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StartseiteCampus & KarriereExperten fordern Berufsschulpakt29.01.2019

Praxisnahe BildungExperten fordern Berufsschulpakt

"Der Akademikerwahn ist abgeklungen" - und gerade jetzt müsse die nichtakademische Ausbildung gestärkt werden, findet Bildungstheoretiker Julian Nida-Rümelin. Vereinzelte Kooperationen zwischen Berufsschulen und Universitäten gibt es schon, doch Experten fordern eine einheitliche Regelung.

Von Susanne Lettenbauer

Eine Auszubildende im Werkraum (imago)
Technikerabschlussarbeiten sind deutlich praxisorientierter aber dennoch vergleichbar mit einer Bachelorarbeit (imago)
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Deutschland biete ein ganz besonderes Erfolgsmodell, nur keiner will es wahrhaben, ist Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin überzeugt. Lange forderte die OECD von Deutschland mehr Studierende an den Hochschulen. Das sei ein Irrweg, ist Nida-Rümelin immer noch überzeugt. Es gebe langsam ein Umdenken, deswegen müsste die nichtakademische Bildung gestärkt und gleichberechtigt neben die Hochschulen gestellt werden:

"Der Akademikerwahn ist abgeklungen. Es gibt immer mehr Eltern, die merken, hoppla. Es gibt ja noch andere Wege."

Berufsschulen, berufliche Schulen, berufliche Bildung - es müsse ein Pakt für Berufsschulen her, fordert der Münchener Bildungstheoretiker, ähnlich zu dem Hochschulpakt vor zwölf Jahren, der die finanzielle Ausstattung und Zukunftsfähigkeit von Wissenschaft und Forschung enorm vorangebracht habe. Dies aber zu Lasten der beruflichen Bildung:

"Da gibt es Zitate von prominenten Bildungsforschern aus Deutschland: Das hat alles keine Zukunft. Jetzt sieht man, hoppla, Vorsicht, das ist ein Kleinod, was wir bewahren müssen und deswegen mein Plädoyer, wir machen einen Pakt - Bund, Länder, aber auch Handwerkskammer, IHKs, Gewerkschaften, Unternehmen - wir machen einen Pakt zur Förderung der beruflichen Bildung in ihren unterschiedlichen Formen."

Es gehe ihm nicht darum, junge Menschen von den Hochschulen und Universitäten fernzuhalten oder ihnen ein Studium zu verwehren:

"Mir geht es nicht darum, die Universitäten zu schützen. Ich denke im Gegenteil, wir brauchen mehr Mobilität und weniger Zusammenhang zwischen der Herkunft der Jugendlichen und ihren Bildungsabschlüssen. Die Vorstellung, das erreicht man am besten, indem man die Leistungsanforderungen immer weiter senkt, ist ein Irrweg. Das ist empirisch belegt, das ist ein Irrweg."

Technikerabschluss vergleichbar mit Bachelor

Generell sehe er den Vorstoß von Julian Nida-Rümelin positiv, sagt Siegfried Hummelsberger, Chef der Münchner Technikerschule für Maschinenbau-, Metallbau-, Informatik- und Elektrotechnik. Aber:

"Nida-Rümelin hat ja vor allem die Hochschulen im Blick."

Meint Hummelsberger und benennt damit das zweifelhafte Image, das Berufsschulen heute in der Öffentlichkeit besitzen. Berufsschulen seien nicht die Resterampe der Hochschulen, sondern das Rückgrat des Mittelstands. In seinem Büro stehen fünf Pokale aus den letzten zwei Jahren nebeneinander. Bundesweite Auszeichnungen für den Engineering Newcomer 2017, erster und zweiter Platz 2018 und erster Platz auf der Ewigenliste:

"Es gibt eine sogenannte Bestenliste, die wir seit zwei Jahren anführen und die Preise sind für Technikerabschlussarbeiten, das ist also wie eine Bachelorarbeit kann man sich das vorstellen, nur deutlich stärker praxisorientiert."

Kooperationen zwischen Berufs- und Hochschulen

Im Grunde gebe er Nida-Rümelin schon Recht, überlegt Hummelsberger, der auch Bildungsreferent des VLB ist, Verein bayerischer Berufsschullehrer. Berufsschulen müssten gleichberechtigter neben den Hochschulen stehen. Kooperationen gebe es bereits, nur wüsste die Öffentlichkeit davon nichts, sagt Hummelsberger:

"Beispielsweise arbeiten wir zusammen mit dem Lehrstuhl für Verbrennungsmotoren, da gehen Schüler von uns hin, machen da ein Praktikum seit Jahren und kommen da in den Bereich Motorenprüfstandstechnik rein."

Außerdem übernehme seine Schule Lehrerfortbildungen an der Technischen Uni München, seine Experten im Bereich Digitalisierung, Smart Factory oder Industrie 4.0 halten enge Beziehungen zu den Hochschulen in Bayern, aber auch in Wales (*). Einer seiner Absolventen promoviere gerade in Liverpool. Neben der Verkürzung der Ausbildungs- und Berufsschulzeit auf zwei Jahre, würden einzelne Fächer, je nach Vorbildung seiner Schülerinnen und Schüler, aufgeteilt. Das heißt: 

"Dass Abiturienten von bestimmten Fächern befreit werden können und dafür ein sogenannten Plus-Programm bekommen. Das heißt, sie müssen dann nicht mehr den Standard-Unterricht in Deutsch zum Beispiel machen, sondern sie können Rhetorikkurse machen, die können BWL oder ähnliche Angebote nutzen."

Siegfried Hummelsberger, Leiter der Münchner Technikerschule, zeigt seine bundesweiten AuszeichnungenTechnikschulen-Chef Hummelsberger: "Gleichberechtigter neben den Hochschulen"

Die benachbarte Berufsschule für Fertigungstechnik ist eine Partnerschule der TU. Wenn seine Absolventen an die Hochschulen gehen, dann könnten sie mittels Anerkennungsabsprachen in anderthalb Jahren einen Bachelorabschluss erreichen. Aber auch Studienabbrechern würden an den Berufsschulen Studienleistungen anerkannt:

"Insbesondere in den Grundlagenfächern. Bei einem Maschinenbauingenieur beispielsweise - Technische Mechanik, Werkstoffkunde oder so. Da muss im einzelnen verglichen werden: Sind die Inhalte in etwa gleich, dann kann das angerechnet werden oder nicht. Aber da haben wir eine schwierige Situation. Durch die Hochschulautonomie müssen wir mit jeder einzelnen Hochschule einzeln verhandeln: was wird angerechnet, wie viel wird angerechnet. Eine Pauschallösung gibt es da leider noch nicht."

Am bayerischen Kultusministerium begrüßt man jede Form der beruflichen Ausbildung, sieht aber keinen Handlungsbedarf. Es gebe aktuell einen Pakt für berufliche Bildung 4.0, so Bayerns neuer Kultusminister Michael Piazolo, Freie Wähler. Doch darin geht es nur um Digitalisierung. Ebenfalls gebe es keinen Engpass bei der Lehrerausstattung, betont der Minister, da sei die Koalitionsregierung aus CSU und Freien Wählern gut aufgestellt. Noch als Oppositionspolitiker hatte er den Lehrermangel in Bayern immer wieder angeprangert.

(*Redaktioneller Hinweis: Im gesendeten Hörfunk-Beitrag wird fälschlicherweise vom "englischen Wales" gesprochen. Dies haben wir im Online-Beitrag korrigiert.)

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