Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Montag, 11.11.2019
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteCampus & KarriereZwischen immer verfügbar und "Unverfügbarkeit"17.07.2019

Projekt an der Universität FlensburgZwischen immer verfügbar und "Unverfügbarkeit"

Der Drang, immer verfügbar zu sein, ist allgegenwärtig. Genau das thematisiert Hartmut Rosas "Unverfügbarkeit". Jetzt wird es unter Flensburger Studierenden diskutiert - und das fächerübergreifend. Das Buch wurde für den Wettbewerb "Eine Uni – Ein Buch" ausgewählt.

Von Christian Wolf

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Berufsschülerinnen während der Pause in der Elly-Heuss-Knapp-Schule, ein Berufskolleg der Stadt Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen.  (imago stock&people)
"Unverfügbarkeit" regt zur Reflexion an, etwa über den Smartphone-Gebrauch (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Hartmut Rosa über "Unverfügbarkeit" Kein Schnee fällt auf Knopfdruck

Hartmut Rosa: "Unverfügbarkeit" Kritischer Blick auf unsere Erwartungshaltung

Soziologe Hartmut Rosa Der Zauber des Unverfügbaren

Hartmut Rosa „Unverfügbarkeit“

Die Welt wird immer schneller. Kaum noch etwas wird dem Zufall überlassen – fast alles wird berechnet und unterliegt damit einem Algorithmus. Nach Ansicht des Soziologen Hartmut Rosa geht dadurch aber das Lebendige verloren:

"Eine Gesellschaft ist modern, wenn sie zur Aufrechterhaltung des Wachstums, der Beschleunigung und der Innovierung bedarf. Resonanz stellt sich nur zu einem Gegenüber ein, das gleichsam mit eigener Stimme spricht. Es ist nicht die Gier nach mehr, sondern die Angst vor dem Immer-weniger, die das Steigerungsspiel aufrechterhält. Der Mehltau des Verfügbarmachenmüssens legt sich allerorten über die unverfügbare Produktivität des sozialen Lebens. Auskunft über unseren Körper gibt uns nicht mehr die Befindlichkeit des eigenen Leibes, sondern die Parameter der Medizin und der Technik. Wir werden niemals mit uns fertig."

Ein Ausschnitt aus dem Buch "Unverfügbarkeit" von Hartmut Rosa, das im vergangenen Jahr erschienen ist und jetzt an der Flensburger Universität fächerübergreifend im Fokus steht. Anders Dam ist Professor für dänische Literatur an der Universität Flensburg. Er hatte das Buch von Hartmut Rosa für den Wettbewerb "Eine Uni ein Buch" ausgesucht:

"Ich selber habe Hartmut Rosa in einem Seminar besprochen. Wir haben Rosa gelesen und die Studierenden haben das sehr interessant gefunden - und das hat sie auf viele Ideen gebracht. So Begriffe wie Resonanz, Entfremdung, Beschleunigung, wie ist es mit Handys, was bedeutet es, dass wir alle ein Handy in der Hand haben und so etwas. Über so etwas schreibt er."

Interdisziplinär und allgegenwärtig

Das Buch ist inzwischen im Universitäts-Alltag angekommen und wird nicht nur in den Lehrveranstaltungen von Anders Dam besprochen. Die Themen, die Hartmut Rosa anspreche, seien allgegenwärtig:

"Das gilt in Literaturwissenschaften wie auch in der Mathematik, würde ich sagen, also in allen Fächern. Wenn man neue Ideen hat, dieser kreative Prozess, da braucht man einen Begriff wie Unverfügbarkeit. Also in einer Art Reflexion was man hier macht an einer Uni. Das kann man nicht total planen, man kann es vorbereiten. Das ist so wie ein Interview, aber wenn es funktioniert, dann ist es unverfügbar."

Selbstreflexion – die ist mit der Wahl des Buches "Unverfügbarkeit" schon einmal als Angebot an alle Menschen in der Flensburger Universität gegangen. Jetzt wollen Studenten, Professoren und Verwaltungsangestellte noch mehr Honig saugen aus den Thesen von Hartmut Rosa. Derzeit treffen sie sich regelmäßig, um das Wintersemester zu planen. Dann soll die Auseinandersetzung mit "Unverfügbarkeit" auf allen Ebenen der Uni weitergehen. Ideen, wie das gelingen könnte, gibt es viele. Kathrin Fischer ist Sprecherin der Universität und gleichzeitig auch die Projektleiterin. Sie koordiniert die vielen Ideen und Vorschläge. Die sollen aber nicht nur auf dem Campus stattfinden:

"Eigentlich heißt es ja: eine Uni, ein Buch. Also es soll ja ein Buch auf einem Campus gelesen werden, es kann auch eine Fachhochschule sein, und wir haben von Anfang an gesagt, wir möchten aber die Stadt mit einbeziehen und wir haben Interesse daran, in diesen Austausch zu kommen. In so einen Transfer zwischen Zivilgesellschaft und akademischer Gesellschaft."

Zitate zum Nachdenken

Zu diesem Austausch beitragen möchte die Pilkentafel – ein Theater an der Flensburger Förde. Die Theatermacher wollen unter anderem Zitate aus dem Buch mit Kreide auf den Bürgersteig schreiben - sternenförmig von allen Ausfallstraßen zum Südermarkt hin, einem zentralen Platz in Flensburg. Schauspieler Torsten Schütte macht es vor. Für Torsten Schütte trifft das Zitat den Kern des Buches. Es gehe um eine eigene körperliche Reaktion auf etwas, das einen anspricht, erklärt der Schauspieler der Pilkentafel. Aber natürlich gebe es noch viele andere Zitate zum Nachdenken. Dass diese mit Kreide im möglicherweise regnerischen Oktober auf den Bürgersteig geschrieben und dann vielleicht schnell verlaufen werden, stört Elizabeth Bhode nicht. Sie leitet das Theater Pilkentafel:

"Wenn ich ein Graffiti an die Wand mache, dann ist das Sachbeschädigung und ich hinterlasse ewige Spuren. Mit Kreide schreibe ich was und hinterlasse eine Spur, sie ist aber vergänglich. Und das ist das, was ich passend zu dem Buch fand. Das man was tut und die Vergeblichkeit des Tuns ist schon mit drin. Also es holt diese Schrift aus der Ewigkeit raus, die sie sonst hat."

Die Pilkentafel beteiligt sich auch noch an einem anderen Projekt der Hochschule. Eines von Tania Meyer, die an der Universität Flensburg Professorin für Darstellendes Spiel, Theater und Performance ist. Mit anderen Kultureinrichtungen der Stadt will sie ihre Studenten ermutigen, Schulen in Flensburg zu besuchen , um dann dort Schüler für Kunstaktionen zu gewinnen:

"Das soll natürlich alles mit performativen und theatralen Mitteln stattfinden. Das heißt, wir müssen die Studierenden wie dann auch die Studierenden, die Schüler dazu bringen, auch mit ihren Körpern und Material, das die dann ja auch nutzen, etwas Intellektuelles in etwas Materielles und auch in den Körper reinzukriegen, um es dann weiterzutragen. Also es ist wie eine andere Sprache, wenn sie so möchten."

Geplant ist unter anderem ein Flashmob. Allerdings sollen die Studenten und Schüler dabei nicht agieren, sondern nach einem Startsignal in ihrer Bewegung innehalten. Für mindestens eine halbe Stunde. Es geht eben um bewusste "Unverfügbarkeit".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk