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StartseiteForschung aktuellWahrscheinlichkeit von Einbrüchen berechnen08.05.2015

Predictive Policing Software Wahrscheinlichkeit von Einbrüchen berechnen

Vor dem Täter am Tatort sein, das möchte die Polizei gern. Und dafür setzt sie Software ein. Die nennt sich Predictive Policing Software, und sie kann erstaunlich präzise zum Beispiel Wohnungseinbrüche oder andere Straftaten prognostizieren.

Peter Welchering im Kollegengespräch mit Lennart Pyritz

Programmtipp

"Wissenschaft im Brennpunkt" im Deutschlandfunk widmet sich am Sonntag,  10.05.2015, ab 16:30 Uhr der "Polizeiarbeit 2.0 - Wir wissen, was du vorhast"

Lennart Pyritz: Wo wird denn solche Predictive-Policing-Software eingesetzt, Peter Welchering?

Peter Welchering: Weltweit, bei uns in Deutschland in Nürnberg und München. In Nordrhein-Westfalen und in Berlin soll sie eingeführt werden. Eingesetzt wird sie aber auch in Los Angeles, Memphis, London und Zürich.

Pyritz: Wie prognostiziert diese Software denn Straftaten, zum Beispiel Wohnungseinbrüche?

Welchering: Mit der Ableitung von Wahrscheinlichkeiten. Das ist eine klassische Big-Data-Analyse kombiniert mit einem Geoinformationssystem. Da werden sogenannte Inferenzen also Wahrscheinlichkeitsmuster berechnet. Und die ergeben dann die Prognose mit welcher Wahrscheinlichkeit in einem bestimmten Wohngebiet mit Einbrüchen zu rechnen ist, sodass die Polizei dann dort vermehrt Streife fahren kann.

Pyritz: Welche Daten benötigt die Software fürs Predictive Policing für diese Wahrscheinlichkeitsberechnung?

Welchering: Das ist unterschiedlich. Im sogenannten Precobs-Versuch in München sind das nur sogenannte Polizeiliche Vorgangsdaten, also wo wurde eingebrochen? Was wurde entwendet? Welche Tatortspuren wurden sichergestellt? Wie kann der Tathergang rekonstruiert werden. Los Angeles und Memphis nehmen auch noch Wetterdaten, SMS oder Anrufe von Handys mit Prepaid-Karte oder ausländischen Handys, Kfz-Kennzeichen anderer Bundesstaaten oder gar ausländische Kennzeichen und weitere Kommunikationsdaten hinzu. Das ist umstritten. Denn auf dieser Datengrundlage können Profile gebildet werden. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Berechnung der Wahrscheinlichkeit, wann ein einzelner Mensch mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Straftat begeht.

Pyritz: Wie realistisch ist denn dann so ein Szenario wie in Steven Spielbergs Spielfilm Minority Report, dass Menschen vorsorglich verhaftet werden?

Welchering: Das wird schon seit den Siebzigerjahren in der kriminologischen Literatur und unter Führungskräften der Polizei immer wieder diskutiert, in Europa und in den USA. Und seit ich in diesem Zusammenhang gelesen habe, die Polizei könne hier eine "gesellschaftssanitäre Aufgabe" haben, habe ich hier arge Befürchtungen. So lange unser rechtsstaatliches System der Checks and Balances funktioniert, wird es diese vorsorglichen Verhaftungen nicht geben. Doch viele Kräfte wollen diese Checks and Balances einschränken.

Pyritz: Wie erfolgreich ist die Software bisher eingesetzt worden? Konten Straftaten verhindert werden?

Welchering: Auch das ist umstritten. In Los Angeles gab es heiß diskutierte Fehleinsätze. Die Polizei fuhr in Straßen vermehrt Streife, für die Predpol eine erhöhte Einbruchwahrscheinlichkeit errechnet hatte. Zugleich wurde in Gegenden eingebrochen, in denen keine Polizeistreifen eingesetzt waren, weil Predpol hier eine extrem geringe Wahrscheinlichkeit berechnet hatte. Deshalb waren hier die Streifen sogar abgezogen worden.

Pyritz: Sind da die Predpol-Rechner der Polizei gehackt worden?

Welchering: Der Verdacht ist tatsächlich geäußert worden, zumal bekannt ist, dass Polizeiserver in den USA massive Sicherheitslücken aufweisen. Es gibt aber auch eine andere These. Die organisierte Kriminalität hat die Inferenzbildung der Predpol-Software nachgebaut, die Softwaremethodik rekonstruiert. Und damit wussten sie, von welchen Daten und Datenhäufigkeiten Predpol welche Wahrscheinlichkeiten ableitet. Daraufhin haben sie für ein bestimmtes Wohngebiet genau diese Daten, vor allen Dingen Kommunikationsmetadaten, erzeugt, aus denen Predpol dann eine hohe Wahrscheinlichkeit für Einbrüche ableitet. Das führte dazu, dass aus anderen ruhigen Gebieten, mit wenig Kommunikationsmetadaten Kräfte abgezogen wurden. Die wurden in die Gebiete mit hohen Einbruch-Wahrscheinlichkeiten geschickt. Und dann konnten die Kriminellen in aller Ruhe Wohnungen in sogenannten ruhigen Gegenden ausräumen.

Pyritz: Werden mit dieser Predictive Software auch Prognosen für andere Straftaten berechnet?

Welchering: In den Precobs-Versuchen in München und Nürnberg nicht. In LA bewaffnete Bandenauseinandersetzungen. Das Softwareunternehmen Palantir hat eine Whistleblower-Strategie-Software für die US-Regierung entwickelt, mit der Wikileaks-Veröffentlichungen verhindert werden sollen. Die gilt auch als Predictive-Policing-Software, weil sie dieselben Big-Data-Analysen nutzt. Und diese Software berechnet, wann ein Mitarbeiter zum Beispiel einer Behörde mit welcher Wahrscheinlichkeit interne Dokumente an die Medien weitergeben würde. Die ägyptische Regierung lässt gerade ein Pilotprojekt entwickeln, um Demonstrationen und spontane lokal begrenzte Protestkundgebungen prognostizieren zu können. Auch das ist Predictive Policing.

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