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Prähistorische DNA
Steinzeit-Kaugummi verrät, wie Menschen früher lebten

Kein Kaugummi, aber dafür klebriges Birkenpech kauten die Menschen in der Steinzeit. Für Archäologen ist das ein Glücksfall. Denn die alten Pech-Klumpen enthalten noch immer die Erbsubstanz der damaligen Menschen. Mithilfe von DNA-Analysen konnten Forscher nun die Identität eines Mädchens rekonstruieren.

Von Christine Westerhaus | 18.12.2019
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Aus einem 5700 Jahre alten Birkenpech-Kaugummi haben dänische Forscher die DNA eines Mädchens gewonnen (Natalija Kashuba | Stockholm University)
"Wir brauchen nur ein paar Handschuhe. Hier stehen halt unsere Tiefkühltruhen..."
Hannes Schröder steht vor einer Kleiderschrank-großen Kühltruhe und öffnet den Deckel. Darin lagern Hunderte von Plastiktüten. Nach einigem Suchen findet der Forscher von der Universität von Kopenhagen endlich einen Beutel mit kleinen braunschwarzen Klumpen. Die meisten sind so groß wie eine Fingerkuppe. Manche haben Vertiefungen.
"Und die sind halt wirklich ganz unscheinbar. Also, wenn man sich die anschaut, denkt man sich nicht, was sich darin alles verbirgt."
Kaugummi enthält DNA
Doch die Klumpen haben es in sich. In ihnen hat sich die Spucke der Menschen konserviert, die darauf vor sehr langer Zeit herumgekaut haben. Und weil sich aus dem Speichel auch die Erbsubstanz ablesen lässt, ist es den Forschern gelungen, die Identität eines Mädchens zu rekonstruieren. Es hat vor etwa 5700 Jahren auf der dänischen Insel Lolland gelebt. Ihr Genom hat den Forschern verraten, dass das Mädchen zu den Jägern und Sammlern gehörte.
"Interessanterweise ist diese Person, also dieses Mädchen aus Lolland, gleich, also genetisch, den westlichen Jägern und Sammlern. Und das deutet darauf hin, dass Skandinavien aus dem Süden, aus Süd-Dänemark bevölkert wurde. Und dass die östlichen Jäger und Sammler es nicht ganz bis nach Süd-Dänemark geschafft haben."
In der Spucke im Birkenpech-Klumpen entdeckten die Forscher aber nicht nur menschliche Erbsubstanz, sondern auch Bakterien-DNA. Diese zeigt, dass die Menschen schon damals an Zahnkrankheiten wie Parodontose gelitten haben könnten.
Einem Forscherteam aus Stockholm war es etwa zeitgleich ebenfalls gelungen, aus mehreren Birkenpech-Klumpen menschliche Erbsubstanz zu gewinnen. Auch diese Wissenschaftler haben es geschafft, die Genome der Menschen zu rekonstruieren, die auf diesen Stücken herumgekaut hatten. Damit können die Birkenpech-Klumpen an prähistorischen Werkzeugen also in Zukunft dabei helfen, die Identität von Menschen zu entschlüsseln, die diese Gegenstände hergestellt haben.
Vorteile gegenüber Erbsubstanz aus Knochen
"Es gibt Zeitspannen, also die Altsteinzeit oder das Mesolithikum, wo es nur wenig menschliche Überreste überhaupt gibt. Aber auch in anderen Epochen, wie zum Beispiel der Bronzezeit, da wurden Leute nicht beerdigt sondern verbrannt. Und da würde es sich anbieten, die menschliche DNA aus diesen Kaugummis zu gewinnen. Das wäre natürlich faszinierend."
Denn wenn Knochen verbrannt werden, wird die darin enthaltene DNA zerstört. In den Birkenpech-Klumpen hingegen wird sie über viele Jahrtausende luftdicht abgeschlossen und so hervorragend konserviert. Vielleicht können die Forscher über diese braunschwarzen Stückchen also noch weiter in die Vergangenheit zurückschauen, als es mit der Erbsubstanz aus Knochen möglich ist.
"Wenn man das mal vergleicht mit Knochenfunden, die genauso alt sind, hat sich die DNA in diesen Kaugummis viel, viel besser erhalten. Also das kann schon sein, dass, wenn man die richtigen Objekte findet, dass man dann auch theoretisch Neandertaler-DNA gewinnen kann."