Donnerstag, 24.06.2021
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteCorsoAutobauer, Discokönig, Welthitsmacher11.07.2015

Produzenten-Legende Giorgio MoroderAutobauer, Discokönig, Welthitsmacher

Musikproduzent Giorgio Moroder brachte die Disco-Bewegung ins Rollen, schuf Welthits für Blondie oder David Bowie, brachte Donna Summer zum Stöhnen. 2013 zerrten ihn Daft Punk zurück ins Rampenlicht, in dem sich der inzwischen 75jährige wieder sehr wohl fühlt. "Déjà Vu" heißt sein neues Album.

Giorgio Moroder im Corsogespräch mit Marcel Anders

(picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Der italienische Komponiost Giorgio Moroder zeigt am 04.05.1990 sein neues Album mit dem Titel "To be Number one" (Achivfoto). (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

Marcel Anders: "Herr Moroder, zu Ihren bekanntesten Stücken zählt "Love To Love You Baby" von 1975: Ein Song, der fast 17 Minuten dauert, 23 simulierte Orgasmen enthält und Donna Summer zum Weltstar gemacht hat. Sind Sie nun ein Genie oder ein Teufel, der ein streng religiöses Mädchen verführt hat?"

Giorgio Moroder: (lacht) "Das hat sie erzählt, aber ich glaube es nicht. Sie hat die erste Aufnahme ganz frei gemacht, und wir haben dann sofort einen Erfolg gehabt mit der Single. Als wir dann die längere Fassung gemacht haben, die 17 Minuten dauerte, wollte ich natürlich, dass sie wesentlich mehr stöhnt. Und da war das Problem: Sie ist dann ins Studio gekommen und da waren mehrere Leute – ihr Mann, Pete Bellotte, der Tonmeister, ein Musiker oder zwei – und das hat nicht funktioniert. Dann dachte ich: Ich muss jetzt radikal was hier tun, hab alle rausgeschmissen, die Lichter zugemacht, praktisch nur einen kleinen Spot gehabt, und dann hat sie's gemacht innerhalb von vielleicht zehn, fünfzehn Minuten.

Anders: "Die Nummer hat Sie zum Disco-König gemacht. Doch als Sie sich mal ins Mekka der Szene, ins Studio 54 in New York gewagt haben, waren Sie angeblich schwer enttäuscht. Warum?"

Moroder "Das war schlimm! Es war ungefähr 23 Uhr und da dachte ich: "Ui, da muss was los sein, wenn schon so viele Leute draußen warten." Dann komm ich rein und es war beinahe leer. Und dann hab ich erst mitgekriegt, einmal dass es gar nicht um elf Uhr abends anfängt, und zweitens, dass die Leute draußen, dass das überhaupt nichts heißt, ob's drinnen voll oder leer ist. Das ist alles psychologischer Terror – da müssen eben die Leute warten. Und von dem High Life oder High Entertainment war im "54" nichts zu sehen."

Anders: "Gegen Ende der Disco-Welle sind Sie dann in die Film-Branche gewechselt und haben Blockbuster wie "Scarface", "Top Gun" oder "American Gigolo" vertont – und zig Auszeichnungen und Preise erhalten. Wieso haben Sie das aufgegeben bzw. sich aus der Musikbranche zurückgezogen?"

Ein Jahr lang ein Auto mit 16 Zylindern gebaut

Moroder: "Ich war dann immer weniger interessiert, habe angefangen, andere Sachen zu machen. Ich habe dann ein Auto gebaut, was mich ungefähr ein Jahr an Zeit gekostet hat, ein wunderbarer 16 Zylinder: "Cizeta". Wir haben ungefähr acht Stück verkauft. Dann ging diese Firma pleite, denn 1992 war diese große Wirtschaftskrise weltweit, und da hat kein Mensch mehr diese Autos gekauft. Dann hab ich hundert andere Sachen gemacht und auch Kunst studiert, hab mehrere Shows gehabt, und ich hab nie einen Manager gehabt, der gepusht und geschaut hat, dass ich Arbeit kriege. Ich war eigentlich nicht richtig interessiert."

Anders: "Ganz ehrlich: Haben Sie die Musik nie vermisst?"

Moroder: "Ach, ich hab öfters mal überlegt: Man müsste eigentlich wieder mal was machen. Dann hab ich ein bisschen komponiert und die Idee war: "OK, wenn du Glück hast, dann hast du wieder mal eine Nummer 1 oder vielleicht mal wieder einen Oscar." Und dann dachte ich: "Was ist denn da der große Unterschied?" Und diese Sache jetzt mit Daft Punk war eigentlich eine Sache, die ganz automatisch gekommen ist. Ich bin nicht zu denen gegangen und habe gefragt, ob ich mitmachen kann – die haben MICH gefragt – und so hat sich das entwickelt."

Anders: "Hätten Sie gedacht, dass das noch einmal passieren könnte – also vor Ihrer Zusammenarbeit mit Daft Punk?"

Moroder: "Nein, eigentlich nicht mehr. Ich hab immer ein bisschen Musik... nicht richtig gemacht, aber immer ein bisschen gehört und auch mal kleine Sachen versucht. Und da war auch schon ein kleines bisschen diese Idee, dass ich vielleicht als DJ wieder mehr arbeite. Und da war es natürlich absolut wichtig, dass ich auch eine Platte mache, weil als DJ kann man mit meinen älteren Liedern nur soundso weit gehen. Und dann ist eben diese Sache mit Daft Punk passiert. Das hat natürlich alles verändert."

Anders: "Seltsamer Weise sind Daft Punk auf Ihrem Comeback, auf "Deja Vu", nicht vertreten. Wieso?"

Moroder: "Das wäre eigentlich zu viel gewesen. Sie haben mir so viel geholfen, und jetzt gehe ich hin und frage: "Kannst du mir noch mal helfen und...?" Nein, nein, das ist schon in Ordnung so."

Anders: "Stattdessen präsentieren Sie Gäste wie Britney Spears, mit der sie ein Cover von "Tom´s Diner" aufgenommen haben. Wie konnte das passieren?"

Anfrage von Britney Spears

Moroder: "Das war die Idee von Britney. Sie hatte gehört, dass ich ein Album mache - und hat gefragt, ob ich dieses Lied mit ihr produzieren möchte. Das war ihre Idee - das war ein Lied, was sie immer schon machen wollte. Und ich hab natürlich ja gesagt, weil es ist erst mal ein wunderbares Lied und challenging, so was zu machen, weil da gibt's ja nur die A-cappella-Stimme und da könnte man dann ja jeden Akkord erfinden, den man will. Und unglücklicherweise... sie hat dann angerufen und gefragt, ob ich ins Studio kommen möchte, und ich war gerade auf der Reise, glaub ich, nach Amerika oder Europa oder war auch schon in Europa und konnte da nicht hingehen."

Anders: "Sie haben also nur per Mail kommuniziert?"

Moroder: "Alles per Mail, das Meiste per Mail, das ist heutzutage so."

Anders: "Ist das der Unterschied zu früher? Ist heute alles anonymer, schneller und nicht mehr so persönlich?"

Moroder: "Nicht so persönlich. Schneller, das glaube ich nicht, denn es dauert - glaube ich - wesentlich länger. Denn die Koordination ist sehr problematisch, weil im Vergleich zu vor 35 Jahren ist jeder Sänger hier in Amerika so was von busy und die in ein Studio reinzukriegen, ist gar nicht mehr so leicht. Und ich habe auch bemerkt: Die meisten Sänger haben alle ihre eigene technische Entourage. Die haben den Tonmeister, der genau weiß, welches Mikrofon ideal ist für den Sänger. Und deswegen, glaube ich, machen die das viel lieber allein im Studio mit den eigenen Leuten. Ich hab mich dann beinahe nicht getraut, irgendwie etwas zu verändern in der Mischung, weil sie die Mischung für gut fand, dachte ich, ich könnte da vielleicht ein paar kleinere Sachen... Aber dann hab ich mir überlegt, nein, besser lassen wir es so, weil es eben so kompliziert ist."

Anders: "Gibt es trotzdem noch moderne Künstler, mit denen Sie gerne arbeiten würden? Wie wäre es zum Beispiel. mit Rihanna?"

""Rihanna liebe ich"

Moroder: "Ja, Rihanna liebe ich. Erstens mal wie sie aussieht, wie sie sich präsentiert, die Stimme, sie ist jung – Rihanna hat noch eine lange Zukunft und ich finde sie einfach toll. Obwohl, ich finde ja mehrere... ich liebe die meisten Sachen von der Lady Gaga und ich werde auch höchstwahrscheinlich in den nächsten Monaten mit ihr arbeiten."

Anders: "Und wenn Ihr Comeback kein kommerzieller Erfolg wird? Wie würden Sie damit umgehen?"

Moroder: "Ich glaube, es wird zwar kein großer Erfolg, aber es wird ein Erfolg. Und natürlich hängt es auch von der Plattenfirma ab. Ich hab den Eindruck, wenn sich die Platte gut verkauft, dann mache ich eine zweite. Wenn nicht, bin ich genauso glücklich."

Anders: "Junge Kollegen wie Calvin Harris, die Ihren Sound der 70er aufgreifen, scheffeln als Produzenten und DJs Millionen. Ärgert Sie das?"

Moroder: "Nein, so viel verdient hab ich nie. (lacht) Aber er ist einfach ein Künstler, der auftritt, und ich bin nie aufgetreten - damals. Und ich verdiene ja schon sehr schön, obwohl ich kein Calvin Harris bin. Aber so 200.000 - 300.000 pro Abend, was der Calvin Harris verdient, da muss man schon ein großer Künstler sein. Und plus: Er hat ja wenig Kosten. Er kommt am Abend mit seinem Tonmeister höchstwahrscheinlich, mit seinem Lichtmeister und seinem Memory Chip, tut's rein und braucht keine Show, keine Kleidung, nichts, und nach eineinhalb Stunden ist er wieder weg."

Anders: "Dann war es Fehler, dass Sie damals nicht aufgetreten sind?"

Moroder: "Ich wollte immer schon, aber ich war einfach nicht gut genug als Sänger. Ich habe die Texte vergessen, und dann war ich nervös, und dann hab ich's eigentlich nie so richtig versucht."

Anders: "Mittlerweile legen auch Sie Platten vor bis zu 30.000 Zuschauern auf. Die späte Erfüllung eines Lebenstraums?"

Moroder: "Es ist genau das, was ich immer so geträumt habe. Nicht als DJ, aber auf einer Bühne vor so vielen Leuten aufzutreten. Und es ist praktisch ziemlich ähnlich als wenn ich singen würde. Weil als DJ, da muss man auch kreativ sein während der Show. Ich benutze meine Lieder und dann hab ich noch Percussion und Effekte auf der dritten und vierten Spur."

Anders: "Wobei Ihr Schnauzbart fast so berühmt ist wie ihre Musik. Haben Sie es eigentlich mal "oben ohne" versucht?"

Moroder: "Klar, ich war 30 Jahre ohne! Ich erinnere mich genau: Eines Tages war ich in New York mit meiner damaligen Freundin, es war in den 80er Jahren, und sie meinte: "Warum schneidest du dir nicht mal den Schnauzer weg?" Dann war er weg und ich hatte lange keinen. Dann hat aber meine Frau immer gesagt, dass ich ihn mir wieder wachsen lassen soll, weil es doch so ein bisschen mein Markeneichen sei. Also gut – diesmal aber wirklich kurz und nicht mehr so lang hinunter. Ich hatte ja manchmal einen furchtbaren Schnauzer!"

Anders: "Ist 75 das neue 25?"

Moroder: "Ja! Je mehr ich auftrete, desto jünger fühle ich mich. Was mir aber Angst macht: Ich musste neulich meinen Führerschein verlängern lassen, der neue läuft bis 2020 – da bin ich dann 80. Und immer noch ohne Brille! Wird schon gut gehen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk