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StartseiteMusikjournalUninspiriertes Rheingold14.06.2021

Premiere an der Deutschen Oper BerlinUninspiriertes Rheingold

Ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen Eifersuchtsdrama, ein bisschen selbstreferentielles Theater mit Klavierauszug und Flügelhelm. Dlf-Kritiker Uwe Friedrich fehlt in Stefan Herheims Inszenierung von "Das Rheingold" an der Deutschen Oper Berlin der Fokus.

Von Uwe Friedrich

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Premiere von "Das Rheingold" an der Deutschen Oper Berlin (DAS RHEINGOLD, Regie: Stefan Herheim, Premiere: 12.6.2021, copyright: Bernd Uhlig)
Premiere von "Das Rheingold" an der Deutschen Oper Berlin (DAS RHEINGOLD, Regie: Stefan Herheim, Premiere: 12.6.2021, copyright: Bernd Uhlig)
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Ambossklänge, Maschinenmusik. Göttervater Wotan und Feuergott Loge machen sich auf den Weg hinab nach Nibelheim, wo die Nibelungen gerade Ring und Hort schmieden, um die danach noch dreieinhalb lange Opernabende hindurch gerungen und gekämpft wird. Wotan will nicht durch die Schwefelkluft, also muss er unter Loges Anleitung durch den Rhein. Der ist in Stefan Herheims Berliner Inszenierung allerdings bloß ein überdimensioniertes Bettlaken, unter dem die beiden hindurch krabbeln. Das Riesenlaken ist neben einem Konzertflügel das Hauptrequisit in diesem Ring, es wird aufgespannt und gerafft, zusammengeknüllt und weggezogen, bietet Projektionsflächen für Blumenwiesen und Berggipfel.

Unscharfe Bild- und Symbolwelt

Arte povera in der Ästhetik der Augsburger Puppenkiste, allerdings ohne die technische Perfektion des legendären Marionettentheaters. Aber der Reihe nach. Zunächst ist die riesige Bühne der Deutschen Oper Berlin leer bis auf einen Konzertflügel. Noch vor dem Beginn der Musik kommt eine Gruppe Flüchtlinge in Kleidung der dreißiger oder vierziger Jahre mit großen Koffern auf die Bühne. So begann im Jahr 2004 in Bonn die "Anatevka"-Inszenierung der früheren Deutsche-Oper-Intendantin Kirsten Harms.

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"Der Ring des Nibelungen" erlebte vor 150 Jahren mit der Uraufführung des ersten Teils, der Oper "Rheingold", die Stunde seiner Geburt. Das gewaltige Musiktheaterwerk ist auch das Ergebnis einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen Richard Wagner und seinem Förderer, dem bayerischen König Ludwig.

Die vertriebenen Bewohner eines ostjüdischen Shtetl eroberten ein leerstehendes Theater, um ihr Schicksal therapeutisch nachzuspielen und schließlich erneut vertrieben zu werden. Bei "Anatevka" sind die Assoziationen mit den Asservatenkammern von Auschwitz passend und erwünscht, zu Beginn von Wagners "Ring des Nibelungen" sind sie zumindest problematisch. Kann man natürlich machen, aber dann muss man auch etwas damit machen.

Bei Herheim bleibt diese Assoziation so merkwürdig unscharf wie die gesamte Bild- und Symbolwelt des Abends. Denn wenig später entkleidet sich die Statistenschar bis auf die Unterwäsche und betreibt zwecks Steigerung der erotischen Stimmung eifrig Kopulationsgymnastik, während Alberich vergeblich versucht, die Rheintöchter zu verführen. Die Statistenschar wird im Lauf dieses langen Abends noch häufiger wie eine Eurythmiegruppe den emotionalen Gebärdendolmetscher machen, wird Eifersucht und Entsetzen tanzen, barmen, schockiert gucken oder einfach teilnahmslos rumstehen. Dann fällt allerdings erst richtig auf, dass auch die Solisten nicht viel mehr zu tun haben als nach alter Väter Sitte beim Singen die Arme auszubreiten.

Einige starke Momente

Ja, es gibt auch starke Momente. Etwa wenn Markus Brück als Alberich den Ring verflucht. Überhaupt schafft er es als einer der wenigen, eine komplexe Figur zu zeigen zwischen Frustration, Gier und Hass. Ihn jedoch als Joker aus den Batman-Filmen zu schminken ist nicht besonders hilfreich. So wird aus dem Füllhorn der Popkulturanspielungen über jeden irgendetwas geschüttet, Donner wirft seinen Hammer wie den Knochen in Kubricks "2001" durch die Gegend, Loge steckt im Mephisto-Kostüm, Wotan soll dann wohl Faust sein. Da sind natürlich Wehrmacht-Anspielungen und Deutscher Gruß auch nicht fern. Wobei die Verwandlung Alberichs in eine Wehrmachtskolonne an Stefan Herheims ersten Versuch mit dem "Rheingold" im lettischen Riga erinnert.

Ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen Eifersuchtsdrama

Damals hatte er den Vorabend zum "Ring" als grotesk-komische Familienaufstellung der Wagners verstanden, ließ Cosima und Liszt, Ludwig II. und Nietzsche auftreten und überdrehte die Handlung zur gruseligen Geschichtsrevue. Von dieser Heiterkeit ist in Berlin nichts mehr zu spüren. Stattdessen ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen Eifersuchtsdrama, ein bisschen selbstreferentielles Theater mit Klavierauszug und Flügelhelm. Das alles geht mehr als nur ein bisschen schief, denn Herheim nimmt nichts wirklich in den Fokus, die Einzelteile stehen beziehungslos nebeneinander.

"Der Lauteste gewinnt"

Der Bariton Derek Whelton ist ein sehr ordentlicher Wotan, dem Tenor Thomas Blondelle liegt der Feuergott Loge gut in der Stimme, auch Annika Schlicht als Fricka und Judith Kutasi als Erda erfreuen Auge und Ohr. Wenn nur Generalmusikdirektor Donald Runnicles etwas mehr Gespür für Struktur und Klang dieser Musik hätte. Das Orchester der Deutschen Oper spielt zwar souverän, bietet aber nur jenes Minimum an Klangfarben, das durch die Partitur schon unvermeidbar ist. Dass die Farbwechsel in der Instrumentierung eine Bedeutung haben könnten, die harmonischen Übergänge vom einen Ort weg, zu einem anderen Zustand hinführen, das alles lässt sich unter Runnicles allenfalls erahnen.

Gewiss, im "Rheingold" spielt Wagner noch nicht so souverän mit den Leitmotiven wie später in der "Götterdämmerung", aber etwas mehr Sinn und Verstand als Runnicles hörbar macht, hat diese Partitur dann doch. Aber schon lange gilt an der Deutschen Oper Berlin "der Lauteste gewinnt", entsprechend großer Jubel nach den pompösen Schlusstönen dieses uninspirierten "Rheingolds".

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