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StartseiteKultur heutePremierenstart im neuen Haus25.10.2010

Premierenstart im neuen Haus

Russlanddeutsche und ein Energieriese am Nürnberger Schauspielhaus

Die Spielzeit des neuen Nürnberger Schauspielhauses begann verspätet, aber mit zwei neuen Stücken: Das Werk von Lucy Prebble dreht sich kritisch um den Energiekonzern Enron. Die zweite Premiere ist eine Auftragsarbeit über Russlanddeutsche, die zwischen zwei Nationalitäten hin- und hergerissen sind.

Von Barbara Bogen

Felix Axel Preissler (l.), Thomas Klenk, Hartmut Neuber, Aurel Bereuther, Nicola Lembach in "Enron" (Marion Bührle)
Felix Axel Preissler (l.), Thomas Klenk, Hartmut Neuber, Aurel Bereuther, Nicola Lembach in "Enron" (Marion Bührle)
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Staatstheater Nürnberg

Die Welt der Gewinne ist ein Würfelspiel. Sechs gewaltige Container in Würfelform beherrschen die Bühne des neuen Nürnberger Schauspielhauses. Sie heben und senken sich, sie sind flexibel und lassen sich beliebig bespielen. Mal enthüllen sie, wenn sie langsam abheben, frenetisch tanzende Manager in ihrem Inneren, mal spiegeln sie die Video-Projektionen von Skyskraper-Welten oder die digitalen im flimmernden Grün verschwimmenden Zahlen der Aktienkurse wider, mal wird zwischen ihnen kalter Sex getrieben, mal reproduzieren sie die Terror-Bilder des 11. September oder zeigen drei Finanzberater als die berühmten chinesischen Affen in Animation. Die Würfel innen sind hohl, so hohl und leer wie die Finanz-Welt, deren Instrument sie sind. Die Menschen in dieser abstrakten unwirklichen Welt sind Spielbälle eines imaginativen, virtuellen Systems, das die meisten von ihnen nicht einmal durchschauen. Bei aller Erbärmlichkeit haben sie beinahe etwas Tragisches wie die Protagonisten Shakespeares.

Der Energieriese Enron gehörte zu den zehn größten Konzernen der USA und beschäftigte 20.000 Mitarbeiter, als er im Jahr 2001 Insolvenz anmelden muss. Er wird der Bilanzfälschung, der Verschwörung und des Betrugs überführt. Hinter einer Schattenwirtschaft, Enron hatte Geschäfte letztlich mit sich selbst gemacht, werden Schulden in Milliardenhöhe offenbar. Der Name Enron wird zum Inbegriff einer Wirtschaftskriminalität, die zugleich modellhaft wird für die Finanzskandale der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts.

Außenaufnahme Nürnberger Schauspielhaus (Marion Bührle)Außenaufnahme Nürnberger Schauspielhaus (Marion Bührle)"Es ist etwas Archaisches," heißt es einmal in Lucy Prebbles Stück Enron über die Lust an der virtuellen Finanzvermehrung. "Du bist dir nie so lebendig vorgekommen. Wie auf der Jagd, fast wie Sex, nur besser." Der Nürnberger Schauspielchef und Regisseur Klaus Kusenberg decouvriert hinter dem Betrug dreier Konzernmagnaten, an dem sich schließlich alle beteiligen, Anwälte, Wirtschaftsprüfer und nicht zuletzt die Lehman Brothers, die hier auftreten als zitterndes Clownspaar, das Glaubenssystem. Da, wo Kirche und Staat keine tauglichen Lebensentwürfe mehr anbieten können, wird Enron zum neuen Symbol für eine Religion der Gier und des Geldes, wird zum Ideenkraftwerk wie es einmal heißt im Stück. Auch Beschwörung spielt bei dieser Dämonie eine Rolle. Enron-Präsident Jeffrey Skilling beschwört am Ende die fallenden Aktienkurse wie in einem Dialog, als könne er damit ihren Sturz aufhalten. Das scheint Theater auf der Höhe der Zeit. Das ist Theater aber auch, das den Geschichten der Ökonomie letztlich hinterher läuft. Auch Lucy Prebbles Stück Enron tut nichts anders als Aufstieg und Fall des Enron-Konzerns nachzuerzählen, mit einigen magischen surrealen Einschüben freilich. So mutieren die an die Schattenfirma verschobenen Schuldenberge in der Unterwelt des Finanzchefs Andy Fastow zu Dinosauriern aus Jurassic Park, womit die Parallele zur absurden Fantasiewelt von Hollywood bedient ist. Das Nürnberger Theater bemüht sich nach Kräften die neu installierte Hightech durch viel Aktion und Dynamik vorzuzeigen und zu beeindrucken. Das gelingt zwar auch. Das Problem der deutschen Erstaufführung ist eher, das sie garantiert konsensfähig ist. Die Manager sind gierig, geldgeil, böse. Und haben den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Nichts also, was irgendein Zuschauer nicht unterschreiben könnte und nicht schon vorher gewusst hätte.

Fünf Menschen, Vertreter verschiedener Generationen hocken in der dunkel ausgeleuchteten Leere der Bluebox auf unschön gelben Plastikstühlen und erzählen ihre Geschichten, ihre Biografien. Was sie eint - sie sind Russlanddeutsche, zerrissen zwischen zwei Nationalitäten, populär weder auf der einen noch auf der andren Seite. Ihnen gemeinsam ist die Sehnsucht nach einer Selbstverständlichkeit, das Verlangen nach Akzeptanz und dem Zauberwort der Zeit, Integration. Dem gegenüber steht der Verlust ihrer Identität, Zerrissenheit. Eine Frau erzählt, wie ihre alte Tante plötzlich in Deutschland an Schizophrenie erkrankt. Heimat ein Irrtum, Zugehörigkeit ein Fremdwort. "Die Russen kommen" ist ein Auftragswerk des Nürnberger Staatstheaters an die Autorin Gesine Schmidt, die in zahllosen Interviews mit Spätaussiedlern eine Collage erstellt hat aus Lebensbausteinen, mehr Dokumentation als Theaterstück. Der kühlen unaufgeregten Regie von Patrick Schimanski sowie den fünf Schauspielern ist es zu verdanken, dass die Erzählungen der Sympathieträger nicht der heftigen Gefahr der Opferromantik erliegen.

Die "Paradiesischen Zustände", so das kühne Motto der laufenden Spielzeit des für knapp 38 Millionen Euro generalsanierten Schauspielhauses stehen mit der Flut kommender Premieren in den nächsten Wochen also derzeit noch aus.

Info:
Staatstheater Nürnberg

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