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StartseiteCampus & KarriereUni-Rektor fordert "professionelles Gehalt" für Doktoranden08.11.2018

Promotionsstellen an HochschulenUni-Rektor fordert "professionelles Gehalt" für Doktoranden

Ingenieure und Informatiker bekommen bei einer Promotion oft eine 100-Prozent-Stelle. Bei Geisteswissenschaftlern ist das anders. Das müsse sich ändern, sagte der Rektor der Universität Duisburg-Essen, Ulrich Radtke, im Dlf. Er forderte volle Stellen für alle Doktoranden - auch als Zeichen der Wertschätzung.

Ulrich Radtke im Gespräch mit Kate Maleike

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Zahlreiche schwarze Doktorhüte werden hoch in den Himmel geworfen (dpa/Jan Woitas)
Man erwarte hohe Qualität von den Promotionen, gleichzeitig fehle es aber an Wertschätzung für die Arbeit der Dkotoranden, kritisierte Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen, im Dlf (dpa/Jan Woitas)
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Kate Maleike: Als Doktorandin oder Doktorand auf einer Teilzeit-Stelle, 50 oder 75 Prozent an einer deutschen Universität zu promovieren, ist kein Einzelfall. Das darf aber nicht weiter gehen, findet der Rektor der Uni Duisburg-Essen, Professor Ulrich Radtke und fordert die Universitäten jetzt auf, diesen wenig wertschätzenden Sparkurs zu stoppen. Promotionsstellen sollten künftig nur noch auf 100-Prozent-Stellen sein – sonst verliere man die Besten für den Wissenschaftsbetrieb. 

Nur – wie können die Unis diese Praxis ändern, wenn ihnen Geld fehlt? Darüber habe ich mit Ulrich Radtke gesprochen.

Ulrich Radtke: Ja, natürlich ist die Finanzsituation etwas, was mit meinem Vorschlag natürlich mir nicht nur Freunde innerhalb der Universität macht, weil natürlich hat man sich mit dieser Mangelsituation irgendwie arrangiert und hat versucht, durch Teilung von Stellen, möglichst dieses Problem zu umgehen. Aber es ist, was die Aussicht angeht, die besten Leute an die Universität zu holen, nicht nachhaltig, wenn man ihnen nur Teilzeitstellen oder halbe Stellen, Zweidrittelstellen anbietet. Und es ist auch ein Gerechtigkeitsempfinden, weil in manchen Fächern ganze Stellen per se geboten werden den Doktoranden, und in anderen nur die Hälfte. Das passt auch nicht zusammen.

Maleike: Also die Unterfinanzierung hat dazu geführt, dass die Hochschulen sich genau überlegen, in welchen Bereichen sie 100-Prozent-Stellen anbieten. Sie haben gerade eben die Praxis kurz angedeutet. Vielleicht können Sie das noch mal an einem Beispiel deutlich machen, wie unterschiedlich das eigentlich ist?

Radtke: Ich meine, viele Ingenieure, Wirtschaftsinformatiker und Ähnliche, die werden immer auf einer ganzen Stelle bezahlt, und Geisteswissenschaftler, sogenannte Buch- oder Reflexionswissenschaftler oft auf einer halben Stelle. Das spreizt sich so.

Früher gab es ja auch teilweise sogar nur wissenschaftliche Hilfskraftstellen oder studentische Hilfskraftstellen letztendlich, die zur Förderung dienten. Oder man musste sich so selbst finanzieren. Das finde ich nicht angemessen. Wir erwarten hohe Qualität von den Promotionen, und auch, dass die Doktorandinnen und Doktoranden auch ausreichend Zeit und eine professionelle Umgebung haben. Dann muss man auch ein professionelles Gehalt zahlen.

Radtke: Promotion nicht nur für den wissenschaftlichen Bereich wichtig

Maleike: Man könnte jetzt ja auch andersherum argumentieren und sagen, wenn für alle nicht 100 Prozent da sind, promovieren dann vielleicht zu viele?

Radtke: Da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Wir haben in Deutschland ungefähr 28.000 Promotionen, wovon, glaube ich, 9.000, so in der Größenordnung, Medizinpromotionen sind. Es gibt aber von UniWiND auch Vertreter, die sagen, die Promotion ist ja nicht nur für den wissenschaftlichen Bereich wichtig. Auch für viele andere gesellschaftliche Positionen ist eine gute Ausbildung, eine wissenschaftliche Ausbildung auch im Rahmen einer Promotion eine sehr gute Voraussetzung. Deswegen gehen die Meinungen auseinander.

Ich bin der Meinung, wir sind ein Land mit sehr vielen Promotionen. Das muss nicht ausgeweitet werden, aber man muss sehr genau schauen, in welches Berufsfeld man hinterher geht, ob das wirklich notwendig ist oder ob es nur eben persönliches Interesse ist. Ausweiten muss man es sicherlich nicht.

"Man kann nicht mehr so aus dem Vollen schöpfen"

Maleike: Sie sagen auch, Akademia verliert die Besten an die Wirtschaft. Was können Sie denn tun, um dieser großen Konkurrenz etwas entgegenzusetzen?

Radtke: Wenn man zumindest schon mal ganze Stellen anbietet – in hoch umkämpften Bereichen wie Informatik reicht oftmals auch eine ganze Stelle nicht, weil eine ganze Stelle bei uns ist nicht so hoch dotiert wie draußen. Aber das ist erst mal schon die Mindestvoraussetzung, dass man das tut. Wir haben sehr viel weniger Menschen. Die geburtenstarken Jahrgänge, das ist lange vorbei, und man kann nicht mehr so aus dem Vollen schöpfen.

Aber auch die Leidensbereitschaft der Leute in ihrem Work-Life-Balance und -Cycle, wie man das auch immer bezeichnen will, entscheiden sich dann mit den Füßen auch ganz anders. Die kommen dann einfach nicht an die Universität. Das merken wir dann teilweise gar nicht.

Jetzt versucht man natürlich, Leute zu halten, die hier sind. Die kennen die Umgebung, kennen den Professor und sagen, ja, gut, ich mach das jetzt erst mal auf einer halben – und dann sagt der, vielleicht kriegen wir noch im nächsten Jahr ein bisschen mehr Geld, und dann kann ich die Stelle aufstocken. Da bemühen sich die Kollegen ja auch, sind auch sehr erfinderisch, um die Stellen attraktiv zu machen. Aber grundsätzlich ist das für mich nicht der Ansatz, sondern man muss gleichziehen bei allen Wissenschaften, dass die alle 100-Prozent-Stellen bekommen. Das ist notwendig, um die Wertschätzung gegenüber dieser Arbeit auch zu zeigen. Wenn man ökonomisch sagt, man findet immer noch jemanden, der ja dann auch promoviert, auch auf der halben Stelle – das ist nicht der richtige Weg.

"Eine Zeitbeschäftigung ist üblich und sinnvoll"

Maleike: Also nehmen wir mal an, die Promotion passiert auf einer 100-Prozent-Stelle, dann winkt ja den Postdocs eigentlich auch wieder eine schwierige Zukunft, weil Zeitvertrag an Zeitvertrag sich in der Regel anschließt. Also ist die Wissenschaft an sich eigentlich als Arbeitgeber gerade nicht besonders interessant.

Radtke: Ich meine, man muss schon für die Wissenschaft brennen, und man muss …

Maleike: Aber man muss ja auch davon leben können.

Radtke: Ja, man muss intrinsisch motiviert sein. Aber gleichwohl ist es so, wir können nicht jedem garantieren, der promoviert hat, eine Doktorarbeit geschrieben hat, dass er in der Wissenschaft bleibt. 15 Prozent bleiben in der Wissenschaft. Das ist schon ein sehr selektiver Prozess. Und diese Selektion will ich überhaupt gar nicht ausschließen. Da sollen sich wirklich dann nur die Besten auch durchsetzen, und dafür gibt es keine Erfolgsgarantie. Die kann es nicht geben.

Deswegen ist auch nach der Promotion, in der Postdoc-Zeit, eine Zeitbeschäftigung üblich und sinnvoll auch, würde ich sagen. Nur, eine weitere Planung – und das fehlt bisher, so eine Stellenplanung, Personalplanung –, dass auch abseits der Professur eine planbare Karriere als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler gibt, im Mittelbau zum Beispiel oder im Wissenschaftsmanagementbereich oder im forschenden Bereich natürlich auch außerhalb der Universität. Da gibt es vieles, was man eben auch unterstützen sollte. Aber dass es eine Auslese bei den Besten innerhalb der Wissenschaft geben muss und deswegen Zeitverträge bis zur Professur notwendig sind, da habe ich kein Problem mit.

Maleike: Viele Hörer werden wahrscheinlich sagen, Herr Radtke ist ja selbst Rektor einer Universität. Gibt es bei Ihnen Promotionen inzwischen in der Regel auf 100 Prozent, oder wie gehen Sie selbst mit dieser Thematik um?

Radtke: Ich habe diesen Prozess hier angestoßen. Wir sind im Senat und im Hochschulrat gewesen. Da habe ich viel Zustimmung signalisiert bekommen. Und wir haben einen Termin für eine erste große Arbeitsgruppe eingerichtet, und jetzt werden wir die Implikationen – da sind ja auch viele arbeitsrechtliche Implikationen, besoldungsrechtliche Implikationen, fachspezifische je nach welcher Disziplin. Die Ausstattung vieler Professuren ist ja so, die haben nicht so viel Geld, gerade in den Buchwissenschaften, um eine ganze Stelle zu finanzieren.

Da muss man sich Lösungen überlegen. Man muss auch vielleicht einen Weg skizzieren. Es wird ja nicht schlagartig auf einmal erreichbar sein. Aber man muss sich ein Ziel setzen. Und wenn man sich kein Ziel gesetzt hat, dann geht man auch nicht auf den Weg. Wir müssen jetzt diesen Weg ausloten, wie wir möglichst zügig zu einer Regelung kommen, dass es für alle besser wird. Aber man muss sich selbst verpflichten, die Selbstverpflichtung haben, dass man einfach sagt, nein, das ist kein wettbewerbsfähiges Modell, um die besten Leute an der Uni zu halten. Und jeder Doktorvater, jede Doktormutter, Betreuerinnen, Betreuer möchten die Besten ja auch haben, und deswegen, dabei müssen wir sie unterstützen.

Maleike: Eine Promotion sollte in Deutschland an allen Universitäten möglichst auf einer 100-Prozent-Stelle passieren und nicht in Teilzeit oder auf 15 oder 20 Prozent. Dieser Meinung ist Professor Ulrich Radtke. Er ist Rektor der Universität Duisburg-Essen, und er hat jetzt ein entsprechendes Plädoyer formuliert. Danke, Herr Radtke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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