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Startseite@mediasresZu schön, um wahr zu sein27.06.2019

PR-Coup in NorwegenZu schön, um wahr zu sein

Dass die Bewohner auf dem norwegischen Sommarøy ihre Insel zur zeitfreien Zone machen wollen, berichteten Medien weltweit. Das Ganze entpuppte sich als PR-Coup - den Journalisten kaum hätten entlarven können, findet Annika Schneider.

Von Annika Schneider

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Küstenlandschaft auf Sommarøy (picture alliance / Hinrich Bäsemann)
Herbstabend auf der nordnorwegischen Insel Sommarøy (picture alliance / Hinrich Bäsemann)
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Die PR-Menschen der norwegischen Innovationsbehörde können sich auf die Schulter klopfen: Ihr Coup ist gelungen. Noch vor drei Wochen dürften die wenigsten Menschen die Insel Sommarøy in Nordnorwegen gekannt haben.

Seitdem haben nicht nur der US-Sender CNN und der britische "Guardian" über das Eiland berichtet. Auch viele deutsche Medien vermeldeten den ungewöhnlichen Plan der Inselbewohner: Sie hätten Unterschriften gesammelt, um zur ersten zeitfreien Zone der Welt zu werden. Da die Sonne auf Sommarøy im Sommer durchgehend scheint, seien Uhrzeiten schlicht überflüssig.

Wohl PR-Gag für mehr Tourismus

Das Thema legte eine klassische Medienkarriere hin: Zuerst berichtete der norwegische Rundfunksender NRK darüber, internationale Medien folgten und vor einer Woche schickte auch die Deutsche Presseagentur einen entsprechenden Bericht raus: "Eine Insel möchte zeitfrei werden."

Gestern Abend folgte die Richtigstellung: Alles nur ein PR-Gag, hieß es auf einmal. Die Petition habe es zwar gegeben. Die Idee dafür kam aber wohl von der norwegischen Innovationsbehörde. Die habe das Ganze eingefädelt, um den Tourismus anzukurbeln.

Unlautere Marketingarbeit

Nun könnte man der dpa natürlich mangelnde Sorgfalt vorwerfen. Das wirft aber die Frage auf, wie viel Recherche notwendig gewesen wäre. Der zuständige dpa-Korrespondent hatte mit dem Initiator der Petition persönlich telefoniert und bekam von der Innovationsbehörde ein Foto von der Unterschriftenübergabe. Hätte er selbst auf die Insel fahren sollen, über 2.000 Kilometer weit? Die knappen journalistischen Ressourcen lassen sich sicherlich besser einsetzen.

Die Schuldigen sehe ich auf der anderen Seite. Nicht nur Journalisten, auch PR-Leute haben Pflichten. Im deutschen Kommunikationskodex heißt es: "PR- und Kommunikationsfachleute verbreiten keine falschen und irreführenden Informationen."

Daran hätten sich besser auch die norwegischen Marketingleute gehalten – und transparent gemacht, dass die Petitionsidee von ihnen kam. Das Traurige ist: Erfolg hatten die PR-Leute mit ihrer Idee trotzdem.

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