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StartseiteForschung aktuellDas Überleben der Haie stand einst auf Messers Schneide04.06.2021

Prähistorisches Massenaussterben Das Überleben der Haie stand einst auf Messers Schneide

Haie sind lebende Fossilien. Seit rund 420 Millionen Jahren machen die Raubfische in den Ozeanen Jagd auf ihre Beute. Ihre besten Zeiten haben sie allerdings hinter sich. Ein bislang unbekanntes Ereignis vor 19 Millionen Jahren ließ ihre Artenvielfalt dramatisch einbrechen.

Von Dagmar Röhrlich

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Grauer Riffhai und Schwarzspitzenriffhai, weiblich (31. 1 2013). (dpa / picture alliance / Arco Images)
Heute sind Menschen der größte Feind der Haie, in grauer Vorzeit fielen offenbar ganze Populationen globalen Umweltveränderungen zum Opfer. (dpa / picture alliance / Arco Images)
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Ihr Gebiss ist das Markenzeichen der Haie. Und die messerscharfen Zähne darin wachsen Zeit ihres Lebens nach: Fällt einer aus, wartet schon der nächste auf seinen Einsatz. Bis zu 30.000 neue Zähne soll ein Hai im Laufe seines Lebens produzieren. Trotzdem verblasst die Zahl der Zähne im Maul gegen die ihrer Placoidschuppen: Minizähnchen, die die gesamte Haihaut überziehen. Sie funktionieren wie ein Schutzpanzer und verringern den Widerstand beim Schwimmen, erklärt die Paläontologin Elizabeth Sibert.

"Diese Minizähnchen, die sogar die Augen der Haie bedecken, sind zwischen einem Zehntel und einem halben Millimeter groß. Und Haie verlieren ständig solche Schuppen, so dass sie in sehr großer Zahl im Sediment landen."

Dort hat die Forscherin, die kürzlich von Harvard an die Universität Yale gewechselt hat, sie gefunden - bei Tiefbohrungen im Ozeanboden. Per Videokonferenz zeigt sie eine Abbildung auf ihrem Monitor: "Wie Sie sehen, gibt es zwei verschiedene Arten von Haischuppen. Einmal die, die Sie direkt über meiner Schulter sehen mit ziemlich parallel verlaufenden Graten. Und die anderen sehen sie hier neben meinem Kopf. Bei denen sind die Grate sehr kompliziert miteinander verflochten."

Bohrkerne aus dem Pazifik führten auf die Spur

Diese Sammlung von Placoidschuppen stammt aus der Analyse von zwei Tiefseebohrkernen aus dem Nord- und Südpazifik. Bis zu 40 Millionen Jahre waren die Sedimente darin alt: "Ich habe das Sediment gewaschen und dann mit einem sehr feinen Pinsel all‘ die winzigen Fossilien herausgepickt. Dann nahmen wir hochauflösende Bilder davon auf und versuchten die Tiere zu identifizieren."

Diesen mühsamen Arbeitsschritt hat eine Studentin erledigt: Leah Rubin vom College of the Atlantic in Bar Harbor: "Meine Aufgabe war es, ein System zu finden, in das man die Mikrofossilien eingruppieren konnte. Und anhand dieser Vorarbeiten hat Elizabeth dann die Berechnungen durchgeführt." 

"Die Haie haben sich von diesem Schlag nie wieder erholt"

Das Ergebnis: Etwa in der Mitte des Datensatzes – bei 19 Millionen Jahren – brach die Zahl der Haifisch-Hautzähnchen um 90 Prozent ein. Elizabeth Sibert: "Dieser Einbruch in der Häufigkeit war verbunden mit einer Abnahme der Formenvielfalt um 70 bis 90 Prozent. Formenvielfalt deshalb, weil wir meist nicht wissen, zu welcher Art sie gehört haben. Doch das Ausmaß der Abnahme legt nahe, dass Hai-Arten, die zuvor wirklich häufig waren, ausstarben. Und die Diversität der Haie hat sich von diesem Schlag nicht wieder erholt."

Weil die beiden Sedimentkerne Tausende von Kilometer voneinander entfernt gezogen worden sind, könnte es sich um ein globales Ereignis gehandelt haben. Ein Ereignis, das bislang unbekannt war. Für diesen Zeitabschnitt gibt es auch keine hochauflösenden geochemischen Untersuchungen – und damit ist auch ein potentieller Auslöser noch rätselhaft.

Die Ursache des Massensterbens ist unklar

"Das letzte Mal, als die Paläontologen so etwas gefunden haben, stellten sie fest, dass vor 56 Millionen Jahren rund die Hälfte von bestimmten Einzellern verschwand. Daraufhin nahmen sich Geochemiker der Sache an, und es kam heraus, dass sich das Klima damals sehr schnell massiv erwärmt hat. Ich weiß nicht, ob und was wir hier finden werden, aber ich glaube, dass es etwas Gravierendes war. Die Haie versuchen uns etwas zu sagen, und ich kann kaum erwarten, herauszufinden, was."

War das Ereignis tatsächlich so gravierend, wie die Studie nahelegt, dürfte es massive Folgen gehabt haben: Denn Haie besetzen zentrale Rollen in den Nahrungsnetzen der Meere. Das zeigt sich auch heute – wenn Haie durch den Einfluss des Menschen immer seltener werden.

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