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StartseiteEuropa heutePortugal: Landstraße statt Autobahn03.08.2012

Portugal: Landstraße statt Autobahn

Serie "Nahaufnahme - Reporteralltag in der Eurokrise"

In Portugal wird für die Nutzung der Autobahn eine hohe Mautgebühr erhoben. Daher fahren viele Bürger und Touristen lieber über die Landstraßen. Davon profitieren nicht nur kleine Geschäfte in der Provinz, auch die Autofahrer entdecken die Vorzüge der Langsamkeit.

Von Tilo Wagner

Die Vorzüge der Langsamkeit - Portugiesen entdecken ihre Regionen neu. (picture alliance / dpa / Andreas Lander)
Die Vorzüge der Langsamkeit - Portugiesen entdecken ihre Regionen neu. (picture alliance / dpa / Andreas Lander)

Es ist Hochsaison, doch die A 23 zwischen Lissabon und Castelo Branco im Osten des Landes ist so gut wie leer. Als ich vor knapp zehn Jahren nach Portugal kam, glaubten viele, dass neue Autobahnen nachhaltige Entwicklung bringen würden. Heute weiß jeder: Um die Schulden für den Straßenbau zu begleichen, müssen portugiesische Steuerzahler noch Jahrzehnte lang tief in die Tasche greifen.

Genutzt werden die Autobahnen wenig, weil keiner die hohen Mautgebühren bezahlen will. Auch ich fahre auf meinem Weg in die Provinz lieber Nationalstraße.

In den kleinen Ortschaften wird aus dem Asphalt holpriges Kopfsteinpflaster. Hier heißt es: runter vom Gas! Längs der Straße weiß getünchte flache Häuser, im Schatten einer riesigen Korkeiche suchen ein paar alte Männer Schutz vor der brennenden Nachmittagssonne. Ein klassisches Reiseführermotiv. Doch statt Landromantik spiegelt es für mich vor allem eine bittere Realität wider: Die Alten sind die Einzigen, die in der Provinz bleiben; nach neuen Chancen suchen viele junge Portugiesen in den großen Städten entlang der Küste – auch dort mittlerweile meistens vergeblich.

Eine kleine Nebenstraße führt vom Dorf weg in ein breites grünes Tal.

Im Schritttempo fahre ich über eine schmale Brücke, die sich über einen wilden Fluss spannt. Ein Kranich ruft. Fern der ausgetrampelten Touristenpfade finde ich hier mein wunderschönes, einsames Portugal wieder. Dann kommt erneut das trockene, sonnenverbrannte Land, Korkeichen, Olivenbäume, und plötzlich ein riesiger Weinberg. Der dazugehörige Hof liegt direkt an der Straße.

Weinbauer Joaquim Graça steht vor modernen Stahltanks. Er erklärt mir, dass sein Chef – ein Richter aus Lissabon – noch weitere fünf Hektar Wein anbauen will:

"Wer aus Lissabon über die Nationalstraße fährt und dann die Abkürzung über diese Landstraße nimmt, spart sich rund zwölf bis 15 Kilometer. Seit die Autobahngebühren erhoben wurden, haben wir viel mehr Laufkundschaft. Manche Kunden aus Lissabon beschweren sich über die Krise, die höheren Reisekosten und den größeren Zeitaufwand. Aber für unseren Verkauf ist das gut."

Graças Wein wird mittlerweile sogar nach China und Brasilien verkauft und ist im vergangenen Jahr zu einem der besten neuen Produkte Portugals gewählt worden. Für mich ein Zeichen dafür, dass in Portugals Landwirtschaft großes Potenzial steckt. Das allerdings wird bisher noch viel zu wenig genutzt.

In der Kleinstadt Ponte de Sôr betreibt Isabel Garcia direkt an der Hauptstraße ein kleines Geschäft mit Spezialitäten aus der Region. Sie packt einen Schafskäse aus, das kräftige Aroma breitet sich im menschenleeren Laden aus.

"Als sie die Maut eingeführt haben, hatten wir hier ein bisschen mehr Kundschaft – aber das war nur von kurzer Dauer. Die Leute kommen zwar in den Ferien hier vorbei, aber vor der Krise fuhren sie fast jedes Wochenende aufs Land. Damit ist jetzt Schluss."

Im Sommer aber kommen sie noch, diejenigen, die der Provinz den Rücken gekehrt haben. Sie verbringen hier in den Dörfern und Kleinstädten ein paar schöne Ferienwochen. Doch ein nachhaltiges Konzept, wie das Leben im portugiesischen Hinterland wieder attraktiver gestaltet werden kann, fehlt.

Ich fahre weiter und halte an einem Stausee – ein schöner Rastplatz für Reisende. Duarte Luís und seine beiden Töchter sind wie ich auf dem Weg in den Nordosten:

"Wir fahren jetzt immer über die Nationalstraße und halten an schönen Plätzen wie diesem Stausee hier. Das Reisen ist viel entspannter und wir treffen nette Leute. Von dem Geld, das wir sparen, weil wir nicht über die Autobahn fahren, können wir gut Mittag essen gehen und haben danach trotzdem noch was in der Tasche. Wir brauchen natürlich länger, aber es lohnt sich!"

Bevor ich mich wieder ins Auto setze, halte ich noch einen Moment inne.

Frösche quaken, Grillen zirpen. Die Sonne ist hinter den Bäumen verschwunden. Und für einen Moment scheint sich in der portugiesischen Provinz die Krise im roten Abendlicht aufzulösen.

Weitere Beiträge aus der Serie finden Sie unter:

Nahaufnahme - Reporteralltag in der Eurokrise

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