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StartseiteCorsoEin Meilenstein der Musikgeschichte19.10.2019

Portisheads "Dummy" Ein Meilenstein der Musikgeschichte

25 Jahre ist es her, dass Beth Gibbons für die Band Portishead sang. Journalisten bezeichneten den Sound der Band als Trip Hop: Eine Fusion aus langsamen Hip-Hop-Beats, jazzigen Arrangements und Elektronik. Steen Lorenzen erinnert sich daran, wie er selbst damals auf den Trip gekommen ist.

Von Steen Lorenzen

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Beth Gibbons von der Band Portisheas beim Roskilde Festival 2011 in Dänemark (picture alliance / PYMCA / Photoshot / Gonzales Photo / Kenneth Nguyen)
Beth Gibbons von der Band Portisheas beim Roskilde Festival 2011 in Dänemark (picture alliance / PYMCA / Photoshot / Gonzales Photo / Kenneth Nguyen)
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Ein schwerer Beat, ein rollender Bass und eine Trompete aus seligen Jazz-Zeiten. Der richtige Moment, um den Mond anzuheulen und alle Ängste bei ihren Namen zu nennen. Strangers heißt dieser Song von Portishead. Vor dem inneren Auge erscheint die Erzählerin Beth Gibbons. Wie sie in gebückter Haltung vor dem Mikrofon steht, mit beiden Händen sich am Mikrofonständer festhält, wie sie in einer Hand eine glühende Zigarette hält, während ihr Gesicht hinter ihrem strähnigen Haar verschwindet.

Großes Mysterium

Beth Gibbons ist nie so recht hinter diesem Vorhang hervorgetreten. Seit Portishead vor 25 Jahren ihr Debüt mit dem Namen "Dummy" herausbrachten, ist sie das große Mysterium einer ohnehin schwer greifbaren Band geblieben. Viel leichter auszurechnen waren 1994 die Rockbands auf der Insel der Popmusik.

Die Arbeiterklassenband Oasis und die smarten Mittelklassejungs Blur inszenierten den letzten rockmusikalischen Hype Großbritanniens. Doch an dem neuen Soundtrack der 90er wurde weder in Manchester noch in London gearbeitet, sondern in einer verregneten Hafenstadt namens Bristol. Dort war eine DJ-Szene namens The Wild Bunch zu Hause. Aus dem afro-karibischen Umfeld kamen die Reggae-Momente, aus dem Hip Hop die Breaks und Beats, zudem gab es den Einfluss von Jazz, Fusion, Soul und sogar süßlicher Burt Bacharach-Musik.

Geborgenheit und Schutz

"It Could Be Sweet" war der erste Song, der unter dem Namen Portishead entstand. Ein Song, in dem Geborgenheit und Schutz gesucht wird, wie eine Reaktion auf das Zeitgeschehen. England war in den Golfkrieg gezogen, die BBC wollte eine Band mit dem Namen Massive Attack nicht spielen und unter Premierminister John Major wurden in den Folgejahren zahlreiche Versuche unternommen, wilde Partys, illegale Raves einzudämmen. England lag im Karmacoma.

Dass sich Portishead nach einem Hafenort in der Nähe von Bristol benannten, passte ganz gut, denn zum inner circle der Bristol-Szene gehörten sie nie. Die Scratch- und Sampel-Techniken übernahmen sie, um Jazz- und Filmsounds zu zitieren, doch den politischeren Parolen der Hip Hop Szene setzten Portishead ihre Klagelieder über Einsamkeit, Verlustängste und Zweifel entgegen. Kein Satzzeichen kommt so häufig in ihren Liedern vor wie das Fragezeichen.

Melancholisches Blau

Der Titel des Portishead Debüts hätte nicht passender sein können: Aus ihrem ganz in melancholischen Blau gehaltenen Album "Dummy", aus dem Versuchsballon, wurde die Blaupause für einen elektronischen Blues, auf den sich auch heute noch Künstler wie James Blake, Sevdaliza, SBTRKT oder Hoy La beziehen. "Dummy" hat sich bis heute dreieinhlab Millionen Mal verkauft, ein Glücksfall für eine eigentlich mit sperriger Musik und scheuen Persönlichkeiten ausgestatteten Band. Aber auch eine Last. Denn Portishead taten sich nach ihrem Debüt unheimlich schwer mit den nächsten Alben.

5 Jahre vergingen, in denen das Trio ein weiteres hervorragendes Trip Hop Album schuf. Und dann weitere 10, in denen sich die Bandmitglieder fremd wurden und doch nochmal zusammenfanden für ein drittes schräges, dissonantes Album mit maschinellen Beats und Schweineorgeln, immer noch zusammen gehalten von Beth Gibbons erschütterndem Gesang.

Eine große Denkerin

Gibbons erschien wie schon bei den Alben davor nicht zu Interviews und so musste man Ihre Bandkollegen nach ihrem Wohlbefinden fragen. Alles gut, gab Adrian Utley zu verstehen: Beth Gibbons sei eine große Denkerin und somit auch ein Sprachrohr für die Themen, die uns alle bewegen würden: Armut, Krieg, Sexualität, Macht. Es gehe ihr bestens. Und mit dem Rauchen habe sie auch aufgehört.

Die Band hat dann auch aufgehört, jedenfalls fühlt es sich 25 Jahre nach ihrem Debüt so an. Geoff Barrow hat eine Krautrock-Band gegründet, Adrian Utley schreibt Soundtracks und Beth Gibbons trat zuletzt an der Seite eines Sinfonieorchesters in Erscheinung. Und dann ist Beth Gibbons wieder hinter ihrem Vorhang verschwunden. Unbeeindruckt von der Sehnsucht, die viele mit dieser großen Stimme der 90er Jahre und dem melancholischen Trip ihrer Band verbinden.

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