf im Nationalpark gewonnen. Es gibt in ihm Gebiete, die müssen gemäht werden und das wird von Leuten aus der Gemeinde gemacht. Das Schilf wird unter anderem nach Deutschland, Großbritannien, Holland exportiert. Und das andere Beispiel: vor fünf Jahren gab es nur eine einzige Bed-&-Breakfast-Unterkunft. Jetzt haben wir zwölf, und das ist erst der Anfang. Wir wollen hier Ferien auf dem Bauernhof aufbauen. Dann können daran mehr Familien etwas zusätzlich zur Landwirtschaft verdienen.

    23.000 Besucher haben letztes Jahr den Park besucht und ihr Geld in der Region gelassen - keine Frage: vom Tourismus profitieren alle. Problematisch bleibt nur die finanzielle Ausstattung des Nationalparks. Obwohl er Polens größter ist, fließen ihm nicht mehr Gelder zu als allen anderen. Vieles wird erst durch Spendengelder möglich. Doch die reichen gerade für die dringendsten Sicherungsmaßnahmen. Man hofft nun auf den Beitritt zur EU und deren Öko-Fonds. Die wird man auch brauchen, um den Bau einer Autobahn, der Via Baltica durch den Nationalpark zu verhindern. Das wäre eine Katastrophe, doch die Biebrzaner sind nicht bereit, das Erreichte kampflos aufgeben. Der WWF hat ihnen deutlich genug gemacht, was sie am Nationalpark haben, so Bürgermeister Zdislaw Dobrowski:

    Der ist zu uns gekommen und hat uns klargemacht, was wir Besonderes haben. Wir wussten das nicht. Für uns war der Park unwichtig. Wir haben seine Besonderheit gar nicht gesehen. Erst der WWF hat sie uns gezeigt. Es gibt dafür ein polnisches Sprichwort: Man bewundert immer nur das, was andere haben. Das, was man selbst besitzt, kennt man überhaupt nicht. Ich glaube, der Nationalpark gibt unserer Gemeinde die Chance, sich zu entwickeln.