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Portugals Drogenpolitik
Therapie statt Gefängnis

Wer in Portugal mit Haschisch oder Crack für den Eigengebrauch erwischt wird, muss nicht vor den Richter, sondern zum Arzt oder Psychologen. Dort wird über die Gefahren aufgeklärt und, wenn nötig, eine Therapie angeboten. Portugal hat eines der liberalsten Drogengesetze der EU.

Von Bianca von der Au | 13.02.2017

Ein Mann dreht sich einen Joint.
Drogenkonsumenten werden in Portugal wie Kranke angesehen - nicht wie Kriminelle. (dpa / picture-alliance / Christophe Morin)
Vor nunmehr 16 Jahren galt er vielen konservativen Politikern und Polizisten als Staatsfeind Nummer eins: João Goulão, Arzt und Leiter der portugiesischen Suchtkrankheitsbehörde SICAD. Damals hatte der Mediziner Portugals Regierung zu einem radikalen Schritt überzeugt. 2001 wurde der Konsum aller Drogen - weicher wie harter - im westlichsten Land Europas per Parlamentsbeschluss entkriminalisiert. João Goulão ist inzwischen einer der anerkanntesten Drogenfachleute der Welt.
"Unser oberstes Ziel war und ist, den Menschen die Angebote zu machen, die sie brauchen. Suchtkranke werden beraten und behandelt. Wenn wir Risikofaktoren wie Familienprobleme oder psychologische Anfälligkeit entdecken, können wir eine mögliche Drogenkarriere verhindern. Das ist der große Vorteil unseres Systems."
Drogenkonsumenten als Kranke, nicht als Verbrecher
Denn in diesem System werden Drogenkonsumenten nicht mehr wie Verbrecher, sondern wie Kranke behandelt. Doch der Weg dahin war voller Widerstände, erinnert sich Goulão. Konservative Politiker fürchteten, Portugal würde zu einem Drogen-Reiseland für Süchtige aus aller Welt werden. Doch das ist nicht geschehen. Portugal habe eine beeindruckende Bilanz vorzuweisen: Weniger Drogentote, weniger drogenbedingte Verbrechen. Selbst die Zahl der Konsumenten sei niedriger als in anderen Ländern Europas, so Drogenexperte João Goulão.
"Heute können wir rückblickend sagen, dass nichts von dem geschehen ist, was die Kritiker sagten. Im Gegenteil, wir hatten eine sehr positive Entwicklung in allen Bereichen."
Wer mit Rauschgift zum Eigengebrauch erwischt wird, egal ob Haschisch, Crack oder Crystal Meth, kommt nicht vor den Kadi, sondern vor eine Kommission aus Ärzten, Sozialarbeitern und Psychologen. Vasco Gomes ist Leiter einer Beratungsstelle in Lissabon:
"Rund 80 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind Gelegenheitskonsumenten, keine Drogenkranken. Die klären wir über die Gefahren auf, informieren sie. Wir helfen ihnen, der Versuchung in Zukunft zu widerstehen."
Auch Sanktionen für Konsumenten möglich
In Einzelgesprächen wird die Ursache des Konsums hinterfragt und wenn nötig wird eine Therapie angeboten. Die kann der Betroffene nutzen oder nicht, alles geschieht ohne Zwang. In besonders schweren Fällen kann eine Kommission, die es überall im Land gibt, auch Sanktionen aussprechen. Ortsverbote, Gemeindearbeit und sogar Geldbußen.
Sozialarbeiterin Elsa Belo ist eine von denen, die den Suchtkranken vor Ort Hilfe anbietet. In einem in die Jahre gekommenen, umgebauten Kleintransporter fährt sie bestimmte Stadtteile ab und verteilt Methadon gegen Rezept und hat ein Ohr für diejenigen, um die sich sonst niemand kümmern würde.
"Wir stehen hier gewissermaßen an erster Front. Viele Menschen, die zu uns kommen, wenden sich nicht an andere Stellen. Sie hadern mit ihrem Schicksal. Viele von ihnen haben kein Geld, keine Arbeit, keine Familie, nichts."
Staat zahlt Drogenersatzprogramme
Das Geld für die Beratungs-Zentren und Drogenersatzprogramme mit Methadon kommt vom Staat. Geld, das bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität eingespart werden kann. Hugo, der beim Konsum von Drogen erwischt wurde, findet das gut.
"Das ist doch besser, als jemanden gleich ins Gefängnis zu stecken. Ich finde es richtig, Drogenkonsumenten zu helfen, denn sie sind doch Opfer."
Prävention und Heilung stehen beim portugiesischen Modell im Vordergrund, betont der Drogenexperte João Goulão, der das portugiesische Modell mit angeschoben hat. Die Straffreiheit sei nur ein logischer Nebeneffekt.