Eine Linie durchschneidet den Raum zwischen dem Hier und dem Dort. Sie hat Augen. Sie hat Zähne. Sie stellt ihre Hoheitszeichen auf. Hier beginnt ein anderes Gesetz.
Bildstrecken und Texte des Buchs kreisen um unterschiedlichste Grenzen. Fernliegendes wie die Geschichte der Enklaven im Niemandsland zwischen Indien und Bangladesch, die noch auf die Auflösung der britischen Kolonialherrschaft in Indien zurückgehen, wechselt sich ab mit Naheliegendem wie den Bildern aus den erst jüngst im Zuge der Sicherung der Festung Europas in Hochsicherheitstrakte verwandelten spanischen Enklaven in Marokko und den Bildern von der Bewachung der südspanischen Küste. Oder geographisch und politisch zwar näher Beieinanderliegendes, dafür im Allgemeinwissen jedoch sehr ungleich Verankertes: die Bilder aus Mitrovica im Kosovo, eine in zwei von der NATO schwer bewachte Hälften geteilte Stadt, in der Albaner und Serben gegen und nebeneinander leben, stehen dem kaum bekannten Konflikt in Transnistrien gegenüber, einem 1990 gegründeten Staat, der an der Grenze zu Moldawien liegt und eines der größten nach dem 2. Weltkrieg von der Sowjetunion angelegten europäischen Munitionsdepots besitzt. Hier versucht Russland, mehr und mehr Einfluss zu gewinnen, um ein Gegengewicht zu bilden in einer zusehends in die Eurolandzone hinüber wechselnden Region. Aber auch ein Essay über entmenschlichte Daseinsformen an einem metaphorisch als Ende der Welt zu verstehenden Ort, an einem Ort jenseits aller denkbaren moralischen Ordnungen, für den Angola hier lediglich als Chiffre dient, ist in die Sammlung aufgenommen worden.
Die Allgegenwärtigkeit von Grenzen lässt der Band in seiner inhaltlichen Vielfalt deutlich werden. Sie legitimiert selbst eine zunächst eher deplaziert wirkende Bildreportage wie die über China-Town in San Francisco. Denn Grenzen trennen nicht nur Länder der Ersten von Ländern der Dritten Welt, Grenzen zergliedern auch Zonen unterschiedlicher Ordnungen innerhalb der Ersten ebenso wie innerhalb der Dritten Welt. In der einer zeitgenössischen Ästhetik verpflichteten Zusammenschau verschiedenartigster Materialien - Fotografien, Kurztexte, Essays, Landkarten, Grafiken - entsteht allmählich ein komplexes Bild, so etwas wie eine Topographie der Grenze, die bestimmte, überall gleichbleibende Erscheinungsformen hat. Und am Ende hat sich die Grenze jenseits von realen Örtlichkeiten auch als symbolischer Ort etabliert, als ein Ort, an dem die Beschaffenheit der gegenwärtigen Verhältnisse in der so genannten globalisierten Welt in ein grelles Licht gestellt ist.
Barbara Eisenmann besprach: Über die Grenze. Photoreportagen und Essays. Es wurde im Rotpunkt Verlag Zürich herausgegeben von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und dem Direktorium für Entwicklung und Zusammenarbeit. Es hat 192 Seiten und kostet 38 Mark.