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StartseiteSonntagsspaziergangAuf den Spuren Egon Erwin Kischs 03.08.2014

PragAuf den Spuren Egon Erwin Kischs

Der Begründer der literarischen Reportage Egon Erwin Kisch stammte aus Prag, der tschechischen Hauptstadt. Kisch war ein Reporter, der nicht nur Empathie für die Unterschicht Prags empfand, sondern er lebte mit ihnen, sprach selbst ihren groben Dialekt fließend. Das war eine Besonderheit für die "Prager Autoren deutscher Literatur".

Von Jörg Stroisch

Weiterführende Information

Prager Kaffeehäuser - Treffpunkte der Künstlerszene (Deutschlandfunk, Europa heute, 29.11.2013)
Wie Kisch eine Frau suchte (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 02.08.2013)

Egon Erwin Kisch war einer von ihnen, jeder Journalist kennt ihn, denn er ist der Begründer der sogenannten modernen beziehungsweise literarischen Reportage. Und in dieser Beziehung ist er Wegbereiter, denn er recherchierte intensiv. Und anders, als viele seiner Zeitgenossen, empfand er nicht nur Empathie für die soziale Unterschicht Prags mit all ihren Problemen, sondern er ging zu ihnen, lebte mit ihnen, verstand sich auch verbal mit ihnen, denn er sprach ihren Prager Dialekt fließend – was für die meisten anderen Deutschsprachigen Prags nicht galt. Und somit führt uns Jörg Stroisch in seinem Beitrag zunächst auch an einen Ort, der zu Kischs Zeiten zwar Künstlertreff war, gleichzeitig aber auch recht verrucht.

Den Slapak tanzte in den 1920er-Jahren Egon Erwin Kisch mit der Enza Revoluce, die nicht etwa wegen ihrer politischen Aktivität so hieß. Eng-anzüglich ging der Slapak, der "Treter", hier im Café Montmartre. Und zum Beispiel auf der Melodie des Walzers wurde er getanzt.

Das Café Montmartre: Es war damals Treffpunkt der Linken in der Prager Innenstadt. Hier wurde gequalmt, hier wurde geplaudert – tschechisch allerdings - und hier wurde geflirtet. Nur einen Steinwurf entfernt vom Altstädter Ring, der Prager Sehenswürdigkeit schlechthin – und doch für damalige Verhältnisse Lichtjahre von der führenden Elite der damaligen Zeit entfernt. Denn das Café Montmartre war ein anrüchiger Ort, erzählt Milan Tvrk, Germanist an der Karls-Universität in Prag:

"Es ist zu der Zeit der letzten Jahrzehnte der Monarchie und nochmal in der ersten Republik ein Sammelpunkt, eine Stammkneipe für die Prager deutschsprachigen Autoren vor allem aber von den linksorientierten oder von den Anarchisten, würde man so sagen. Und es ist eigentlich ein Etablissement in dem Sinne, Montmartre war eine verrufene, wenn man so sagen kann, Gaststätte hier. Aber es ist in der Literatur, würde man so sagen, eingegangen."

Ein idealer Ort also für Literaten wie Franz Kafka, Max Brod oder Rainer Maria Rilke. Und eben für Egon Erwin Kisch. Der war hier an liebsten, viel lieber als im schickeren Café Arco ein paar Straßen weiter. Das hatte auch seinen Grund: Egon Erwin Kisch war ein Reporter, der nicht nur Empathie für die Unterschicht Prags empfand, wie etwa auch Brod und Kafka, sondern er lebte mit ihnen, sprach selbst ihren groben Dialekt fließend. Das war eine Besonderheit für die "Prager Autoren deutscher Literatur", wie sie später tituliert wurden. Die drücken sich nämlich viel lieber in Deutsch aus.

Im "Prager Literaturhaus deutscher Autoren" lebt diese deutschsprachig-jüdische Kultur der 20er- und 30er-Jahre noch heute weiter. Hier gibt es einen sehr sehenswerte Kabinettraum, in dem zum Beispiel Kischs Taschenuhr ausgestellt ist. Der Direktor des Literaturhauses David Stecher:

"Und wirklich beschreibt die ganze Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts bis Anfang des 2. Weltkrieges und was bietet noch an? Ist eine der größte Bibliothek. Kann man sagen vielleicht die größte Bibliothek in Prag mit deutschsprachigen Autoren."

Und zu Egon Erwin Kisch gibt es einen sehr direkten Bezug: Die Begründerin des Prager Literaturhauses, Lenka Reinerovám, war eine enge Freundin Kischs. Er holte sie während der NS-Zeit ins Exil nach Mexiko. Sie lernte ihn als aufstrebende Journalistin in einer der vielen Prager Cafés kennen, vielleicht begegneten sie sich auch im Café Montmartre.

Das war für Kisch nämlich sehr wichtig: Die Probleme der Unterschicht und der herablassende Blick anderer auf sie waren Bestandteil vieler seiner Reportagen. Und das Café Montmartre war ein Ort, wo er eben auch den Arbeiter traf, nicht nur die bürgerliche Mittelschicht. Vielleicht kam er so auf die Idee, dem Magdalenenheim, einem Asyl für "gefallene Mädchen", einen Besuch abzustatten:

"Ich glaubte, dass es die gefallenen Mädchen seien, die mich erwarteten, aber im Gegenteil. Weder von 'Mädchen' noch von „gefallen" konnte die Rede sein. Es war vielmehr der Ausschuss der Anstalt. Der Geistliche hieß mich Platz nehmen und hielt nun eine Ansprache an mich. Zunächst sagte er, es sei erfreulich, dass ein so junger Mensch, wie ich es sei, schon den Ernst der humanitären Bestrebungen in solchen Maße erfasst habe. Vorher wolle er mich in kurzen Worten über die Ziele der Anstalt unterrichten. Die Worte mögen auch wirklich kurz gewesen sein, aber die Rede war lang."

Es gibt sicherlich keinen einzigen Journalisten, der nicht schon einmal auf einer Pressekonferenz war, wo die Worte des Politikers wichtiger waren, als die der Betroffenen selbst. Daran erinnert Kisch humorvoll-zynisch in vielen seiner Texte.

Das über die Menschen reden war nämlich Kischs Sache nicht, er wollte mit ihnen reden. Er verknüpfte dabei die Fakten, die immer Ausgangslage seiner Reportagen waren, zu einem Gesamtbild. Die "logische Fantasie" war dafür die Grundlage. Kritiker sagen: Er nahm es bei den Verknüpfungen mit der Wahrheit nicht so genau. Für Journalisten ist er dennoch heute noch als Erfinder der literarischen Reportage ein Vorbild. Denn Grundlage war dabei immer intensive Recherche.

Beispiel Magdalenenheim: Eine Prager Recherche führte zu keinem Ergebnis. Aber mit Kischs "logischer Fantasie" könnte es sich dabei um das "Marianum" in dem damaligen Vorort Prags Vinohrady handeln. Heute ist es eine Seminarstätte der Caritas. Barbora Umancová, Pressesprecherin der Organisation, bestätigt:

"Heute heißt dieses Gebäude 'Bildungszentrum der Caritas Tschechien Marinaeum'. Und die Geschichte des Gebäudes geht zurück auf den Beginn des 20. Jahrhunderts. Es wurde 1914 als Marinaeum gegründet. Und es wurde gegründet und betrieben von einem Frauenorden. Und eventuell in den 20er- oder 30er-Jahren wurde es Teil der katholischen Caritas. Und in dieser Zeit entstand dieses funktionalistische Gebäude, so, wie es bis heute ausschaut."

Die Lettern des Marianum in der Máchova 7, einer kleinen Nebenstraße, verschwinden beinahe hinter dem Ruß auf der Fassade dieses "schlichten, schönen Gebäudes", wie Kisch es beschrieb. Und es wurde von den grauen Schwestern geführt, den Schwestern zur heiligen Elisabeth. Auch Kischs Magdalenenheim war eine katholische Einrichtung. Ob es sich bei dem Marianum tatsächlich um das erwähnte Magdalenenheim handelt, bleibt offen. Eigentlich ist es auch egal: Kisch wäre es nicht so wichtig gewesen, solange es nur logisch war. Mit einer für ihn typischen Pointe endet die Reportage:

"'Hier sehen Sie', wollte Exzellenz Gallapeter-Galapeter eben zu erklären beginnen, als - na, als mich dieses Lausmädel, die Fanda Previt erkannte.'Te pero, Egone', grüßte sie mich laut über den ganzen Saal. Konnte die Mana Makovec der Previt an Frechheit nachstehen? Nein! Sie schrie mir zu: 'Egon, hast du eine Spott bei dir, wir kriegen hier keine.' Ich war von diesen Begrüßungen peinlich berührt, aber die Ausschussdamen hätten direkt in einer Anstalt für aus den Wolken gefallenen Mädchen Aufnahme finden können. Die erste, die Worte fand, war Exzellenz Gräfin Galapeter-Galapeter. Sie sagte in einem Tone, in dem grönländische Kälte, garisankarhohe Empörung und ägäischmeertiefe Verachtung lag: "Sie brauchen sich nicht weiter zu bemühen. So ähnlich ist es in allen unseren Räumen."

Seine Reportage wurde sogar ausgezeichnet, allerdings war dies ein merkwürdiger Preis für den Journalisten. Die Umstände der Verleihung sagen auch viel über die Verzweiflung jüdischer Immigranten zur Zeit der Nazi-Herrschaft aus, sagt Viera Glosíková vom Germanistikinstitut der pädagogischen Fakultät an der Karlsuniversität in Prag:

"Schon in der Nazizeit in Hamburg; da wird ein Wettbewerb ausgeschrieben, dass man die beste, deutsche Reportage auswählt, wo eigentlich all diese Attribute, die für das Nazideutschland typisch sind, ja, in diese Reportage irgendwie präsent sein sollen. Und da wird ein Journalist mit seiner Reportage mit einem Preis ausgezeichnet. Und diese Reportage wird dann veröffentlicht. Und Kisch schon im Exil, als Exilant, kann sehen, es ist eigentlich seine Reportage aus der Prager Zeit. Es geht auch um den Missbrauch dieser geistigen Werte, der Emigrant kann sich nicht wehren, seine Stimme wird nicht laut. Aber in diesem Falle ist man schließlich draufgekommen, ja, dass es ist eine gestohlene und eine Reportage von einem Juden und einem Kommunisten, die als beste Reportage da eigentlich ausgewählt war. Es ist eine Reportage, die zu diesen Traurigeren gehören."

Geboren wurde Kisch in dem Zwei-Bärenhaus auf der bekannten Straße Melantrichova - Touristen aus aller Welt ziehen daran vorbei. Dort, wo sein Onkel früher Tücher verkaufte, befindet sich heute eines der vielen Kristallglasgeschäfte Prags. Eine Plakette erinnert daran, dass Kisch hier geboren wurde.

Kisch zog es mehrfach nach Berlin, er konnte 1933 nur mithilfe der tschechischen Botschaft unversehrt nach Prag zurückkehren, er machte Abstecher nach Paris, nach Amerika und Australien, blieb längere Zeit in Mexiko und kehrte dann nach dem Krieg nach Prag zurück, fast seine komplette Familie war von den Nazis ermordet worden.

Sein Leben war rasend - der ihm zugedachte Titel "rasender Reporter" passte dennoch nie, denn er ließ sich immer sehr viel Zeit mit der Recherche seiner Geschichten. Am 31. März 1948 starb er in Prag.

Der Friedhof, auf dem Egon Erwin Kisch pompös zu Grabe getragen wurde, ist nur wenige Fußminuten von dem viel berühmteren jüdischen Friedhof entfernt, auf dem auch Franz Kafka begraben ist. Es ist der Vinodradsky-Friedhof, eine christlich-weltliche Grabstädte also für den jüdischen Kommunisten Kisch, mit vielen Statuen, alt gewachsenen Bäumen. Dafür hat er aber einen Platz direkt am Haupteingang bekommen, der Lärm der Hauptstraße dringt noch stark zu ihm hinüber. Und das hat auch einen Grund, beschreibt Viera Glosíková:

"Diese Büste wurde '48 am Grab von Kisch installiert und war dort bis 1990. Einige meinten nach der Wende ist alles erlaubt, hat jemand einfach diese bronzene Büste geklaut. Jedenfalls dieser Ständer am Grab blieb lange leer und Lenka Reinerová hat eine Sammlung für den neuen Kopf von Kisch initiiert. Und da hat der Herr Hoschek einen neuen Kopf  fertiggestellt. Aber nach einer Zeit von wenigen Jahren ist auch dieser zweite Kopf verschwunden und dann blieb Kisch lange, lange ohne den Kopf. Und schließlich erst, ich glaube 2001, ja, ist der dritte Kopf neu installiert. Lenka Reinerová, die eigentlich Egon Erwin Kisch sehr gut kannte, meinte: Ach, Egon wäre so erfreut gewesen, wenn er das gewusst hätte, dass das Interesse an seinem Kopf so groß ist. Ja? Da hätte er sicher etwas auch darüber geschrieben."

Und deshalb liegt das Grab jetzt am Haupteingang, damit der Wächter es jetzt gut im Blick hat. Natürlich hätte Kisch das gefreut, zumindest würde das die„logische Fantasie" nahelegen. Spitzbübisch nämlich, mit einer Zigarette lässig im linken Mundwinkel blickt er heute von der Stehle auf seinem Grab auf die Besucher hinab.

Und vielleicht denkt er dabei gerade an einen Slapak-Tanz mit seiner großen Liebe Enza Revoluce im Café Montmartre. Obwohl: Tanzen konnte Kisch nicht sonderlich gut, beteuert der Direktor des Prager Literaturhauses, David Stecher, noch. Das sei bei Kisch ein bisschen Treten auf der Stelle gewesen.

Die einen kamen so angeblich, um ihn beim Tanz zu bewundern, selbst Reiseführer schrieben über ihn. Und die anderen halten den Slapak für einen Nicht-Tanz für Nicht-Tänzer, den diese nicht nur auf dem Walzer, sondern auf schlechterdings jeden Tanz der Welt tanzten. Und zwar mehr schlecht, als recht.

Auch dieser Zwiespalt hätte Kisch sicherlich gefreut und er hätte darauf verwiesen, dass eben die Wahrheit etwas sehr Relatives und immer eine Frage des eigenen Standpunktes sei. Der gar nicht so rasende Reporter war damit so richtig in seinem Element, nämlich mitten im Leben, inmitten der Prager Gassen.

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