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StartseiteForschung aktuellProgesteron begünstigt Brustkrebs01.12.2006

Progesteron begünstigt Brustkrebs

Wie Gene und Hormone zusammen wirken

Medizin. – Wenn Frauen in den Wechseljahren eine Hormonersatztherapie machen, dann steigt ihr Risiko an Brustkrebs zu erkranken. Aber warum ist das so? Im Tierversuch haben Forscher der Universität von Kalifornien jetzt erstmals nachvollziehen können, was genau in den Zellen passiert. In der aktuellen "Science" berichten sie über ihre Erkenntnisse.

Von Martin Winkelheide

Die Forscher sind auf der Suche nach Alternativen zu intensiver Brustkrebsüberwachung. (AP)
Die Forscher sind auf der Suche nach Alternativen zu intensiver Brustkrebsüberwachung. (AP)

Viele Gene schützen uns davor, dass aus normalen Körperzellen Krebszellen werden. Wenn eines oder mehrere dieser schützenden Gene ausfallen, dann steigt das Krebsrisiko. BRCA 1 ist solch ein schützendes Gen, es spielt eine wichtige Rolle bei der Reparatur von Schäden im Erbgut. Frauen mit einem defekten BRCA 1-Gen tragen ein hohes Risiko, im Laufe ihres Lebens Brustkrebs zu entwickeln. Und das gab Eva Lee von der Universität von Kalifornien Rätsel auf.

"Das defekte Gen ist in jeder Zelle des Körpers vorhanden. Frauen, die das Gen tragen, besitzen aber nur ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs und Eierstockkrebs. Warum nicht für andere Tumorarten? Für Sarkome oder Blutkrebs?"

Vielleicht, so die Überlegung von Eva Lee, liegt der entscheidende Unterschied darin, ob ein Gewebe auf Hormone reagiert oder nicht.

"”Viele Leute wissen, dass ein Fehler im BRCA 1–Gen die Entstehung von Brustkrebs begünstigt. Was viele nicht wissen, ist, dass auch das Hormon Progesteron Brustkrebs begünstigt. Und bislang war auch unbekannt, wie beides zusammen hängt bei der Entstehung von Brustkrebs.""

Tatsächlich sind Zellen in der Brust oder in den Eierstöcken empfindlich für das weibliche Geschlechtshormon Progesteron, konnte Eva Lee nachweisen. Lee:

"”Progesteron zirkuliert im ganzen Körper. Aber nur wenige Zell-Typen besitzen eine Struktur auf ihrer Oberfläche, einen Rezeptor, an den das Hormon binden und dann aktiv werden kann.""

Progesteron hat normalerweise die Aufgabe, den Körper einer Frau auf eine mögliche Schwangerschaft vorzubereiten, und es sorgt im Fall des Falles auch für den Fortbestand dieser Schwangerschaft. Auf Zellen mit Schäden im BRCA 1-Gen hat Progesteron zwei Auswirkungen: Zum einen teilen sich die Zellen schneller. Und da mit dem BRCA 1-Gen wichtige Reparaturmechanismen der Zelle ausgefallen sind, können sich weitere genetische Defekte anhäufen. Eine normale Brustzelle kann sich so Schritt für Schritt in eine Tumorzelle verwandeln. Progesteron begünstigt also die Krebsentstehung bei Trägerinnen des BRCA 1-Gens. Gelänge es, das Hormon in seiner Wirkung zu blockieren – dann wäre dies eine Möglichkeit, der Entstehung von Krebs vorzubeugen. Eva Lee behandelte genetisch veränderte Mäuse mit einem hohen Brustkrebsrisiko mit einem Medikament, das die Wirkung von Progesteron blockiert – der Abtreibungspille RU 486. Und tatsächlich blieben die Tiere lange Zeit gesund. Lee:

"Mifepriston – also die Abtreibungspille RU 486 erwies sich als sehr wirksam. Das Problem ist nur, dass der Wirkstoff nicht allein an den Progesteron-Rezeptor bindet. Er bindet auch an andere Rezeptoren. Das heißt: Das Medikament hat Nebenwirkungen. Es kann also nicht über lange Zeit eingenommen werden. Wir brauchen daher Wirkstoffe, die sehr gezielt gegen das Progesteron wirken."

Solche Wirkstoffe sind bereits in der Entwicklung. Sie müssen allerdings noch an Menschen getestet werden. Frauen, die wissen, dass sie ein verändertes BRCA 1-Gen tragen, stehen heute vor einer schwierigen Wahl: Lassen sie sich ihre Brüste amputieren, ihre Eierstöcke entfernen – um sicher zu sein, dass sie künftig nicht an Krebs erkranken. Oder setzen sie auf eine engmaschige ärztliche Kontrolle, damit eine Tumor früh entdeckt wird und mit Aussicht auf Erfolg operiert und behandelt wird? Lee:

"”We hope to provide these women have additional options in the future.”"

Eva Lee von der Universität von Kalifornien in Irvine hofft, dass diese Frauen künftig eine weitere Option haben werden: Dass es eines Tages möglich ist, mit Medikamenten, einer Anti-Hormon-Therapie, die Entstehung von Brustkrebs verhindern zu können.

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