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StartseiteForschung aktuellTierbeobachtung aus dem All06.12.2019

Projekt IcarusTierbeobachtung aus dem All

Wann ist mit der nächsten Grippewelle in Deutschland zu rechnen und wo auf der Welt sind die Ernteausfälle durch Schädlingsbefall am größten? Genau das will das sogenannte ICARUS-Projekt ermitteln. Ein internationales Forscherteam setzt zur Beobachtung globaler Tierwanderungen dabei auf Daten aus dem All.

Von Guido Meyer

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Eine Animation des Projekts ICARUS und seiner Funktionsweise. (YouTube / Max-Planck-Gesellschaft)
Die globale Wanderung von Tieren kann Aufschluss über bevorstehende Naturkatastrophen geben (YouTube / Max-Planck-Gesellschaft)
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Mal angenommen: Irgendwo in Asien macht sich ein Schwarm Weidenammern auf den Weg Richtung Europa. Sobald die Singvögel ihre Reise begonnen haben, erhalten Biologen in Deutschland Informationen über den Gesundheitszustand der Tiere:

"Es geht zum Beispiel dabei um Vögel, die aus Asien nach Europa kommen und Grippeviren einschleppen. Wenn wir die Wege der Vögel kennen und sehen, die fliegen jetzt irgendwo in China los, dann können wir hier in Deutschland die Bestellung für Impfstoffe auslösen."

Friedhelm Claasen hat das Projekt ICARUS beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bonn mitentwickelt. ICARUS steht für International Cooperation for Animal Research Using Space, also für eine internationale Zusammenarbeit bei Tierforschung aus dem All:

"Es geht zum Beispiel auch um Erntevorhersagen, ganz einfach weil wir die Vögel, die Heuschrecken fressen, verfolgen können. Und die Vögel sind da, wo die Heuschrecken sind. Und dort wird es zu Ernteausfällen kommen."

Um künftig solche Vorhersagen zu ermöglichen, hätten Biologen in den vergangenen Jahren Hunderte von Tieren weltweit mit Sensoren bestückt – Vögel, Säugetiere und sogar Insekten, erklärt Martin Wikelski, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee:

"Und wenn wir Zigtausende von Spürhunden draußen haben, dann können wir verstehen, wie’s dem Leben auf der Erde wirklich geht. Das ist auch ganz wichtig, um sie zu schützen, weil von vielen Tieren noch unbekannt ist, wo sie brüten, wo sie überwintern, welche Gebiete sie zwischendrin brauchen."

Erhebungen auch unter dem Meeresspiegel

Nach den anfänglichen mehreren Hundert Flughunden, Schmetterlingen und Störchen sollen künftig bis zu 50.000 Tiere der verschiedensten Arten pro Jahr von Biologen mit Sensoren bestückt werden – zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Denn auch ins Wasserreich wollen die Wissenschaftler mit ihren Sensoren vordringen:

"Bei den Fischen sind wir gerade dabei, eine neue Methode zu etablieren, dass wir die Sender mit einer implantierten Platte, die unter der Haut sitzt, befestigen. Man kann sich das so vorstellen wie beim großen Hai zum Beispiel, da schwimmen ja auch draußen dran diese Putzerfische mit. So ähnlich sitzt dann der Sender auf dem Fisch und geht aber zu einer vorbestimmten Zeit hoch an die Oberfläche und sendet die Daten dann zur ISS."

Diese Sensoren messen permanent den Gesundheitszustand der Tiere. Sie wiegen nur rund fünf Gramm. Und sie sind gleichzeitig Sender: Im vergangenen Jahr hatte eine russische Progress-Rakete die entsprechende Hardware zum Empfang der Signale zur Internationalen Raumstation transportiert. Im August dann hatten Astronauten während eines Weltraumspaziergangs die Empfangsantenne an der Außenseite des russischen Servicemoduls befestigt. Ein Receiver im Inneren der ISS wird künftig die Signale vom Boden empfangen und weiterleiten zu verschiedenen Nutzerzentren auf dem Boden, zunächst beschränkt auf Deutschland und Russland. Johannes Weppler ist der Projektleiter von ICARUS beim DLR in Bonn:

"Der Sender an dem Tier speichert über einen gewissen Zeitraum diese ganzen Daten, Bewegung und eventuell auch Vitalfunktionen, und dann wird immer, wenn die Raumstation in Reichweite kommt, gesendet und ein Update, quasi, was ist zwischen dem letzten Zeitraum passiert."

Alle so gewonnenen Informationen werden in der Datenbank Movebank gespeichert. In spätestens drei Jahren werden die Informationen für die internationale Forschergemeinschaft frei zugänglich sein. Ausgenommen bleiben sensible Daten, wie der Aufenthaltsort bedrohter Nashörner. Ein speziell dafür eingesetztes Ethikkomitee soll im Zweifel über die Veröffentlichung entscheiden.

"Sobald oben die Anlage eingestöpselt ist und der Strom fließt, können die Tiere unten anfangen, die Daten hochzuschicken. Und ab da können wir wirklich weltweit über die Tiere das Leben auf der Erde beobachten."

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