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StartseiteSport am WochenendePrekäre Parallelen26.09.2009

Prekäre Parallelen

Doping in Ost- und Westdeutschland

20 Jahre nach dem Fall der Mauer hat tatsächlich eine Versöhnung stattgefunden im deutschen Spitzensport. Und zwar zwischen den Untugenden der alten Bundesrepublik und dem Wertevakuum der DDR.

Von Grit Hartmann

Urinproben werden in einem Schweizer Labor auf Doping untersucht. (AP)
Urinproben werden in einem Schweizer Labor auf Doping untersucht. (AP)

Nun sind sie also endgültig angekommen, die beflissenen Goldmacher aus der DDR, die einst ihre Schützlinge dopten, weil das System es so verlangte. Die dann 20 Jahre lang gelogen haben, auch per Ehrenerklärung, weil ein anderes System es so wollte. Die zuletzt ein abgezirkeltes "Geständnis" unterzeichneten, weil DOSB und Bundesinnenministerium es so forderten.

Beinahe geräuschlos ging die letzte Absolution, die von Werner Goldmann, über die Bühne. Er und andere Trainer könnten nicht die Last eines ganzen Systems schultern, hieß es erneut aus dem Leichtathletik-Verband. Die Weiterbeschäftigung sei fair gegenüber den aktiven Athleten, merkten Kommentatoren an. Empörung sei fehl am Platze. Auf den Dopingtrainerstab im Deutschen Leichtathletik-Verband fiel am Ende ein erstaunlich mildes Licht – wie so oft, wenn einer Entscheidung die Kraft des Faktischen zugebilligt wird. Deshalb lohnt es, die Fakten festzuhalten, bevor sie ganz verschwinden.

Bei Werner Goldmann oder auch Speerwurf-Bundestrainerin Maria Ritschel handelt es sich um längst aktenkundige Minderjährigen-Doper. Goldmann akzeptierte deshalb bekanntlich eine Geldbuße. Gegen Ritschel lagen sieben Schadensanzeigen vor. Beide sind als Täter in Anklageschrift beziehungsweise im Urteil gegen die Hauptverantwortlichen des DDR-Doping-Staatsplans genannt. Ihre Athleten sind als Dopingopfer anerkannt. Unterlagen dazu hat die Alibi-Kommission des DOSB ignoriert. Sie hat die Trainer wunschgemäß zu geläuterten Freunden eines dopingfreien Sports erklärt.

Zweifel daran sind erlaubt: Gegen Sportlerproteste lud Ritschel als Organisatorin des Werfertages in Halle einen Doper ein, der im Folgejahr prompt als Wiederholungstäter aufflog. Goldmanns Training hat aus der 18-jährigen Julia Fischer eine Junioren-Weltmeisterin geformt. Und eine Athletin, die auf der Webseite "Leichtathletik.de" behauptete, heute werde mehr gedopt als in der DDR. Sie beschimpfte ein Dopingopfer derart aggressiv, dass ihre Bemerkung gelöscht wurde.

Der Versuch, Geschichte auf Vergangenes abzuschmelzen, geht also gehörig fehl. Die Dopingopfer haben das Statement der Trainer zurückgewiesen, weil es im betonierten Täter-Jargon ihre Schäden zu Eventualitäten verkleinert. Was folgte, gab ihnen recht: Die Trainer schwiegen oder behaupteten, die Athleten hätten sämtlichst vom Doping gewusst. Das alles bot bestes Anschauungsmaterial zum Kern dieses sportpolitischen Etikettenschwindels: Er hat Täter zu Mitläufern stilisiert und diese Mitläufer zu Opfern des Systems. Die wirklichen Opfer werden in Gesprächen bedauert. Zählen aber sollen ihre Erfahrungen nicht.

Man kann diesen Vorgang durchaus mit Empörung betrachten: Dann kündet er von Kälte und von Heuchelei. Man kann ihn nüchtern einordnen: Dann entspringt die Integration von Goldmann und Co. dem Leistungsdenken, das derzeit auch in der Wiederkehr von Medaillenplänen sichtbar wird - einer Art drittem Weg, auf dem sich der Sport zurückmüht zur Effizienz seines ostdeutschen Vorgängers. Gefragt werden darf, ob dieser Vorgang kriminologisch zu fassen ist, etwa als "kollusives Zusammenwirken". Das meint eine Verabredung zwischen Sportfunktionären und BMI-Ministerialen zum millionenschweren Betrug am Steuerzahler – falls die Finanzierung der Trainer gegen Zuwendungsbescheide verstoßen hat.

Die Sportfamilie sieht die Sache selbstverständlich anders, als Beginn von Aufarbeitung, Dialog oder gar Versöhnung. An Letzterem ist wohl etwas dran. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer – ein Ereignis, das als Triumph der Demokratie gefeiert wurde – hat tatsächlich eine Versöhnung stattgefunden im deutschen Spitzensport: Und zwar zwischen den Untugenden der alten Bundesrepublik und dem Wertevakuum der DDR. So gesehen, hält die Causa Goldmann sogar Aufklärung bereit – über prekäre Parallelen zwischen Diktatur und Demokratie.

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