Sonntag, 29. Januar 2023

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Pop statt Therapie

Immer wieder wurde die Wahlberlinerin Cherilyn MacNeil alias Dear Reader gefragt nach ihrer Kindheit im Südafrika während der Apartheid. Wenig wusste sie darüber zu sagen. Dann begann sie zu recherchieren – und Songs zu schreiben. Auf ihrem neuen Album "Rivonia" finden sich ihre Antworten als getragener Kammerpop.

Von Bernd Lechler | 30.03.2013

    "Down Under Mining", ein Lied über schwarze Bergarbeiter, die für die Weißen das Gold aus dem Boden holen. "Man Of The Book" handelt von Cherilyn MacNeils Urururgroßvater, der in Südafrika mit Mahatma Gandhi zusammenarbeitete. Und "Took Them Away" spielt in Rivonia, dem Teil Johannesburgs, in dem Cherilyn aufwuchs und wo sich die Anführer des militanten ANC trafen, bis sie von einem Jungen aus der Nachbarschaft verraten wurden. Aus seiner Perspektive erzählt der Song "Took Them Away".
    "”Ich kenne ihn natürlich nicht, und seine Motive, aber er verkörpert hier mich als Kind: Er ist naiv, und als er erkennt, was er angerichtet hat, tut es ihm leid. Das muss so nicht stimmen - aber das gilt fürs ganze Album. Es sind Geschichten!""
    Geschichten, die das Leben schrieb. Der zentrale Song heißt "April 27, 1994" – das war der Freedom Day, als die schwarzen Südafrikaner zum ersten Mal wählen durfte. Die kleine Cherilyn spielte, und in der Schlange vorm Wahllokal standen die Kindermädchen, Gärtner, Haushälterinnen, denen sie hier ein schuldbewusstes Denkmal setzt.
    "Diese Leute haben uns oftmals großgezogen, sie haben gekocht, unsere Wäsche gemacht - das war intim! Gleichzeitig war man sich denkbar fern. Die Weißen hatten damals Angst: viele flohen, manche erwarteten Krieg - aber für die Hausangestellten, die zum ersten Mal wählen gingen, war das der Tag, für den sie Jahrhunderte gekämpft hatten. Dass man da so unterschiedlich empfinden konnte, obwohl man sich gleichzeitig so seltsam nah war - da steckt für mich dieser ganze Konflikt drin."
    Und die Musik? Wenig Afrikanisches. Dabei war sie doch so nah dran, oder? Eben gerade nicht, sagt sie.
    "Ich hab mit dieser Musik und ihren Ursprüngen doch letztlich nichts zu tun! Und wenn was ‚Afrikanisches’ auftauchte, bin ich erschrocken: Darf ich das? Ist das jetzt Kitsch, ist das falsch? Aber ich hatte noch nie so viel Spaß vor einem Mikrofon wie bei diesem Chor von ‚Took Them Away’. Und da beschloss ich, den Kopf mal abzuschalten und mich einfach dran zu freuen. Dafür macht man schließlich Musik."
    Ein paar westafrikanische Juchzer, auch mal ein Akkordeon, das Cherilyn selbst bezeichnenderweise nicht an original Township Jive erinnerte, sondern an Paul Simons "Graceland". Und sonst eher europäische Tradition: viel Klavier, das zusammen mit der Stimme an Kate Bush und Regina Spektor denken lässt. Und Holzbläser, weil sie die immer schon liebt.
    "Unser Tonmann Fritz spielt das Fagott. Das war eine irre Entdeckung, er sieht nämlich aus wie so ein Metalhead, mit langer Matte und schwarzem Leder und wilden Augen - ich hatte anfangs Angst vor ihm! Aber er spielt Fagott. Mit seinen Eltern! Ich hab sie mir auf dem Weihnachtsmarkt angeguckt, die ganze Familie. Und dann haben wir bei ihnen zu Hause die Bläser aufgenommen."
    "Rivonia” ist ein bezwingendes Album geworden. Packend und anmutig zugleich; halb Bericht, halb Poesie. Und natürlich: Pop – nicht Therapie.
    "Ich hab mit dieser Platte meinen Identitätskonflikt als Südafrikanerin natürlich nicht gelöst. So was geht nicht weg. Und ich glaube, die Leute hier in Deutschland verstehen das sehr gut. Dieses Gefühl: Okay, ich war nicht dabei, schuldig bin ich trotzdem, das ist ein Teil von mir, und der bleibt."