Archiv


Pro Helvetia (Hrsg.): Über die Grenze. Fotoreportagen und Essays

Das Drama der Grenzen sei so epidemisch geworden, schreibt Frank Berberich in seinem Editorial zum Buch 'Über die Grenzen', dass es uns fast nicht mehr zu rühren vermöge. Ursache für die millionenfache Flucht ist neben Gewalt und politischer Willkür nicht zuletzt die Armut. Oft hängt beides miteinander zusammen. Der sich für zivilisiert haltende 'freie Westen' schottet seine Grenzen gegen diese Migration ab - so gut es eben geht. Globalisierung mit ihrer grenzenlosen Beweglichkeit gilt für Geld, Rohstoffe und Waren, für Menschen soll sie nicht gelten. Notfalls wird ein 'Kampf der Kulturen' bemüht, um die Ausgrenzung zu legitimieren. Geschichtlicher Antagonismus wie er Jahrhunderte lang etwa zwischen Christentum und Islam bestand wird beiderseits wieder zunehmend instrumentalisiert, um die Folgen falscher Ressourcenverteilung und demütigenden politischen Ungleichgewichts wenigstens ideologisch zu tilgen. Gotteskrieger und Weltbefreier stehen sich unversöhnlich gegenüber, der Geist der Aufklärung erscheint als Außerirdischer. Dazwischen irren Flüchtlinge umher oder vegetieren in Flüchtlingslagern vor sich hin. Allein in Afrika und Asien sollen es 20 Millionen Menschen sein, die in solchen Lagern leben müssen. Der deutsch-italienische Photo- und Essayband 'Über die Grenze' zeigt die andere Seite der globalen Asymmetrie, die Flüchtlinge, die Zäune und Lager, die Grenzbereiche dieser 'einen Welt'. Er entstand mit Hilfe von Pro Helvetia, einer Schweizer Kulturstiftung und des Direktoriums für Entwicklung und Zusammenarbeit. Barbara Eisenmann hat das Buch für uns rezensiert:

Barbara Eisenmann |
    Zu sehen ist eine Röntgenaufnahme: In einem Lastwagen hocken auf dem Boden illegale Einwanderer, die nur als weiße Schemen zu erkennen sind. Doppelseitig eröffnet diese Abbildung den Text- und Bildband "Über die Grenze" . Sie dient als Emblem der Problematik, um die es in den hier versammelten fünf Essays und 10 Fotoreportagen geht: Nämlich um die Aufteilung der Welt in arme und reiche, in sichere und unsichere Zonen und um die massenhafte Bewegung von Menschen, die dadurch ausgelöst worden ist. Eine der schemenhaft erfassten Figuren steht gebückt im Inneren des Wagens. Und es ist diese die sitzende Reihe unterbrechende Haltung eines Einzelnen, die dem Betrachter ein gängiges Wahrnehmungsmuster vor Augen führt. Ein Muster, in dem die Flüchtlinge - die anderen, die Fremden - immer nur als anonyme Masse in Form von Haufen oder Reihen in Erscheinung treten. Das Bild ist an der mexikanisch-guatemaltekischen Grenze aufgenommen worden. Es könnte aber auch ebenso gut irgendwo anders entstanden sein. Denn Grenzen finden sich überall dort, wo Zonen politischer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Unordnung von Zonen einer weitaus geordneteren Welt voneinander getrennt sind. Blättert man eine Seite weiter, hat man eine Grafik vor sich: eine Darstellung der Welt, nur gekennzeichnet durch Pfeile, die die wichtigsten Flüchtlingsrouten markieren. Zwar haben sich weltweit Menschen in Bewegung gesetzt, um in die sicheren Zonen zu gelangen, aber es gelingt nur den wenigstens von ihnen. Frank Berberich, Herausgeber der Zeitschrift Lettre International, der für die Texte des vorliegenden Bandes verantwortlich ist, beschreibt im Vorwort auf eine abstrakte, aber nichts desto trotz anschauliche Weise, was eine Grenze ist:

    Eine Linie durchschneidet den Raum zwischen dem Hier und dem Dort. Sie hat Augen. Sie hat Zähne. Sie stellt ihre Hoheitszeichen auf. Hier beginnt ein anderes Gesetz.

    Bildstrecken und Texte des Buchs kreisen um unterschiedlichste Grenzen. Fernliegendes wie die Geschichte der Enklaven im Niemandsland zwischen Indien und Bangladesch, die noch auf die Auflösung der britischen Kolonialherrschaft in Indien zurückgehen, wechselt sich ab mit Naheliegendem wie den Bildern aus den erst jüngst im Zuge der Sicherung der Festung Europas in Hochsicherheitstrakte verwandelten spanischen Enklaven in Marokko und den Bildern von der Bewachung der südspanischen Küste. Oder geographisch und politisch zwar näher Beieinanderliegendes, dafür im Allgemeinwissen jedoch sehr ungleich Verankertes: die Bilder aus Mitrovica im Kosovo, eine in zwei von der NATO schwer bewachte Hälften geteilte Stadt, in der Albaner und Serben gegen und nebeneinander leben, stehen dem kaum bekannten Konflikt in Transnistrien gegenüber, einem 1990 gegründeten Staat, der an der Grenze zu Moldawien liegt und eines der größten nach dem 2. Weltkrieg von der Sowjetunion angelegten europäischen Munitionsdepots besitzt. Hier versucht Russland, mehr und mehr Einfluss zu gewinnen, um ein Gegengewicht zu bilden in einer zusehends in die Eurolandzone hinüber wechselnden Region. Aber auch ein Essay über entmenschlichte Daseinsformen an einem metaphorisch als Ende der Welt zu verstehenden Ort, an einem Ort jenseits aller denkbaren moralischen Ordnungen, für den Angola hier lediglich als Chiffre dient, ist in die Sammlung aufgenommen worden.

    Die Allgegenwärtigkeit von Grenzen lässt der Band in seiner inhaltlichen Vielfalt deutlich werden. Sie legitimiert selbst eine zunächst eher deplaziert wirkende Bildreportage wie die über China-Town in San Francisco. Denn Grenzen trennen nicht nur Länder der Ersten von Ländern der Dritten Welt, Grenzen zergliedern auch Zonen unterschiedlicher Ordnungen innerhalb der Ersten ebenso wie innerhalb der Dritten Welt. In der einer zeitgenössischen Ästhetik verpflichteten Zusammenschau verschiedenartigster Materialien - Fotografien, Kurztexte, Essays, Landkarten, Grafiken - entsteht allmählich ein komplexes Bild, so etwas wie eine Topographie der Grenze, die bestimmte, überall gleichbleibende Erscheinungsformen hat. Und am Ende hat sich die Grenze jenseits von realen Örtlichkeiten auch als symbolischer Ort etabliert, als ein Ort, an dem die Beschaffenheit der gegenwärtigen Verhältnisse in der so genannten globalisierten Welt in ein grelles Licht gestellt ist.

    Barbara Eisenmann besprach: Über die Grenze. Photoreportagen und Essays. Es wurde im Rotpunkt Verlag Zürich herausgegeben von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und dem Direktorium für Entwicklung und Zusammenarbeit. Es hat 192 Seiten und kostet 38 Mark.